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Ende der Kinderarbeit in Sicht? 10 Jahre ILO-Konvention über das Verbot der schlimmsten Formen von Kinderarbeit

Ende der Kinderarbeit in Sicht? 10 Jahre ILO-Konvention über das Verbot der schlimmsten Formen von Kinderarbeit

Bilder dürfen wir erst nach Rückspache mit SD verwendenKinder schuften in einem Bergwerk in Potosí in Bolivien. Foto: Müller Die Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation Nr. 182 wurde am 17. Juni von den Mitgliedsstaaten der ILO angenommen. Sie verbietet jegliche Arbeit von Kindern bis zu ihrem 18. Lebensjahr, die ihre Gesundheit, Sicherheit und ihre moralische Entwicklung gefährdet. Ihr Ziel: Innerhalb von zehn Jahren sollten die schlimmsten Formen von Kinderarbeit beseitigt sein. Die zehn Jahre sind um - was wurde erreicht, wo gab es vielleicht sogar Rückschritte? Barbara Dünnweller, Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin im Gespräch mit Gunhild Aiyub.

Hat die Konvention Nr. 182 ihr Ziel erreicht oder war das von vorneherein utopisch?
Nein, das Ziel wurde nicht erreicht, und es war überaus ambitioniert. Zehn Jahre sind gemessen an dem Ausmaß und der Komplexität des Problems Kinderarbeit eine relativ kurze Zeit. Es sind zwar viele Programme und Projekte durchgeführt worden in diesem Zeitraum: von Staaten, der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit und von Nichtregierungs-Organisationen. Die Konvention ist in relativ kurzer Zeit von bisher 170 Staaten ratifiziert worden. Dieser hohe Stand ist aber kein Garant für die Überwindung von Kinderarbeit.

Schule auf RädernUnterricht für Straßenkinder in einer mobilen Schule in Manila. Foto: Kindernothilfe-Partner Welche Faktoren verhindern die Beseitigung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit?
Viele Faktoren spielen hier eine Rolle: Die Armutssituation in den Ländern hat sehr viel mit der Ausbeutung von Kindern zu tun - sehr viele Kinder in sehr armen Ländern müssen arbeiten, vor allem in afrikanischen Ländern wie z. B. in Malawi. Auf der anderen Seite gelten in Liberia 85 Prozent der Bevölkerung als extrem arm, aber „nur" ein Drittel der Kinder arbeiten. Es ist noch zu wenig untersucht worden, warum dies so ist. Fest steht, dass eine Reihe von sozio-kulturellen Faktoren eine Rolle spielen, wie etwa in Asien, wo die Schuldknechtschaft sehr verbreitet ist, was auf das Kastenwesen zurückzuführen ist.
Auch gibt es einen Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und Bildung, wobei viele arbeitende Kinder Schule und Arbeit verbinden und nicht grundsätzlich vom Unterrichtsbesuch abgehalten werden. Dies trifft allerdings nur im städtischen Bereich - auf dem Land, besonders in afrikanischen Ländern, können die Kinder nicht beides verbinden. Natürlich verhindert auch die Politik der Staaten, dass die schlimmsten Formen von Kinderarbeit beseitigt werden und deren Agenda die Einhaltung der Kinderrechte nicht als oberste Priorität ansieht, obwohl in sehr vielen Staaten junge Menschen 50 Prozent und weit mehr der Bevölkerung ausmachen.

Hat die ILO ihre Zielvorgaben jetzt korrigiert?
Nein. In ihrem Bericht aus dem Jahr 2006 hat die ILO aber schon einmal erklärt, dass das Ende der Kinderarbeit zum Greifen nah sei. Diesem Bericht lagen lediglich Stichproben aus 31 Ländern vor. Es gibt keine verlässlichen Statistiken über die genaue Zahl arbeitender Kinder. Es sind vielfach Schätzungen. Neueste Verlautbarungen der ILO sprechen von über 200 Millionen arbeitenden Kindern weltweit. 126 Millionen davon üben Tätigkeiten aus, die im Sinne der Konvention 182 gefährlich sind, sechs bis acht Millionen werden versklavt, müssen Zwangsarbeit leisten oder werden zur Prostitution gezwungen. Hier hört es sich schon zynisch an, von Arbeit zu sprechen: Hier geht es um Verbrechen. Insgesamt ist das Zahlenwerk der ILO auch sehr wackelig, weil die derzeitige Weltwirtschaftkrise das Problem Kinderarbeit eher verschärfen könnte.

Uganda, Afrika 2006Sieben von zehn Kindern arbeiten in der Landwirtschaft. Foto: Krämer Welche politischen Maßnahmen müssten ergriffen werden? Was tut die Bundesregierung?
Über 70 Prozent aller arbeitenden Kinder sind auf dem Land tätig. Deshalb sind ländliche Entwicklungsprojekte ebenso nötig wie eine staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik, die nachhaltig extreme Armut überwinden hilft. Auch muss dafür gesorgt werden, dass arbeitende Kinder auf dem Land zur Schule gehen können. Die IAO sollte entsprechende Projekte fördern. Es sollte nicht über die Köpfe von Kindern und Jugendlichen hinweg entschieden werden. Arbeitende Kinder leisten einen wichtigen Beitrag für ihre Familien und die Gesellschaften. Daher ist es wichtig, sie an Maßnahmen zu beteiligen, die zur Verwirklichung ihrer Rechte beitragen. Wenn es um Verbrechen geht, wie Prostitution z. B., müssen die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Die Bundesregierung fördert eine Reihe von Projekten und Programmen, führt den Dialog mit Unternehmen über Verhaltenskodizes und unterstützt den Fairen Handel. Sie setzt sich jedoch zu wenig für eine differenzierte Sichtweise des Problems ein. Denn „die" Kinderarbeit gibt es nicht. Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die Gesamtsituation eines Landes müssen ebenso berücksichtig werden wie soziokulturelle Faktoren, um sinnvolle Lösungen und Projektansätze zu finden. Maßstab und Leitlinie sollten die Rechte des Kindes sein.

PIC_15137_270x202_1280x960_0x0Mädchen, die in Haushalten arbeiten, müssen die Chance auf Bildung bekommen. Foto: Jürgen Schübelin Wie engagiert sich die Kindernothilfe im Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit?
Die Kindernothilfe unterstützt eine Vielzahl unterschiedlicher Projektansätze in diesem Bereich. So fördert sie zum Beispiel in Honduras und Haiti Mädchen, die in fremden Haushalten arbeiten. Diese Art der Arbeit ist sehr problematisch, da sie „unsichtbar" ist und es häufig zu Misshandlung und Missbrauch kommt. Die Mädchen bekommen die Chance, am Wochenende Bildung nachzuholen und berufspraktische Kurse zu besuchen, um in Zukunft eine andere Arbeit zu finden. Oder aber in Indien, wo wir durch die Förderung bei der Existenzgründung Familien unterstützen, deren Kinder in der Gefahr sind, in der Teppichindustrie ausgebeutet zu werden. Aufklärungs- und Bewusstseinsarbeit sind bei vielen Projekten ein wesentlicher Bestandteil, um Eltern, Dorfbewohner und staatliche Stellen für das Thema ausbeuterische Kinderarbeit zu sensibilisieren. In Deutschland gehört Bildungs- und Lobbyarbeit zum festen Programm der Kindernothilfe-Arbeit. Bildungsmaterialien für die Schule und die Erwachsenenbildung tragen zur Information und zur Bewusstseinsarbeit bei. Im Rahmen der Lobby- und Kampagnenarbeit setzen wir uns gegenüber der Bundesregierung und der EU für eine differenzierte Sichtweise und eine kinderrechtliche Perspektive ein. Von der ILO erwarten wir, dass sie eine unabhängige empirische Untersuchung der Ergebnisse des ILO-Programms gegen Kinderarbeit durchführt. Die gab es bisher nicht.


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