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Indien: Rettung vor der Tempelprostitution

Rettung vor der Tempelprostitution

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Seit Jahrhunderten arbeiten Mädchen und Frauen in hinduistischen Tempeln. Im Laufe der Zeit wurden sie dabei zu Prostituierten degradiert. Ihnen wurde eingeredet, dieser „Dienst für die Götter" sei „ihre heilige Pflicht". Ein Projekt in Bangalore bewahrt Mädchen vor diesem Schicksal.

 

 

Situation vor Ort
Renukas Großmutter hatte etwas Besonderes vor mit ihrer Enkelin. Das Mädchen sollte der Göttin Jelamma geweiht werden. Für die alte Frau bedeutet eine solche Weihe viel: In ihrer Welt haben Angehörige ihrer Kaste die Pflicht, der Göttin zu dienen. Doch die alte Tradition verdammt Mädchen wie Renuka zu einem unwürdigen Leben. Sie müssen Männern höherer Kasten aus dem Dorf zu Diensten sein - sie arbeiten als Prostituierte. Ein Projekt der Kindernothilfe bewahrt Renuka und andere Mädchen vor diesem Schicksal.

Mädchen und Frauen dienen seit Jahrhunderten in diesem so genannten Devadasi-System. Früher war der Dienst im Tempel aber völlig anders als heute. Damals waren die Devadasi-Frauen Dienerinnen der Priester, halfen ihnen bei Zeremonien. Sexuelle Dienste leisteten sie damals nicht. Im Laufe der Zeit aber wurden die Frauen zu Prostituierten degradiert. Familien höherer Kasten schickten ihre Töchter deshalb bald nicht mehr in den Tempel. Doch den Madigas, der untersten Gruppe der indischen Gesellschaft, blieb nicht anderes übrig. Ihnen bürdeten die Priester die angeblich heilige Pflicht auf, diesen „Dienst" für die Götter zu leisten. 22583_205x235_298x342_173x36zoomFoto: Kindernothilfe

Das Projekt (21620/AA/12)
„Tagsüber würden Männer diese Mädchen aus der Kaste der Unberührbaren nicht anfassen, ja noch nicht einmal in ihre Nähe kommen. Aber nachts missbrauchen sie sie", sagt Mercy Kappen. Sie arbeitet für den Kindernothilfe-Partner Visthar in Bangalore. Gemeinsam mit der Kindernothilfe unterstützt Visthar ein Projekt, das Mädchen wie Renuka vor einem Schicksal als Devadasi bewahrt.

Denn Renuka blieb der Weg in die sexuelle Ausbeutung erspart. Visthar leistet über lokale Gruppen und Partner in den Heimatdörfern der Mädchen Aufklärungsarbeit und unterstützt Frauen bei der Gründung von Selbsthilfe-Gruppen. Viele von ihnen müssen erst einmal begreifen, dass sie keinesfalls die Pflicht haben, den Männern zu Diensten zu sein. „Wir würden sagen: ‚Diese Frauen sind Prostituierte.' Aber sie selbst sehen sich als Dienerinnen der Götter", sagt Mercy Kappen. Erst durch die Aufklärungsarbeit begreifen die Frauen, dass sie ausgebeutet werden.

zoomFoto: Kindernothilfe Eine Frauengruppe aus Renukas Dorf überzeugte die Familie des Mädchens schließlich, sie ins Bandhavi-Projekt zu schicken. Dort lebt die 14-Jährige mit 50 anderen Mädchen. Allen drohte ein Leben als Tempelprostituierte. Zum Bandhavi-Campus gehören Unterkünfte und eine Schule. Hier bekommen die Mädchen eine umfassende Bildung: Neben dem klassischen Unterricht gibt es auch kreative Fächer wie Tanzen oder Theaterspielen. Schon der Schulbesuch ist etwas Besonderes für die Mädchen. Sie stammen aus so armen Familien, dass viele nur kurz oder gar nicht zur Schule gegangen sind. Entweder können die Eltern Schulgeld und Uniform nicht zahlen oder sie halten es erst gar nicht für notwendig, ihre Töchter zum Unterricht zu schicken. Mädchen werden in Indien auch heute noch sehr oft zwangsverheiratet, die Familie der Braut muss eine Mitgift zahlen. „Viele Eltern glauben deshalb, es sei Geldverschwendung, ihre Töchter zur Schule zu schicken", so Mercy Kappen.

In Bandhavi blühen die Mädchen auf. „Erst sind sie schüchtern und verschlossen. Doch schon nach wenigen Monaten entwickeln die Kinder Wissensdurst, sind spontan und fröhlich", erzählt Mercy Kappen. Und, vielleicht noch viel wichtiger: Sie wissen genau, wovor Bandhavi sie bewahrt. Sie wissen: Sie haben das Recht auf ein Leben in Würde und das Recht, eigene Entscheidungen für ihr Leben zu treffen.

Ziel der Arbeit von Visthar und der Kindernothilfe ist es nicht nur, die Mädchen aus ihren Dörfern zu holen und in die Schule aufzunehmen. Mit Aufklärungsarbeit und der Gründung von Selbsthilfegruppen sollen langsam aber sicher auch die Menschen in den Heimatdörfern der Kinder erkennen, wie unwürdig das Devadasi-System ist.

Renuka sagt heute: „Ich hatte mich schon mit meinem Schicksal als Devadasi abgefunden. Aber jetzt können meine Träume für die Zukunft wahr werden. Ich führe jetzt ein neues Leben."

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