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Ein Bordo in San Pedro Sula. (Quelle: Miguel A. Cabrera)

Zeichen setzen gegen die Gewalt

Honduras: Es gilt als das gefährlichste Land der Welt außerhalb von Kriegsgebieten. Armut, Perspektivlosigkeit und Straflosigkeit sind Nährboden für Kriminalität und Gewaltverbrechen. Bereits Kinder werden in kriminelle Machenschaften verwickelt, die viele von ihnen mit dem Leben bezahlen. Auch die Kindernothilfe-Partner, die sich für junge Menschen engagieren, brauchen viel Mut für ihre Arbeit.

Von Judy Müller-Goldenstedt, Referentin für Honduras

José hat eine Menge Freunde in seinem Viertel. Doch einige von ihnen liegen bereits auf dem Friedhof von San Pedro Sula im Nordosten von Honduras. Wie José waren manche erst elf Jahre alt, andere zwölf oder 14. Sie wurden getötet, weil sie als Drogenkuriere tätig oder anderweitig in krumme Geschäfte verwickelt waren.

Viele Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln von San Pedro Sula geraten zwischen die Fronten von rivalisierenden Banden. Je älter sie werden, desto größer ist die Gefahr, dass sie in den Fängen der Maras, der kriminellen und gewalttätigen Jugendbanden, landen.

In den Bordos leben die Menschen unter extremen Bedingungen

Ein Junge im Bordo von San Pedro Sula. (Quelle: Julia Burmann)
In den Bordos von San Pedro Sula gibt es keine Kanalisation.

Honduras gilt als das gefährlichste Land der Welt außerhalb von Kriegsgebieten. Mehr als die Hälfte der 8,3 Millionen Einwohner lebt in Armut. Die Zahl der Gewaltverbrechen steigt, die meisten bleiben unaufgeklärt. Neben gewalttätigen Jugendbanden nimmt vor allem das organsierte Verbrechen stetig zu. San Pedro Sula ist mit jährlich 169 Morden pro 100.000 Einwohner trauriger Spitzenreiter im internationalen Städtevergleich. In den Armenvierteln an den Flüssen der Stadt, den sogenannten Bordos (auf Deutsch: Flussufer), leben rund 7.500 Familien unter extremen Bedingungen. Hier gibt es kein sauberes Trinkwasser, keine Kanalisation. Während der Regenzeit fallen viele Hütten unter den Wassermassen zusammen, die Flüsse treten über die Ufer und reißen das wenige Hab und Gut der Menschen mit sich. Armut und Perspektivlosigkeit entladen sich hier in den Bordos in hohem Maße in Gewalt und Kriminalität.

Die Kindernothilfe fördert in Honduras besonders lokale Partner, die sich für die Bekämpfung von Armut und Gewalt einsetzen: „Uns ist es wichtig, Organisationen zu unterstützen, die die Selbsthilfekräfte der Menschen stärken und versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Ursachen von Armut und Gewalt zu bekämpfen“, betont Elmer Villeda, Leiter des Kindernothilfe-Koordinationsbüros in Tegucigalpa. „Das geht nur unter Einbeziehung aller: Kinder, Familien, Gemeindeorganisationen und staatlichen Stellen.“

Seit Anfang 2013 unterstützt die Kindernothilfe ein Projekt zur Gewaltprävention in den Armenvierteln von San Pedro Sula. Träger ist die Comisión de Accion Social Menonita (CASM), die einzige Nichtregierungsorganisation, die in den gefährlichen Bordos tätig ist. „Es gibt natürlich Vorsichtsmaßnahmen, die wir beachten müssen“, sagt CASM Projektleiter Denis, dessen Nachname aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann. „Aber ja, wir riskieren trotzdem jeden Tag unser Leben – gewalttätige Überfälle und Angriffe sind in diesen Vierteln an der Tagesordnung. Doch die vielen Kinder und Jugendlichen in den Bordos sind uns dieses Risiko wert!“

„Wir riskieren jeden Tag unser Leben – doch die Kinder sind uns dieses Risiko wert“

CASM arbeitet gemeinsam mit den Bordos-Bewohnern daran, die Gewalt in fünf der insgesamt 16 Armenviertel zu reduzieren und die Lebensbedingungen der Kinder langfristig zu verbessern. „Wir wollen jungen Leuten durch Bildung, Ausbildung und Freizeitangebote Zukunftsperspektiven bieten und Alternativen zu den Jugendbanden aufzeigen“, erklärt Denis. „Ein von Gewalt geprägtes Umfeld kann die Entwicklung und Gesundheit eines Kindes massiv beeinträchtigen und beispielsweise zu Entwicklungsverzögerungen, Lernproblemen, körperlichen Erkrankungen, Depressionen oder Drogenmissbrauch führen.“ Gemeinsam mit den Familien möchte CASM ihre Lebensbedingungen verbessern; Präventionsarbeit und Kampagnen sollen helfen, häusliche Gewalt zu verhindern. Dabei ist auch die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren wichtig, die sich für Kinder einsetzen – etwa Schulen, Kirchen, Gesundheitsposten und dem nationalen Kinder- und Familieninstitut (IHNFA).

José jongliert mit Tennisbällen. Das ist seine Lieblingsbeschäftigung. Zeit dazu hat er in Hülle und Fülle, denn die Schule kennt er nur von außen. Er lebt allein mit seiner Mutter, der Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht. Josés Mutter geht einer geregelten Arbeit in einer Bäckerei nach, was hier im Bordo nicht selbstverständlich ist. Um acht Uhr verlässt sie das Haus und schließt die Tür ab. Erst wenn sie abends wieder nach Hause kommt, wird die Tür aufgeschlossen. José ist den ganzen Tag ausgesperrt, völlig auf sich allein gestellt. Die Gefahr, dass er sich Banden anschließt, um so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben, ist groß.

Josés größter Wunsch: zur Schule gehen zu dürfen. Doch seine Mutter hat kein Geld für Schuluniform, Bücher, Hefte und Stifte. Der Kindernothilfe-Partner CASM ist auf den Jungen aufmerksam geworden. Als einer von 500 Kindern und Jugendlichen wird er jetzt ins Förderprogramm aufgenommen. Dann kann er die Schule besuchen und später einen Beruf erlernen, den Lebensunterhalt selbst bestreiten und ist besser davor gefeit, in die Fänge einer der Maras zu geraten. Er kann an Freizeitaktivitäten teilnehmen, und CASM wird ihm auch zeigen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und dass er in Gemeinschaft mit anderen etwas in seiner Umgebung verändern kann. Das wird ihm Selbstvertrauen für die Zukunft geben.

Das Ziel: Kinder vor gewalttätigen Übergriffen schützen

Eine Psychologin im Gespräch mit einem Mädchen. (Quelle: Jürgen Schübelin)
Psychologische Beratung: Fachleute gehen Problemen der Kinder behutsam auf den Grund.

Während das neue Projekt noch in den Kinderschuhen steckt, beweist ein seit 2004 laufendes Programm in der Hauptstadt Tegucigalpa, wie ein solcher Ansatz funktioniert und erfolgreich für Veränderungen sorgt. Die Kindernothilfe unterstützt diese Arbeit seit 2011.

Der Kindernothilfe-Partner Asociación para una Sociedad más Justa (ASJ) hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Tegucigalpa zu verbessern und sie vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen. Damit die Arbeit möglichst umfassend und nachhaltig ist, holt sich ASJ viele verschiedene Akteure mit ins Boot – Eltern, Kinder, Jugendliche, Lehrer, Kirchen, Justizbeamte, Stadtverwaltung, andere NGOs. Das Projekt wird in Kooperation zwischen der Kindernothilfe und der Medicor Foundation aus Liechtenstein finanziert und bietet Rechts- und psychosoziale Beratung, Familienbildung, Kinder- und Jugendclubs, Ausbildungskurse, Schulbildungsförderung sowie die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen. Der Erfolg gibt diesem ganzheitlichen Ansatz recht: Die Vergewaltigungs-, Überfall- und Selbstmordraten in der Projektregion konnten mittlerweile um die Hälfte reduziert werden, während die Zahlen im Landesvergleich im selben Zeitraum anstiegen.

Ricardo lebt mit seiner Mutter und vier Geschwistern in Nueva Suyapa, einem Armenviertel am Rande von Tegucigalpa. Sein Vater hat die Familie vor Jahren verlassen, und nun muss die Mutter die Familie alleine durchbringen. Seit ein paar Monaten ist Ricardo Mitglied in einem ASJ-Kinderclub in seinem Viertel. Begeistert erzählt er von den wöchentlichen Treffen in den Räumlichkeiten der Kirchengemeinde, bei denen die Kinder gemeinsam spielen, Gemeindeaktivitäten planen und sich über wichtige Themen unterhalten.

"Das ganze Vietel war erstaunt, dass junge Leute sich um das Problem gekümmert haben"

Geleitet werden die Treffen von dem jungen ehrenamtlichen Mitarbeiter Juan. Letzte Woche haben die Kinder und er die Straße gegenüber, die durch die großen Löcher kaum noch passierbar war, ausgebessert. „Das ganze Viertel hat uns zugeschaut und war erstaunt, dass junge Leute sich um das Problem gekümmert haben“, erzählt Ricardo zufrieden. ASJ hat ihn auch dabei unterstützt, wieder zur Schule zu gehen. Man merkt dem Zehnjährigen nicht an, dass die letzten Monate für ihn und seine Familie sehr schwer gewesen sind. Sein ältester Bruder wurde vor einem Jahr erschossen aufgefunden. Bis heute hat die Polizei den Fall nicht aufgeklärt. Der Junge gehörte keiner Bande an. Viele im Viertel vermuten, dass er vielleicht etwas gesehen hat, wofür es keine Zeugen geben sollte.

Ricardos Mutter leidet sehr unter dem gewaltsamen Tod ihres Sohnes. Sie ist froh über die psychologische und rechtliche Beratung von ASJ – sie hat Anzeige erstattet, sie will, dass die Mörder ihres Sohnes gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden. ASJ unterstützt sie dabei.

In den Kinderclubs gilt: Lernen durch Ausprobieren und Spaß

Jugendlicher beim Workshop zur Gewaltprävention. (Quelle: Julia Burmann)
In Workshops lernen Kinder und Jugendliche, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Die Kinderclubs basieren auf einem pädagogischen Konzept, das Jugendlichen durch Spiel, Sport und Engagement für die Gemeinde demokratische Werte, Lebenskompetenzen und andere dafür wichtige Fähigkeiten näherbringt. „Ein wichtiges Prinzip des Ansatzes lautet: Lernen durch Erfahrungen, Ausprobieren und Spaß“, so die Programmkoordinatorin Miriam. Bei den regelmäßigen Treffen lernen die Kinder einander zu respektieren und sich als Gruppe stark zu fühlen. Besonders wichtig ist es für die Kinder, die aus einem extrem gewalttätigen Milieu stammen, Werte und Respekt zu erlernen. Damit sie sich auch für ihre Gemeinde einsetzen und ihre Vorschläge für Gemeindeprojekte repräsentativ ausarbeiten können, lernen sie den Umgang mit dem Computer, kreatives und kritisches Denken, Entscheidungs- und Problemlösefähigkeit, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit und Teamwork.

„Am 24. November sind Wahlen in Honduras“, sagt Miriam. „Wir hoffen, dass die kommende Regierung mehr in Sozialprogramme und (Aus-)Bildungsprogramme investiert, damit junge Menschen in unserem Land eine Zukunftsperspektive bekommen.“

Ricardo packt seine Schulbücher zusammen. Er hat heute Nachmittagsunterricht. „Jeden Tag zu lernen ist gar nicht so leicht“, gibt er zu, „aber ich halte das durch. Ich mache meinen Abschluss, schließlich will ich später Automechaniker werden!"

Projekt Nr. 82027


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