
Patenkind Milena in Rio de Janeiro. Foto: privat
Im September 2008 reiste Daniel Schmidt aus Kaiserslautern nach Brasilien. Dort besuchte er sein Patenkind Milena und das Projekt, in dem das Mädchen einen großen Teil ihrer Zeit verbringt. Die Zeit in Rio de Janeiro war sowohl für den Paten als auch für sein Patenkind und die anderen Kinder im Projekt eine tolle Erfahrung.
Wenn sie an Rio de Janeiro denken, haben die meisten Menschen sofort den Zuckerhut, die Copacabana und den weltberühmten Karneval vor Augen. Aber in Brasilien gibt es auch eine zweite Realität, denn die Schere zwischen Arm und Reich ist hier so groß, wie fast nirgendwo sonst. Und auch das erlebt man in Rio de Janeiro sehr direkt, denn von praktisch überall aus kann man wenigstens eine der über 600 Favelas sehen, wie die Armutsviertel in Brasilien genannt werden.
Seit Februar 2008 unterstütze ich mein Patenkind Milena, die seit dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Großmutter in einer dieser Favelas in Rio de Janeiro lebt. Als ich im Sommer 2008 einen Urlaub in Brasilien plante, nahm ich mir vor, auch Milena zu besuchen. Ich wollte mir ein eigenes Bild davon machen, wie sie lebt und was meine kleine Hilfe bewirken kann. Der Kontakt nach Brasilien wurde über eine Mitarbeiterin der Kindernothilfe hergestellt. Alles ging völlig unkompliziert, und es war überhaupt kein Problem, das Projekt zu besuchen.
Brasilianische Begrüßung

Daniel Schmidt mit Milena und ihrer Großmutter. Foto: privat
In Rio de Janeiro angekommen, machte ich mich auf, um mein Patenkind zu Hause zu besuchen. Sie und ihre Großmutter leben in der Favela Cerro Corá. Als Treffpunkt hatten wir den Fuß des Corcovado ausgemacht. Mitten zwischen den Touristen, die von hier aus zu der berühmten Christusstatue strömen, erwarteten mich Fátima, eine Projektmitarbeiterin, und ein kleines, quirliges Mädchen mit lachenden wachen Augen und dem Schalk im Nacken! Die Begrüßung fiel - typisch brasilianisch - unheimlich herzlich aus, und zu Fuß ging es dann einen beschwerlich steilen Weg hinauf in die Favela. Als Gringo fiel ich natürlich überall sofort auf, aber in Begleitung von Fátima, die jeden dort kannte, fühlte ich mich sehr sicher. Sie erzählte mir auch, wie das Leben in der Favela funktioniert, wie sich die Favelistas organisieren und einen Präsidenten wählen, der ihre Interessen gegenüber der Stadt, den Elektrizitätswerken und anderen Versorgern vertritt. Es wurde schnell klar, wie viele Probleme es gibt, und dass Bildung Milenas einziger Weg aus der Favela sein kann.
Bald hatten wir Milenas Haus erreicht, wo mich ihre Großmutter mit offenen Armen empfing. Und sie bestätigte meinen ersten Eindruck: Das Projekt „Dando bola prá vida" (in etwa: den Ball zum Leben zuspielen) wird in der Favela sehr begrüßt, denn alle dort wünschen den Kindern bessere Chancen. Und das trauen sie Fátima und ihren Kollegen, die ein hohes Ansehen in der Favela genießen, zu!
Zwei Kulturen treffen aufeinander

Milena zeigt ihr Können auf Stelzen. Foto: privat
Am Nachmittag nahm ich am Programm des Kindernothilfe-Projekts in der Favela teil. Dreimal in der Woche finden hier Aktivitäten für die Kinder hier statt. Zum Beispiel proben sie regelmäßig für Zirkusvorstellungen, und Milena zeigte mir stolz, wie sie auf Stelzen gehen kann. Dann war ich dran, den Kindern einen Einblick in mein Leben, mein Land und meine Kultur zu geben. In gebrochenem Portugiesisch erzählte ich gebannt zuhörenden Kindern ein wenig über Deutschland und zeigte ihnen dabei Bilder aus einem Bildband, den ich mitgebracht hatte. Ballack und Podolski kannten alle, aber von den Jahreszeiten in meinem Heimatland, von Schnee und jahreszeitlich unterschiedlichen Bräuchen hatten sie noch nie gehört. Das war für die Kinder schon spannend, aber nichts konnte die von mir mitgebrachten Süßigkeiten schlagen. Ich hatte verschiedene Sorten Weihnachtsplätzchen im Gepäck, von denen die Kinder begeistert waren. Weniger beliebt waren die Lakritzschnecken. Allerdings dienten sie zur Belustigung, denn das Aufdrehen der Schnecken macht nicht nur deutschen Kindern Spaß. Besonders lustig war es, als alle Kinder Brausepulver probierten. Es herrschte Uneinigkeit unter ihnen, ob das Prickeln auf der Zunge toll war oder eher doch nicht.
Abschied - auf Zeit

Milena und ihre Freundinnen spielen Twister. Foto: privat
Zum Abschluss haben wir alle zusammen Spiele gespielt z.B. Twister, ein Spiel bei dem man sich verbiegen muss und das ganz international auch ohne sprachliches Verständnis unheimlich viel Spaß macht, und „Mensch ärgere dich nicht". Alle Kinder waren lebhaft und fröhlich, und wir hatten einen tollen Nachmittag zusammen. Leider verging die Zeit viel zu schnell, und der Abschied nahte. Und auf dem Weg aus der Favela heraus sahen wir wieder den Postkartentraum. Die Erlöserstatue im Rücken, den Blick über die Dächer der Stadt auf den Zuckerhut und das Meer.
Auch wenn es in den Favelas von Rio de Janeiro noch viele Probleme gibt, wie Drogen, Müll und schlechte öffentliche Schulen, war mein Besuch bei Milena für mich unheimlich wertvoll. Und gerade wegen der Probleme ist es wichtig, dass die Kinder in dem Kindernothilfe-Projekt die Chance bekommen, sich zu entfalten, ihre Zeit sinnvoll zu gestalten und vielleicht den großen Spalt der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich zu überspringen.
Alles in allem war es ein tolles, ein lehrreiches und unvergessliches Erlebnis, das mich bis heute tief beeindruckt. Wenn ich das nächste Mal nach Rio de Janeiro reise, werde ich das Projekt sicher noch einmal besuchen.
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