Im Dezember 2009 besuchte Dr. Anja Dietzel aus Köln A. Sathiadass und seine Familie in Virudhunagar. Bereits als Jugendliche hatte sie die Patenschaft für den indischen Jungen übernommen. Außerdem traf sie ihr aktuelles Patenkind Selva Ganesh in Sachiapuram.

Selva Ganesh, Dr. Anja Dietzel, A. Sathiadass bei der Einweihung des Geländes einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung, die A. Sathiadass durch seine eigene Stiftung bauen lässt. Fotoa: privat
Der Zug fährt langsam in den Bahnhof ein. Auf dem Bahnsteig kann ich Sathiadass und seine Frau sehen, die unruhig vor dem Zug hin und her laufen, versuchen, in jedes Fenster hinein zu schauen. Ich freue mich, dass ich nun zum dritten Mal innerhalb von 25 Jahren die Möglichkeit habe, mein Paten"kind" zu treffen.
A. Sathiadass: Ich komme aus einer sehr armen Familie und lebte in einer Strohhütte. Ich habe zwei ältere und einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester. Mein Vater und meine Mutter arbeiteten als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Als ich 11 Jahre alt war, wollte mein Vater mich auf eine höhere Schule schicken und beantragte Unterstützung, da er meine Schulbildung nicht finanzieren konnte. Ich aber wollte unbedingt weiter zur Schule gehen und etwas aus meinem Leben machen. Schließlich wurde ich ins Patenschaftsprogramm der Kindernothilfe aufgenommen.
1985 hatte ich als Voluntär über die Kindernothilfe zum ersten Mal die Möglichkeit, nach Indien zu reisen und im Rahmen meines Aufenthaltes auch mein damaliges Patenkind zu treffen. Sathiadass besuchte damals die weiterführende Schule in Paramakuddi. Da wir im gleichen Alter waren, stellten wir schnell fest, dass wir uns gut verstehen.
Als ich meine Paten"mutter" zum 1. Mal traf, war ich sehr, sehr glücklich und dankte Gott. Ich war sehr überrascht, dass meine Patenmutter fast gleich alt war wie ich, und habe mich gewundert, dass sie mich schon als Jugendliche unterstützt hat. Wir mieteten einen Wagen und besuchten mein Dorf. Ich war sehr glücklich und dankbar für diese Möglichkeit.
A. Sathiadass gründete Stiftung für Bedürftige
Nachdem ich Sathiadass und seine Familie 2004 noch einmal besuchen konnte, ist es heute das dritte Mal, dass wir uns sehen. Sathiadass lädt mich ein, bei ihm und seiner Familie in seinem Haus zu leben. „In meinem Haus wird immer ein Zimmer für dich frei sein, große Schwester." Sathiadass arbeitet inzwischen als Schulleiter der TELC Middle School in Virudhunagar, ist verheiratet und hat einen Sohn und zwei Töchter. 2003 gründete er eine Stiftung, mit der er seinerseits Bedürftige in Indien unterstützt.
Nach dem Abschluss der 12. Klasse machte ich zuerst meinen Bachelor in Körperbehindertenpädagogik und dann meinen Abschluss als Lehrer. Heute arbeite ich als Schulleiter einer weiterführenden Schule.

Dr. Anja Dietzel unterhält sich mit ihrem gehörlosen Patenkind Selva Ganesh in Gebärdensprache.
Selva Ganesh macht eine Ausbildung im IT-Bereich
Zusammen mit seiner Familie unternehmen wir verschiedene Ausflüge in die Umgebung. Dazu gehört auch ein Besuch meines derzeitigen Patenkindes Selva Ganesh, einem gehörlosen Jungen. Seit unserem ersten Besuch dort im Jahre 2004 hat er sich zu einem sehr guten Schüler entwickelt, der die 10. Klasse als Bester aller Sonderschulen im Distrikt abschloss. Seit diesem Jahr besucht er das College und macht dort eine Ausbildung im IT-Bereich.
Eines der schönsten Erlebnisse bleibt das Weihnachtsfest, das wir dieses Jahr zusammen feiern konnten. Auch wenn die Zeit hier nur so zu fliegen scheint, ich bin dankbar, dass wir diese Möglichkeit des erneuten Treffens hatten und bin sicher, dass wir auch in Zukunft in Kontakt bleiben werden.
Heute bin ich in der Lage, meine Familie zu versorgen und viele behinderte Schülerinnen und Schülern durch meine Stiftung, die ich gegründet habe, finanziell zu unterstützen. Zurzeit bin ich dabei,eine Sonderschule für Kinder mit geistiger Behinderung aufzubauen. Mein Vater war selbst behindert, meine Patenmutter arbeitet mit behinderten Kindern, deswegen möchte auch ich behinderten Kindern eine Chance geben. Hier in meinem Distrikt gibt eine keine Schule für Kinder mit geistiger Behinderung. Dieser Aufgabe möchte ich mich annehmen. Die Unterstützung der Kindernothilfe hat mein Leben verändert, ohne diese Unterstützung hätte ich mich nie so entwickelt. Ich danke Gott täglich für diesen Wendepunkt in meinem Leben und bin der indischen Kirche, der Kindernothilfe und meiner Patenmutter sehr dankbar.
Wenn ich mir anschaue, was aus Sathiadass geworden ist, habe ich vor Augen, wie viel eine Patenschaft bewirken kann. Nicht nur, dass Sathiadass selbst die Schule besuchte, eine gute Ausbildung erhielt und heute als Schulleiter arbeitet, er unterstützt auch seine Familie. Eine kleine Hilfe mit großer Wirkung!

Unterhaltung in Gebärdensprache mit Selva Ganesh.
Das Ziel ist erreicht
Ich werde mich nun aus Indien zurückziehen. Das Korn ist gesät. Selva Ganesh, mein letztes Patenkind, besucht nun das College und hat sich zu einem engagierten jungen Mann entwickelt, der seinen Weg gehen wird, seine Vergangenheit dabei nicht vergisst und sich für positive Entwicklung in einem eigenen Land einsetzen wird.
Mein Ansinnen war es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten – das ist nun erreicht!