
Ehepaar Knost mit den Fotos von einigen ihrer 15 Patenkinder. Foto: Ralf Krämer
Martin Knost ist einer der ersten Kindernothilfe-Paten: 1959 übernahm er die Patenschaft für das neunte Kind, das die Kindernothilfe in ihr Förderprogramm holte. Heute ist die inzwischen 58-jährige Inderin Pansy Francis Mutter von zwei Kindern und arbeitet als Krankenschwester. Martin Knosts Engagement für Kinder aus armen Verhältnissen steckte an - in Familie, Freundeskreis und in kirchlichen Kreisen begann man schon sehr bald, Spenden für weitere Patenkinder zu sammeln.
Wir treffen uns auf halber Strecke zwischen Duisburg und Martin Knosts Wohnort Rahden. Knost hat seine Frau Ingrid mitgebracht. Im Gepäck zwei dicke Ordner mit Briefen, Projektberichten, peniblen Spenden-Aufstellungen und Zeitungsartikeln. Die Kindernothilfe begann ihre Arbeit 1959 mit fünf indischen Patenkindern. Martin Knost übernahm die Patenschaft für das neunte Kind: Pansy Francis aus Bhiwani im Punjab, damals neun Jahre alt. „Ich war beim Bund und gerade auf Wochenend-Urlaub zu Hause", erinnert sich der 70-Jährige. „Da zeigte mir meine Mutter eine christliche Zeitschrift, in der eine Patenschafts-Anzeige der Kindernothilfe abgedruckt war. Da hab ich gleich gesagt: Das ist es! Persönliche Hilfe, die Möglichkeit, die Entwicklung des Kindes zu verfolgen anhand von Briefwechsel und Heimberichten. Und das Kind wird nicht nur ernährt und gekleidet, sondern bekommt eine Schul- und eine Berufsausbildung. Für mich war das die Idealform der Entwicklungshilfe. Und obwohl ich wenig Geld hatte, hab' ich gesagt: Das machst du!"
Mitte 1960 lernte Martin Knost seine Frau kennen, die sich auch sofort für das indische Mädchen interessierte. Von da an finanzierten die beiden die Patenschaft gemeinsam. 1964 übernahmen sie ein zweites Patenkind.

Pansy Francis als junge Frau. Foto: Kindernothilfe-Partner
Gesammelte Werke aus 50 Jahren: Briefe, Fotos, Zeitungsartikel
Während des Interviews blättert Martin Knost immer wieder durch den dicken Packen Papier auf dem Tisch. Sein Kaffee ist längst kalt geworden. Er möchte uns so viel zeigen, zeigt hier auf ein Datum, dort auf eine Zeichnung, mit der ein Kind seinen Brief geschmückt hat. Der pensionierte Kaufmann hat alles akribisch gesammelt. Jeden Brief der insgesamt 15 Patenkinder, in den ersten Jahren noch auf hauchdünnem Papier verfasst, jeden Brief aus der Kindernothilfe-Geschäftsstelle, anfangs noch auf der mechanischen Schreibmaschine getippt; jeden Bericht aus dem Projekt des jeweiligen Patenkindes; vergilbte Zeitungsartikel über Veranstaltungen in Rahden, in denen für die Kindernothilfe gesammelt wurde. Die Passfotos der Kinder hatte er auf DIN A4 vergrößert und ordentlich in Klarsichthüllen abgelegt.

Das ehemalige Patenkind heute - mit Ehemann und den beiden Söhnen. Foto: privat
Ehepaar Knost förderte Pansy, bis sie 1975 ihre Ausbildung als Krankenschwester abgeschlossen hatte. Der Kontakt zu der damals 24-Jährigen brach auch danach nicht ab. Pansy schickte Fotos von ihrem Ehemann, von ihren beiden Kindern. Da sie selbst kaum Englisch spricht, lässt sie die Briefe von einem Nachbarn übersetzen. Sie erkundigt sich nach den Knost-Kindern, bittet um aktuelle Fotos und lädt die Paten zu sich ein, um mit ihnen Weihnachten zu feiern. Sie berichtet, dass ihr Vater schwer krank ist und ihr Mann arbeitslos. Während der Fußball-WM 2006 drücken sie und ihre Familie Deutschland die Daumen: „Wir sehen gerade die World-Cup-Spiele im Fernsehen. Wir hoffen, dass Deutschland unbedingt gewinnt!" Aus dem schüchternen unterernährten Mädchen von damals ist heute eine 59-Jährige Mutter geworden, die ihre Familie versorgt. Während Pansy Francis in einer Slumhütte aufwuchs, lebt sie heute in einem soliden Häuschen in mit Telefonanschluss. „Anuj Masih hat gerade seine Prüfung mit guten Zensuren abgeschlossen", schrieb sie im September 2006 stolz über ihren ältesten Sohn, „und jetzt will er eine Ausbildung beginnen." Man spürt, dass die beiden Paten ab wirklich mit Leib und Seele hinter den Patenschaften stehen, wie wichtig ihnen die jungen Menschen in Indien sind. Auch an ihrer Familie und ihren Freunden ging das nicht spurlos vorüber.

Stolz auf die große Schwester in Indien
„Unsere beiden Kinder haben schon sehr früh mitgeholfen, die Patenkinder mit ihrem Taschengeld zu unterstützen", erzählt Ingrid Knost. „Unsere Petra war richtig stolz darauf, dass sie eine große Schwester in Indien hatte." Die heute 40-jährige Therapeutin hatte ihren Eltern, als sie von dem Interview erfuhr, extra noch mit auf den Weg gegeben: „Sagt ihnen, mein Bruder und ich fanden die Patenschaften richtig toll, und wir haben nie das Gefühl gehabt, dass wir deswegen zu kurz gekommen wäre."
Martin Knosts Schwester reihte sich ebenfalls bald in die Schar der Kindernothilfe-Paten ein.
Und auch in kirchlichen Kreisen blieb das

Briefe von den indischen Patenkindern.
Kindernothilfe-Engagement des Rahdeners nicht ohne Folgen. „Ich war anfangs bei der Evangelischen Kirchengemeinde Rahden als Gemeindeamtsleiter und Rendant angestellt, und da hatte ich die Möglichkeit, viele Leute anzusprechen, mit den Pfarrern zu reden, und so gab es schon mal die eine oder andere Kollekte für die Kindernothilfe. Meine Mutter hat bei der Landeskirchlichen Gemeinschaft Geld für die Patenkinder gesammelt." Der engagierte Pate nutzte auch seine Kontakte zum CVJM-Kreisvorsitzenden. Der befand, die Hilfsform Patenschaft sei eine gute Sache, und schon wurde auch in CVJM-Kreisen Geld für die Patenkinder zurückgelegt. 1971 wurden auf diese Weise sechs Patenkinder in Rahden unterstützt. Den Briefwechsel übernahm anfangs Familie Knost.
„Man muss die Leute nur ansprechen", betont Ingrid Knost. „Und so was hier wirkt." Sie zeigt auf die Mappen ihres Mannes. Vor 25 Jahren legte ihr Mann extra Mustermappen mit Original-Patenschaftsunterlagen an. „Die habe ich Leuten gegeben, die sich für die Kindernothilfe interessierten. Leider habe ich zwei dieser Mappen nicht zurückbekommen, unter anderem die von Pansy Francis." Die ersten Fotos, die ersten Briefe - alles landete - versehentlich und unwiederbringlich - im Müll.

Durch Ehepaar Knost fanden viele weitere Menschen zur Kindernothilfe. Foto: Ralf Krämer
Engagement für 15 indische Patenkinder
Im Laufe der Jahre sorgten Familie Knost und ihr Freundeskreis dafür, dass 15 indische Kinder zur Schule gehen und teilweise auch eine Berufsausbildung machen konnten.
Martin Knost hat den zweiten Ordner in die Hand genommen. „Hier ist zum Beispiel eine Abrechnung vom Gemeindetag drin - da haben wir 2 179 Mark plus gemacht. Und das hier ist eine Aufstellung von 1973, wie das Geld für die Patenkinder zusammengekommen ist" - kritisch sagt er zu sich selbst: „Das ist ja nicht gerade Schönschrift" - da geht der penible Kaufmann mit ihm durch. „400 Mark, die ich als Überstundenvergütung aus der Kirchenkasse bekommen habe, 800 Mark aus einer Kleidersammlung für Bethel, diese Gelder stammen vom Konto der Landeskirchlichen Gemeinschaft, vom CVJM- und von meinem Konto... So haben wir damals die Patenschaften finanziert."
1973, als die Stelle aufgrund von Umstrukturierungen bei der Kirchengemeinde gestrichen wurde, gründeten Martin Knost und seine Frau ein eigenes Unternehmen: Sie richteten Büchereien mit Möbeln ein, die sie selbst entwarfen. B&P-Möbel hatten eine Nische entdeckt, die die großen Unternehmen nicht bedienen konnten. Die beiden fuhren 100 000 Kilometer im Jahr durchs Land, bis nach Ungarn und Tschechien. Krankfeiern gab es nicht, Aufträge mussten ausgeführt werden. Nach einem auf wundersame Weise überlebten Herzinfarkt und einer Bypass-Operation beschloss Ehepaar Knost, das Unternehmen abzugeben. Auch den Briefwechsel mit den vielen Patenkindern konnten sie nicht mehr in gewohnter Form weiterführen. Der Kindernothilfe sind sie jedoch immer noch sehr verbunden.
Familie Knost und ihr Umfeld stehen stellvertretend für hunderttausende von Paten, die die Kindernothilfe-Arbeit seit 50 Jahren unterstützt haben und unterstützen. Ohne das Engagement dieser Menschen wäre die Arbeit nicht möglich. Sie setzen ihr Geld, ihre Zeit, ihre Fantasie, Kreativität, ihre Beziehungen ein, um die Welt von Kindern aus armen Verhältnissen ein Stück zu verändern. Durch ihre regelmäßige Förderung sind sie ein Garant für nachhaltige Hilfe. Dafür ist ihnen die Kindernothilfe sehr dankbar.
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