Kindernothilfe e. V.

Äthiopien/Lalibela

„Meine Paten sind immer in meinem Herzen"

Der heute 35-jährige Melkamu Mamo Gebezie führt gemeinsam mit Freunden ein erfolgreiches Reisebüro in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Der junge Mann aus ärmlichen Verhältnissen wurde mit vier Jahren Vollwaise. Damit schien seine Zukunft als Straßenkind und Tagelöhner besiegelt. Dass er es so weit gebracht hat, verdankt er auch Menschen aus Deutschland.

Tolole und ihre Mutter vor ihrem TukulzoomEin äthiopischer Tukul. Foto: Eva Eckerskorn Melkamu Mamo Gebezie wurde 1974 in Lalibela, einer kleinen Stadt im Norden Äthiopiens, geboren. Lalibela ist auch im Ausland berühmt wegen seiner Felsenkirchen, die jedes Jahr tausende von Touristen anziehen. Melkamus Vater war Priester in einer dieser weltbekannten Kirchen, die im 12./13. Jahrhundert aus dem roten, felsigen Boden herausgeschnitten wurden. Seine Eltern, sein älterer Bruder und er wohnten in einem Tukul - so heißen in Äthiopien die Rundhütten aus Lehmwänden und einem Grasdach. Tukuls haben keinen Strom- und Wasseranschluss. Seine Mutter musste jeden Tag von einer zwei Kilometer entfernten Wasserquelle Wasser holen. Außerhalb der Stadt besaß sein Vater ein Stück Land. Was die Familie dort erntete, reichte gerade mal für zwei Mahlzeiten am Tag.

Sein drei Jahre älterer Bruder zog kurz vor dem Tod des Vaters zu einem Verwandten nach Addis Abeba, der ihm den Schulbesuch bezahlte. Melkamu war vier Jahre alt, als zuerst sein Vater, kurze Zeit später dann auch seine Mutter starb. „Ich war jetzt Vollwaise und wäre auf der Straße gelandet, wenn nicht der Mitarbeiter eines Waisenhauses in unserem Ort auf meine Lage aufmerksam geworden wäre", erzählt Melkamu. „Er sorgte dafür, dass ich als Patenkind in dieses Projekt der Orthodoxen Kirche aufgenommen wurde. Ein Pate in Deutschland bezahlte dafür, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte, zu essen und Kleidung bekam und dass es immer Menschen gab, die sich um mich kümmerten."

Flucht vor dem Bürgerkrieg 
Mit sechs Jahren kam Melkamu in die Grundschule. Nach Abschluss der 6. Klasse mussten alle Schüler das Wohnheim verlassen. Seit 1961/62 tobte ein blutiger Bürgerkrieg in Äthiopien. 1980 erreichten die Kämpfe auch Lalibela. Das Waisenhaus war zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten. Soldaten quartierten sich dort ein, und deshalb wurden die Kinder in ein anderes Wohnheim in Dessi gebracht, wo es sicherer war. Nach einem weiteren Jahr mussten sie auch von dort wieder weg und kamen nach Kombolcha. Alle diese Projekte wurden von der Kindernothilfe unterstützt.

Melkamu Mamo Gebezie, Ex-Patenkind von Ehepaar Wenzlaff, DuisburgzoomMelkamu Gebezie erhält seinen Bacherlor-Abschluss. Foto: privat „An die Zeit in Dessi und Kombolcha kann ich mich noch besonders gut erinnern", sagt Melkamu. „Ich fand dort viele neue Freunde. Zum ersten Mal bekam ich auch Post von meinem Paten aus Deutschland. Das hat mich sehr ermutigt und motiviert, auch ohne Familie weiterzulernen, mich anzustrengen und etwas aus meinem Leben zu machen." 1994 machte der junge Mann sein Abschlussexamen an der Highschool. „Leider waren meine Zensuren nicht so berauschend", gibt Melkamu zu, „deshalb bekam ich keinen Studienplatz an einer Uni. Ich kehrte in meine Heimatstadt Lalibela zurück und ließ mich dort zum Fremdenführer ausbilden. Zwei Jahre lang habe ich ausländische Touristen aber auch Landsleute aus anderen Regionen Äthiopiens durch die Felsenkirchen geführt."

Begegnung mit einem Duisburger Ehepaar
Eines Tages traf er dabei ein deutsches Ehepaar aus Duisburg, und - unglaublich, aber wahr - sie hatten doch tatsächlich mit der Kindernothilfe zu tun. Margarete Wenzlaff war damals Leiterin der Personalabteilung bei der Duisburger Organisation und natürlich begeistert, ein ehemaliges Patenkind kennenzulernen. „Die Guides wurden der Reihe nach den Touristen als Führer zugeteilt", erinnert sie sich. „Melkamu war eigentlich noch gar nicht dran, aber weil wir Kindernothilfe-Leute und er ein ehemaliges Patenkind waren, wurde eine Ausnahme gemacht."

Für Melkamu war dies eine ganz wunderbare Begegnung, die sein Leben noch einmal verändern sollte. Wenzlaffs boten an, ihm bei einer weiteren Ausbildung zu helfen, damit er sich noch besser qualifizieren konnte. Für Melkamu wurden sie quasi seine zweiten Pateneltern. Mit ihrer Unterstützung studierte der junge Mann 1997 ein Jahr am Department for Computer Science der Universität in Addis Abeba. Anschließend wurde er von verschiedenen Reisebüros angeheuert, um für ausländische Touristen individuelle oder auch ganz traditionelle Reisen zu organisieren und sie dabei zu begleiten. „Zum Jahreswechsel 2003/2004 hatte ich die ganz große Freude, für meine zweiten Pateneltern und ihre Freunde eine vierwöchige Reise zu planen und sie zu begleiten. Ich konnte ihnen unsere schönsten Landschaften und die Vielfalt der äthiopischen Bevölkerungsgruppen zeigen."

Patin Margarete Wenzlaff, Melkamu Mamo Gebezie, ??, Ehepaar Hilker aus Duisburgzoombilduntertext Melkamu organisierte eine interessante Reise
Wenzlaffs zeigten sich sehr angetan von der Reise: „Wir waren erstaunt über die hervorragend durchgeführte Organisation", erzählt Johannes Wenzlaff. „Selbst die Hotels und die Guides im entferntesten Süden des Landes hatte Melkamu gebucht und bereits bezahlt, obwohl es dort gar keine Telefonverbindungen gibt. Während der Reise erklärte er uns sehr viele Einzelheiten über Flora und Fauna seiner Heimat wie auch über politische Gegebenheiten der Vergangenheit und Gegenwart."

Melkamu war mit seiner Ausbildung immer noch nicht ganz zufrieden. In Abendkursen machte er am Tourismus College in der Hauptstadt seinen Bacherlor-Abschluss in Tourismus und Travel Agency Management. „Zu unserer großen Freude hörten wir von Melkamu und dem Leiter der Kindernothilfe-Partnerorganisation Ato Lilay viele positive Meldungen über den Fortgang seiner Ausbildung", freut sich Margarete Wenzlaff. „Nach sechs Prüfungen erfolgte im Jahr 2000 das Staatsexamen, das er im ersten Anlauf bestand. Stolz schickte er uns von der Zeugnisvergabe ein Foto."

Ein eigenes Reisebüro
Mittlerweile hat sich Melkamu mit einigen Freunden selbständig gemacht und sein eigenes Reisebüro eröffnet. Immer wieder berichtet er dem Duisburger Ehepaar, welche Reisen er mit Franzosen, Engländern, Spaniern, Österreichern, Deutschen und anderen Touristen gemacht hat. Wenzlaffs haben den „ihren" Melkamu sehr in ihr Herz geschlossen. Und für ihn ist die Beziehung zu seinen deutschen Paten etwas ganz Besonderes: „Äthiopien und Deutschland sind tausende von Kilometern voneinander entfernt", sagt er, „aber im Geist sind wir uns ganz nahe, und sie sind immer in meinen Gedanken und meinem Herzen. Wir kommunizieren per E-Mail und per Telefon häufig und intensiv. Sie sind mein Ein und Alles. Ich danke Gott, dass es die Kindernothilfe und meine Pateneltern gibt."

Der Kontakt zu seinem Paten, der ihn als kleiner Junge über die Kindernothilfe unterstützt hatte, riss nach Ende der Patenschaft leider ab, was Melkamu sehr bedauert. Es wäre sein sehnlichster Wunsch gewesen, auch ihm eines Tages persönlich dafür zu danken, was er für ihn getan hat, doch leider ist der Pate inzwischen verstorben. Ende April erhielten Wenzlaffs die Nachricht, dass Melkamu im Mai heiraten würde. Fotos von seiner zukünftigen Ehefrau schickte er gleich mit. „Unsere Verbindung bleibt sicherlich noch viele Jahre bestehen", hoffen Margarete und Johannes Wenzlaff. „Auf jeden Fall wünschen wir Melkamu und seiner Familie Gottes Segen, Gesundheit und immer ausreichend Arbeit."

Lüder Lüers, ehemaliger Auslandsvorstand der Kindernothilfe
Gunhild.Aiyub, Redakteurin
 

Hinweis:
Interessierte, die eine Rundreise durch Äthiopien oder auch nur in einem bestimmten Gebiet des Landes planen, können sich gern mit Melkamu in Verbindung setzen:
http://www.dinkneshethiopiatour.com/Travel/index_de.htm  
melkamu gobezie, E-Mail: tour2006@yahoo.com
Handy 00251.911 625 023


 


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