Sabine Fischer aus Wuppertal hat ihre ehemalige Patentochter Aberu in Makalle besucht.
Sabine Fischer reiste im März/April drei Wochen lang durch Äthiopien. Sie schickte uns einen Reisebericht über „ein faszinierendes, aber auch ratlos machendes Land". In Makalle traf sie ihre ehemalige Patentochter Aberu, die heute als Sekretärin arbeitet. „Ich bin sehr froh, dass ich über die Kindernothilfe versucht habe, Kontakt zu ihr aufzunehmen", schrieb uns Frau Fischer, „und danke sehr für die Vermittlung dieser eindrücklichen Begegnung mit meiner Patentochter."

Stadttor in Harar. Foto: S. Fischer
Wir kamen am Samstag, den 31. März, in Addis Abeba an. Am nächsten Tag fuhren wir - zunächst noch auf asphaltierter Straße, später auf der unbefestigter Piste - nach Debre Marqos und am Folgetag weiter bis Bahar Dar am Tanasee. Nordäthiopien besteht weitgehend aus Hochgebirge: Es geht in Serpentinen die Berge hoch und runter mit immer wieder faszinierenden Ausblicken auf eine Atem beraubende Landschaft. Immer wieder wird die Fahrt durch. Rinder, Schafe, Ziegen oder Esel, die plötzlich auf der Straße stehen und durch Hupen zum weiter gehen veranlasst werden müssen, gestoppt. Das Überholen auf der Gegenfahrbahn wird dem überholten Fahrzeug durch Hupen angekündigt, ist aber auch so nicht gerade ungefährlich.

Gsundheitsstation in Woreta. Foto: S. Fischer
13 Kilometer zum nächsten Gesundheitszentrum
Bei Woreta besuchten wir ein Health Center. Es ist für etwa 70.000 Menschen zuständig, Der weiteste Weg dorthin beträgt etwa 13 Kilometer. Wenn man aber krank ist, ist es ein sehr weiter Weg, der von den meisten zu Fuß oder per Esel bzw. durch Angehörige getragen zurückgelegt werden muss. Das Health Center führt Statistiken darüber, inwieweit die Ziele etwa von Impfkampagnen oder Maßnahmen der Familienplanung erreicht oder verfehlt werden. Trotz der Ergänzung durch mobile Teams, bleibt der Erfolg häufig hinter den Zielen zurück. Die Impfkampagnen sind noch am erfolgreichsten. Gerade die Familienplanung bleibt jedoch weit hinter dem erstrebten Soll zurück.

Palast in Gondar. Foto: S. Fischer
Enormes finanzielles Gefälle
Nächstes Ziel war die alte Residenzstadt Gondar. Die noch stehenden Gebäude und Ruinen sind beeindruckend. Der Aufbau einer städtischen Struktur mit Handwerk und Handel konnte sich allerdings nicht flächendeckend durchsetzen. Noch heute leben etwa 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land und von der Landwirtschaft; nur ein kleiner Teil des Landes ist durch Straßen erschlossen.

Begegnungen unterwegs. Foto: S. Fischer
Man sieht ständig Menschen durch die Gegend laufen, die Frauen meist Wasser oder Holz tragend. Hält man mit dem Bus an scheinbar entlegener Gegend, spricht sich dies schnell herum, und als erstes ist die Dorfjugend ganz schnell da. Teils wurden wir nur neugierig angesehen, häufiger, vor allem bei längeren Spaziergängen baten sie aber um Geld (Birr), Stifte oder Bonbons. Häufig versuchten sie auch, selbst oder in der Familie hergestellte Kleinigkeiten an uns zu verkaufen. Das ist ja an sich in Ordnung und hatte auch nicht selten Erfolg. Ich fand es aber zunehmend schwierig, einfach ungezwungen Kontakt aufzunehmen und andererseits auch damit angemessen umzugehen. Die Menschen sind sehr arm, auch wenn es regional graduelle Unterschiede gibt, und es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn auch versucht wird, die „Quelle" „Tourist" anzuzapfen. Andererseits möchte ich nicht nur als mögliche Einkommensquelle angesehen werden. Im Hotel in Lalibela war ein Kasten aufgestellt, mit dem Geld für arme Kinder gesammelt wurde. Es wurde ausdrücklich gebeten, den Kindern selber nichts zu geben, um sie nicht zum Betteln zu verleiten. Das enorme finanzielle Gefälle spielt eine Rolle. Als Tourist kommt man nur schwer an Münzen. Der kleinste Schein ist ein Birr, ungefähr 8 Cent. Für uns nichts; mein ehemaliges Patenkind verdient aber als Sekretärin gerade mal 200 Birr im Monat und muss davon leben. Der Anreiz, Touristen anzubetteln, ist daher sehr groß. Trotz allem gab es aber auch immer wieder nette Kontakte.

Sabine Fischer mit ihrem ehemaligen Patenkind Aberu. Foto: privat
Treffen mit Aberu
Am Ostermontag fuhren wir nach Makalle, wo mein ehemaliges Patenkind Aberu Teame lebt. Ich war am Abend mit ihr verabredet, da wir am nächsten Morgen bereits sehr früh nach Lalibela weiterfahren wollten. Leider war ihr das erst kurz vor unserem Treffen gesagt worden, so dass sie etwas enttäuscht war, dass ich nicht noch ihre Schwestern kennen lernen konnte. Wir waren wahrscheinlich beide ziemlich aufgeregt. Immerhin war sie mittlerweile eine junge Frau Anfang 20, die sich mit dem Vocational-Training nicht zufrieden gegeben, sondern den Umgang mit dem Computer gelernt hatte und als Sekretärin arbeitete. Erst jetzt erfuhr ich, dass es wohl eines Zertifikats bedarf, um mit dem Computer arbeiten zu dürfen und dass ihr jetziger Arbeitgeber ihr dies ermöglicht hatte. Außerdem besuchte sie neben der Arbeit seit einem Jahr ein privates College, um einen besseren Abschluss zu haben und als Sekretärin mehr zu verdienen.

Schulkinder. Foto: S. Fischer
Eindrückliche Begegnung mit der Patentochter
Aberu hatte sich sehr hübsch gemacht. Von den Passfotos als Kind und zum Ende des Vocational Trainings her dachte ich, sie sei eher eine größere, etwas kräftigere junge Frau, aber sie ist klein und zierlich, bescheiden, aber offensichtlich strebsam und mit Zielen vor Augen. Sie fiel mir gleich um den Hals und wusste ihrer Dankbarkeit für meine frühere Unterstützung kaum Ausdruck zu verleihen und ein Geschenk hat sie mir und meiner Freundin auch noch mitgebracht. Es hat mich beschämt; denn wir geben ja nur etwas von dem ab, was wir nicht zwingend brauchen, aber für die Kinder und jungen Menschen dort bedeutet es Hoffnung und Leben. Leider wagte sie nicht, Englisch zu sprechen, so dass die Unterhaltung über den sie begleitenden Leiter des Second Child Care Center in Makalle erfolgte. Mir wurde durch die Begegnung erst deutlich, dass der Briefwechsel tatsächlich funktioniert und es für die Kinder sehr wichtig ist, Briefe oder hin und wieder ein Foto von ihren Pateneltern zu erhalten. Mir war, als sie älter war, nicht immer klar, ob sie selbst geschrieben hat oder ein anderes Kind. Nun können wir „modern" per Internet kommunizieren! Ich bin sehr froh, dass ich über die Kindernothilfe versucht habe, Kontakt zu ihr aufzunehmen, und danke sehr für die Vermittlung dieser eindrücklichen Begegnung mit meiner Patentochter.

Kirche des Hl. Georg. Foto: S. Fischer
Betteln ist ihr Beruf
Der Folgetag war von der langen und anstrengenden, aber landschaftlich wunderbaren Fahrt nach Lalibela geprägt. Hier, aber auch an anderen Stellen stießen wir hin und wieder auf große Zelte - Infrastruktur für die internationale Lebensmittelhilfe. Gerade hier in der Provinz Nordwollo reichen die Ernten nicht immer aus, um die Ernährung der Familien sicherzustellen. Lalibela war gut 200 Jahre ab etwa 1050 n. Chr. Hauptstadt und Kaiserresidenz des äthiopischen Reiches und ist berühmt wegen der in den Felsen eingegrabenen Kirchen. Bedrückend war, dass so viele alte Menschen und Behinderte hier bettelten. Für Behinderte ist Betteln noch der offizielle Beruf. Sie tragen dadurch zum Familieneinkommen bei, weil ihnen andere Möglichkeiten verschlossen sind.
Von Lalibela flogen wir nach Addis Abeba zurück, um von dort neu Richtung Süd/Süd-West zu starten. Am Ende der Reise ging's von Dira Dawa zurück nach Addis Abeba und am Abend weiter nach Frankfurt.
Spenderservice