Indien/Baihar

„Zeig uns Spiele aus Deutschland!"

Bianca Maxl aus Lauda-Königshofen hat ihr Patenkind Vimala in Baihar (Madhya Pradesh), Indien, besucht.

Wie lebt ein Mensch in Indien? Das wollte Bianca Maxl auf ihrer Reise erfahren. Unter anderem besuchte sie das Mission Girls' Home in Baihar. „Ich wollte nicht vergleichen, keine teuren Geschenke mitbringen, keine klugen Ratschläge verteilen. Ich wollte hingehen, den Kindern meine Zeit zur Verfügung stellen und lernen, was man mir ermöglichte. Es wurde einen wunderbare Reise."

Patenbesuch: Bianca Maxl im Mädchenwohnheim in Baihar (22453zoomVimala begrüßt ihre Patin mit einer traditionellen Zeremonie. Foto: privat Die Leiterin des Mission Girls' Home in Baihar (Madhya Pradesh), Mrs. Lilly Paul, organisierte Treffen mit verschiedenen Leuten auf meiner Reiseroute, so dass ich mir nie fremd und allein vorkam, obwohl ich das erste Mal in Indien und auch noch als Frau allein unterwegs war. Die Inder waren sehr gastfreundlich und öffneten mir ihre Wohnungen und Herzen. Sie luden mich zum Essen ein (indisches Essen ist sehr scharf), zeigten mir, wie man mit den Fingern isst (nur die rechte Hand benutzen!), servierten ständig chai-Tee (den vermisse ich hier) und süßen Reispudding. Sie erzählten vom Gemeindeleben, von den Hochzeiten ihrer Kinder (500 Gäste sind das Minimum) und von Schulgebühren. Ich durfte (als neugierige Lehrerin) viele Schulen besichtigen und sah so auch viele Kinder und Jugendliche. Ich erlebte den respektvollen Umgang mit den Älteren und Ältesten, die häufig mit der Familie zusammenleben. Auch die Kinder und Jugendlichen haben einen selbstverständlichen Respekt vor den Erwachsenen. Ich durfte auch im Wohnheim selbst übernachten und so das ganze Leben teilen. Es war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte.

Bianca Maxl besucht Mädchenwohnheim in Baihar (22453: GummitwistzoomDie Mädchen haben Gummitwist gelernt. Foto: B. Maxl Kinder fragen nach ihren Paten
Ein Wohnheim für 80 Mädchen ohne fließendes Wasser, ohne Spülmaschine, ohne Spielzimmer. Die Zimmer mit Stockbetten, ein überdachter Gang davor, zwei Brunnen, ein Speisesaal, eine Zweizimmerwohnung für die Heimleiterin. Die Mädchen sind offen, begabt, schüchtern, musikalisch, neugierig. Sie lachen gern, spielen gern... - wie unsere Kinder eben auch. Wenn ich mit Lilly Paul auftauchte, empfingen sie uns mit "Auntie! Mom!". Erst nach einer Weile verstand ich, dass mit MOM ich gemeint war.

Patenbesuch: Bianca Maxl im Mädchenwohnheim in Baihar (22453zoomAlle wollen mit aufs Bild. Foto: privat So kam ich, um eine Tochter zu besuchen und fand 80 Töchter. Die Mädchen waren immer da, immer erfüllte ihr Lachen oder Geplauder den Raum um mich und immer lag eine Hand auf meinem Arm oder meiner Schulter. "Zeig uns Spiele aus Deutschland!" "Schau, dieses Spiel musst du deinen Kindern beibringen, wenn du wieder zu Hause bist!" "Liest du uns etwas vor?" Die Kinder sehnen sich nach Aufmerksamkeit, sie saugen die Zuneigung auf wie ein Schwamm. Die Heimleiterin tut ihr Bestes, sie mag die Kinder gern und hat nie wirklich Feierabend, aber sie ist mit einer Helferin allein zuständig. Und so fragen die Kinder nach den Paten.

Bianca Maxl besuchte Mädchenwohnheim in Baihar (22453): PumpbrunnenzoomDer Pumpbrunnen für das Brauchwasser. Foto: B. Maxl Briefe ans Patenkind sind wichtig
Alle Paten für dieses Wohnheim stammen aus Deutschland. Ob wir uns manchmal treffen würden, fragten die Mädchen mich. Stolz zeigten sie Briefe mit Bildern, die manche von ihren Paten erhalten hatten. Und so lernte ich, wie wichtig wir Paten für die Kinder sind. Viele von ihnen kennen das Gefühl nicht, bedingungslos angenommen zu sein. Verantwortliche Eltern, die auch noch Zeit für ihre Kinder erübrigen können, haben viele nie erlebt. Da werden die Paten zu wichtigen Figuren in der Ferne. Vor meiner Reise dachte ich wenig darüber nach. Machen Briefe überhaupt Sinn? Die Antwortbriefe sehen oft so standardisiert aus. Sind die Briefe nicht vielleicht sogar lästig? Nun weiß ich, die Kinder warten auf Briefe, auf ein Zeichen, dass jemand an sie denkt, dass sie wichtig sind. Die Standardantworten dürfen uns nicht abschrecken. Unsere Welten sind so unterschiedlich.

Patenbesuch: Bianca Maxl im Mädchenwohnheim in Baihar (22453zoomVimala und ihre Patin. Foto: privat Interesse an Fotos aus den Projekten?
Wenn schon wir uns ihre Welt kaum vorstellen können, mit all unseren Medien, Büchereien, Filmen u.A., wie soll es ihnen dann erst gehen? Und so nahm ich einen Auftrag mit, allen Paten von ihnen und ihrem Leben zu erzählen. Wer gerne Bilder oder mehr Informationen über das Mädchenwohnheim (oder das Jungenwohnheim) in Baihar, Madhya Pradesh haben möchte, darf sich gerne bei mir melden.

Patenbesuch: Bianca Maxl im Mädchenwohnheim in Baihar (22453zoomDie Mädchen aus der Oberstufe. Foto: privat Nach meiner Reise verstehe ich, dass Organisationen wie die Kindernothilfe auch Besuchsregeln aufstellen müssen. Mein Patenkind Vimla ist schon 18 Jahre alt. Bei einem jüngeren Kind muss man sich der Wirkung auf das Kind (Mom!) und auf dessen Umgebung bewusst sein. Ich war die erste Europäerin dort im Dorf und werde wohl noch lange Gesprächstoff bleiben. So ein Besuch muss dann verantwortlich und behutsam geplant werden. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal der Kindernothilfe und der Heimleiterin Mrs. Paul für das Vertrauen danken, das sie in mich setzten. Nur so konnte ich so nah an die Kinder kommen und so viel von ihnen lernen. Doch auch sie haben mich vorher (mit Recht) geprüft. Trotz all dieser ABER kann ich einen Besuch nur empfehlen. Wer hingeht, um den Kindern seine Zeit zu bringen, wer ihre Art zu leben respektiert, der wird die Kinder stolz und glücklich machen und wird tief im Herzen begreifen, dass alle Menschen Mitglieder einer Familie sind.

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