Fünf Jahre nach seinem ersten Besuch kehrt Thomas Braun 2003 in ein Dorfentwicklungsprojekt in Nordindien zurück. Dort hat er fünf Patenkinder.
Thomas Braun, Rutalahti/Finnland
Thomas Braun in Gundhi. Foto: privat
1998 hatte die Kindernothilfe mit ihrem nordindischen Partner HCDI ein umfassendes Dorfentwicklungsprogramm eingeleitet. Nach gewissenhaften Voruntersuchungen nahmen die Diakone und Sozialarbeiter der kirchlichen Entwicklunhshilfe-Organisation NSM die Arbeit in Gundhi, einem Dorf im abgelegenen und vergessenen Bergland der Vasava, Abkömmlinge der Ureinwohner, auf. 724 Familien in der Umgebung des Dorfes wurden in das Programm Hilfe zur Selbsthilfe einbezogen, unter besonderer Berücksichtigung von 250 Patenkindern im schulpflichtigen Alter.
Das Projekt war auf sechs Jahre angelegt. Als ich im November 1999 zum ersten Mal in Begleitung des Projektleiters und Diakons R. T. Jayapaul nach Gundhi reiste, rüttelten wir im Geländewagen über holprige Wege und durch Flussbetten zu unserem abgelegenen Ziel in den Bergwäldern. Die Ureinwohner waren vor 20 Jahren wegen der Errichtung des Ukai-Staudammes aus ihren Dörfern in diese Staatsforsten zwangsumgesiedelt worden. Seitdem waren sie von den Behörden vergessen und von jeglicher Zivilisation abgenabelt worden. Mit ihrer Naturreligion gehörten sie nicht in das Weltbild und Kastensystem der Hindus.
Es war ein eindrucksvoller Besuch, der schon damals die ersten Ergebnisse der eineinhalbjährigen Zusammenarbeit der NSM mit der Dorfbevölkerung zeigte. Es war ein Gesundheitszentrum entstanden, es gab sauberes Wasser aus Handpumpen und eine Kleinkinderbetreuung mit Mahlzeiten zur Entlastung der Frauen. Außerdem waren in Gundhi und in den zum Projekt gehörenden weiteren sechs Dörfern Entwicklungskomitees gebildet worden, die den Gedanken der Mitbestimmung und der Selbstverwaltung stärken sollten. Besuche bei meinen Patenkindern und ihren Familien, aber auch bei Handwerkern und Fischern, Gespräche mit den Sozialarbeiterin und Diakonen sowie Vorführungen der Kinder gehörten zum umfangreichen Programm.
Dier erste Dorfladen in Gundhi. Foto: privat
Rückkehr nach fünf Jahren
Ich hatte damals versprochen, nach fünf Jahren wiederzukommen, um den Fortschritt zu sehen. In der Zwischenzeit stand ich in engem Kontakt zum Projektleiter Jayapaul. Als ich mein Versprechen einlöste, empfing er mich wie ein alter Freund am Bahnhof von Surat (250 km nördlich von Bombay) und begleitet mich drei Tage lang.
Die große Industriestadt Surat war in diesen Jahren nicht nur gewachsen, sondern der Verkehr und die Luftverschmutzung hatten sichtbar zugenommen. Die Reise auf der überfüllten Überlandstraße trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn. Die letzten 35 km auf der nun asphaltierten Waldstraße nach Gundhi, diesmal begleitet von Elektromasten, war wie ein Eintauchen in die Ruhe und in die andere Welt der Dörfer, die jetzt durch Straßen, Elektrizität (nur nachts), Busverbindungen, Milchfahrzeuge und unübersehbare Wassertürme in jedem der sechs Dörfer mit der Umgebung verbunden waren. Diese äußeren Zeichen der Dorfentwicklung mit staatlichen Mitteln aus verschiedenen Programmen sind jedoch nur vor dem Hintergrund der inneren Entwicklung der Dörfer durch die NSM mit Geldern der Kindernothilfe zu verstehen. Diese Gelder wurden besonders eingesetzt, um die Stellung von Frauen und Kindern zu verbessern. Mein zweitägiger Aufenthalt in Gundhi, mit noch intensiveren Besuchen und Gesprächen als vor fünf Jahren, begeisterten mich bei den überall sichtbaren Erfolgen der gemeinsamen Arbeit. Die 11 Diakone und Sozialarbeiter (einige sind ebenfalls Adivasis, Kastenlose) wohnen in den Dörfern, solange das Projekt läuft.
Die optimistische Stimmung war spürbar, die Veränderung unübersehbar bei Erweiterungen oder Erneuerungen der Bambushäuser und der Zahl der Wasserbüffel, die in den Ställen standen. NSM hatte den Frauen Darlehen für 130 Wasserbüffel gegeben, die sich dann in der "milk society" organisierten und jetzt täglich zweimal auf ein Glockenzeichen Milch abliefern – mit beachtlichen Einnahmen über das ganze Jahr!
Die Milk-Society verschafft den Frauen im Dorf ein gesichertes Einkommen. Foto: privat
Die Selbstorganisation vieler Frauen unter der fachlichen Anleitung der NSM zeigte sich besonders überzeugend bei der Vertreterversammlung der 21 Frauen-Sparvereine. Jede Gruppe besteht aus maximal 20 Frauen, die sich jeden Monat treffen und je 30 Rupies (60 Cent) einzahlen, Sparbuchangelegenheiten erledigen und üben und dazu Kleindarlehen innerhalb der Gruppe vergeben. Dadurch wurden sie im Rechnen und Schreiben geübter und gewannen neues Selbstvertrauen. Das zeigt sich unter anderem auch darin, dass sie nicht mehr die zweiteilige Kleidung der Ureinwohner, sondern den einteiligen Sari der modernen Inderin tragen.
Die erfolgreiche Arbeit der NSM-Mitarbeiter und –Mitarbeiterinnen in den letzten sieben Jahren lässt sich auch mit Zahlen aus anderen Beispielen belegen:
Ein gutes Gefühl zum Abschied
Ich wäre gerne noch länger geblieben, um das friedliche, aktive Dorf und die schöne Landschaft am Stausee zu bewundern, aber die liebevoll vorbereitete Veranstaltung der Schüler mit traditionellen Erntetänzen und Gesängen ihrer Dörfer war der Abschied. Die dekorativen kleinen indischen und deutschen Fahnen erinnerten bei dem Fest daran, dass mit Geldern der Kindernothilfe und der beteiligten Paten sowie dem Engagement der indischen Partnerorganisation gemeinsam Wunder bewirkt worden waren.... – und mich macht es froh, dass ich dieses erfolgreiche Projekt durch die Unterstützung meiner Patenkinder persönlich begleiten konnte. Wenn dieses Dorfentwicklungsprogramm im kommenden Jahr zum Abschluss kommt und die NSM in weit entfernte andere Dörfer indischer Ureinwohner ziehen, dann hinterlassen sie auch eine geübte Selbstverwaltung, die über die Kastenschranken hinweg imstande ist, mit den Provinzbehörden über die staatlichen Hilfsgrogramme zu verhandeln und alle Interessen der sechs Dörfer – und auch die der 250 Patenkinder – zu vertreten.