
Familie Kowalski mit den indischen Patenkindern. Alle Fotos: privat
Hanna Kowalski und ihre Familie aus Haan besuchten während der Weihnachtsferien 2006/2007 Patenkinder der Familie und von Freunden im T.E.L.C. Mädchenwohnheim (Projekt 20909). Für die damals Zwölfjährige war die Indienreise eine der prägendsten Erfahrungen, die sie nie vergessen wird.
"Ich glaube, es war Anfang 2004 als mein Vater Markus Kowalski von einem Freund Näheres über die Hilfsform 'Kinderpatenschaft' erfuhr. Beide waren völlig enthusiastisch bezüglich dieses Themas - was dann zur Folge hatte, dass unsere Familie wenig später die Patenschaft für das indische Mädchen Banu aus dem Schülerwohnheim in Mayiladuthurai übernahm.
Ein paar Monate und mehrere Briefe später sagte mein Vater spontan eine Reise mit zwei weiteren Paten nach Mayiladuthurai zu. So reiste er im Februar 2005 nach Tamil Nadu in den Süden Indiens. Leider wurde ein Großteil der Reise von dem vorherigen Tsunami überschattet, von dem auch diese Region betroffen war. Anschließend erzählten er und die beiden anderen Paten den zu Hause Gebliebenen anhand eindrucksvoller Fotos - und eigentlich immer mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht - von ihren faszinierenden, aber leider auch schockierenden Erlebnissen, den Patenkindern und der für uns völlig fremden Welt.

Indische Weihnachten.
Zweieinhalb Wochen Abenteuer
Natürlich wollte mein Vater seine Erfahrungen nicht nur beim morgendlichen Frühstücksgespräch mit uns teilen. So kam es dazu, dass wir (also meine kleine Schwester, mein älterer Bruder und meine Eltern) während der Weihnachtferien 2006/2007 für zweieinhalb Wochen nach Indien reisten. Ich muss zugeben, zuerst hatte ich Respekt vor dem auf uns zukommenden Kulturschock, schließlich war ich zu der Zeit erst zwölf Jahre alt und hatte wenig praktische Erfahrung mit Kulturen außerhalb Europas. Aber ich habe es einfach auf mich zukommen lassen, nach dem Motto: 'Ich werd' es schon irgendwie überleben' (dank der Impfungen und unserem Medikamentenvorrat).
Zuerst flogen wir über Bombay nach Cochin in Kerala. Dort besuchten wir Projekte, welche von unserer Kirchengemeinde und der Stadt Haan unterstützt werden. Den Heiligen Abend verbrachten wir bei 30°C auf den indischen Backwaters. Dann ging es per Zug an die äußerste Südspitze Indiens und über Madurai und Trichy endlich zu unseren Patenkindern nach Mayiladuthurai, wo wir insgesamt sechs Tage blieben.

Hauptgericht: Reis mit verschiedenen Beilagen.
Reis mit Zucker
Allein die Ankunft und der Empfang in dem Wohnheim waren die Reise wert gewesen. Unsere Patenkinder Banu (sie war extra von ihrer Ausbildungsstätte angereist, da sie die Schule bereits abgeschlossen hat), Ananthaselvi und Vijalakshmi hängten uns zur Begrüßung mit einem glücklichen Lachen Perlenketten und bunte Ketten in Großformat um den Hals. An das indische Essen hatten wir uns bereits gewöhnt, denn auch hier gab es natürlich etwas anderes als in Deutschland. Morgens, mittags und abends Reis. Gebraten oder gekocht, mit Gemüse, diversen scharfen Soßen und dank der Idee meiner Schwester, die ihren ersten englischen Satz lernte ('May I have sugar, please?'), auch mit Zucker. So war es anders, aber gut. Vor allem bei den dortigen Klimaverhältnissen.
Wir besuchten Kindergärten, wo die Mädchen und Jungen für uns sangen und tanzten, oder wir begleiteten die etwas älteren Kinder in die verschiedenen Schulen, wo wir immer wieder aufs Neue vorgestellt wurden. Aber vor allem wollten viele unsere weiße Haut anfassen, die ja so anders ist als dunkle Haut. Einen Nachmittag lang hieß es Shopping. Und zwar traditionelle indische Kleidung in Mayiladuthurai für unsere Patenkinder und die von Bekannten und Freunden. Es wimmelte dort nur so von verschiedenen Stoffen, knalligen Farben und lauten tamilischen Verkaufsgesprächen, von denen ich natürlich nichts verstand.

Banus neuer Sari.
Der erste Sari für Banu
Eine Besonderheit war, dass Banu ihren ersten Sari (den nur ältere Mädchen und Frauen tragen dürfen) bekam und wir anschließend noch Eis essen gingen. Es war faszinierend den Mädchen zu zugucken, wie sehr sie sich über die neue Kleidung freuten und sie hinterher stolz der Heimleitung und den Betreuerinnen präsentierten. Abends spielten wir auf dem Hof mit Bällen, sahen ihnen bei den Hausaufgaben zu, die sie auf dem Flurboden sitzend machten. Außerdem brachten sie uns tamilische Brettspiele bei bzw. wie unsere Namen in Tamil geschrieben werden. Im Wohnheim zu übernachten war eine Herausforderung für unsere Toleranz gegenüber Tieren. Aber wir haben uns daran gewöhnt. Faszinierend war auch, wie die Kinder im Wohnheim, aber auch in der Stadt, auf eine nur scheinbar fremde Digitalkamera reagierten. Sie wollten sofort die gemachten Bilder auf dem Display sehen und lachten herzhaft über sie.
Ein Highlight war der Ausflug zum Strand von Tranquebar, welcher scheinbar der erste für die Patenkinder zu einem Strand war, obwohl es nicht so weit ist. Normalerweise geht man in Indien auch nur ins Wasser, um Fische zu fangen, und zwar mit Kleidung an. Es war ein tolles Erlebnis, mit Arul, einer fürsorglichen Betreuerin, und den älteren Patenkindern am und im Meer zu sein. Als meine Schwester ihren zehnten Geburtstag hatte, bekam sie lauter kleine Geschenke, worüber sie sich natürlich sehr freute. Während der Morgenansprache auf dem Hof sangen ihr alle Mädchen des Wohnheims ein Ständchen.

Zu Hause bei der Familie eines Patenkindes.
Zu Hause bei den Patenkindern
Die Familie unserer Patenkinder kennenzulernen, war mit das Spannendste der ganzen Reise, ein Abenteuer, obwohl eigentlich alles spannend war. Wir fuhren mit einem typischen indischen Bus, also sehr überfüllt, ohne richtige Haltstellen und inklusive Hühner in ein armes Dorf, wo die Familie von einem unserer Patenkinder wohnt. Es waren sehr einfache Zustände, ein Ochse im 'Garten' und ca. zwölf Quadratmeter Wohnraum für sechs Personen (ein Raum Zum Essen und Schlafen und eine kleine Küche)! Trotzdem wurden wir sehr herzlich empfangen und unterhielten uns mit Händen und Füßen.
An unserem letzten Abend vor der Rückreise über Chennai und Bombay fand eine große Show für uns statt, die es in sich hatte. Die Heimleitung hielt eine Ansprache, alle sangen sehr schön und führten einen faszinierenden Tanz auf mit sehr bunten Kostümen und klirrenden Ketten. Wir bekamen wunderbare Geschenke. Apropos Geschenke: Als wir den Kindern zu Anfang verschiedene Sachen wie Puppen geschenkt haben, gab es nie Streit darum, was in Deutschland in dem Alter gar nicht vorstellbar wäre. Am Tag unserer Abreise wurden wir von allen sehr herzlich verabschiedet, und alle Mädchen standen Spalier am Rand unseres Fahrweges und streuten Blumen. Es war ein sehr schöner Abschied, und insgesamt war die Zeit in Indien einfach nur toll, aber kaum in Worte zu fassen.
Um auf mein Motto vor Anfang der Reise zurückzukommen: Es traf definitiv nicht zu, denn ich hab es nicht 'irgendwie' überlebt, sondern die Indienreise war für mich trotz meines Alters eine der prägendsten Erfahrungen, und ich werde sie mein Leben lang nicht vergessen."