Kindernothilfe e. V.

Peru/Österreich: Besuch im Projekt gegen Kinderarbeit

Gegen die Kinderarbeit

Alena Sirka und Sebastian Bred aus Österreich haben sich in Cajmaraca/ Peru ein Projekt der Kindernothilfe angeschaut.

Von Alene Sirka und Sebastian Bred

52430_205x157_944x725_155x110zoomJunge auf dem Markt in Cajamarca. Foto: Michaela Dacken An einem sonnigen Julitag flattert eine Postwurfsendung der Kindernothilfe Österreich ins Haus: ein Spendenaufruf zum Thema "Kinderarbeit", unter anderem für Kinder in Peru. Neugierig geworden, lese ich das Blatt genau und bin - na sagen wir mal - verunsichert: Das Projekt heißt nicht "Abschaffung von Kinderarbeit", sondern unterstützt im Gegenteil die auf der Straße arbeitenden Kinder und Jugendliche noch bei ihrer Arbeit! "Was ist DAS denn?", denke ich. „Kinderarbeit pfui, das weiß doch jeder, da muss man doch dagegen sein."

"Das will ich mir genauer ansehen"
Wie immer ist die Angelegenheit bei genauerem Hinsehen nicht so einfach. Daher denke ich, also gut, das will ich mir genauer ansehen. Und schreibe gleich eine Email an die Kindernothilfe mit der Bitte, das Projekt besuchen zu können. Die Antwort folgt prompt und freundlich: sehr gerne, melden Sie sich bei der Organisation, jederzeit willkommen.

Und hier sind wir nun, ein paar Monate später, an einem trockenen Herbstmorgen in Cajamarca in Nordperu. Wir erscheinen im Büro der Organisation IINCAP - Instituto de Investigacion y Capacitacion Profesional, der NGO, die das Projekt vor Ort durchführt.

Wir werden herzlich empfangen von der Projektkoordinatorin Marcela Rabanal und einer der Educatoras" (Erzieherin/Sozialarbeiterin), Jacqueline Arribasplata. Die beiden energiegeladenen Frauen stellen uns erst einmal die Organisation vor, bevor wir hinaus "ins Feld" gelassen werden.

Zielgruppe: Kinderarbeiter
IINCAP gibt es schon seit rund 20 Jahren. Die Zielgruppe der hochprofessionellen Organisation sind vor allem die sogenannten "NATs": Niños/Niñas y Adolescentes Trabajadores de la calle: Kinder und Jugendliche die als Straßenarbeiter tätig sind. Diese arbeiten oft von Kindesbeinen an als Autowäscher, Schuhputzer, Straßenverkäufer oder Lastenträger auf dem Markt. Da bleibt keine Zeit, in die Schule zu gehen - abgesehen davon, dass sich die Familien dies auch nicht leisten könnten. Erstens weil das Einkommen der Kinder schmerzlich fehlen würde, aber auch weil die Schulkosten für einen Großteil der Familien schlichtweg unerschwinglich sind. Überleben ist eben wichtiger als ABC...

So besuchen rund 60 Prozent der Kinder in und um Cajamarca nicht die Schule. Wie also das Problem an der Wurzel packen, das der Staat scheinbar ignoriert?

Breiter Ansatz gegen Kinderarbeit
Ich verstehe, dass man die Kinderarbeit nicht einfach "abschaffen" kann - sie ist eine Realität, der man nicht mit einer Einzelmaßnahme Herr wird. IINCAP verfolgt einen breiten Ansatz mit 4 Arbeitsfeldern:
1. Erziehung + Ausbildung,
2. berufliche Schulung + Verbesserung der Arbeitsbedingungen,
3. Ernaehrung + Gesundheit, sowie
4. Stärkung von Organisation und Buergerbeteiligung.

Kindergruppen organisieren sich
Die Kinder, die am Projekt teilnehmen, wurden auf der Straße bei ihrer Arbeit angesprochen, und die Arbeit ist es auch, die aus ihnen im Laufe der Zeit eine Gemeinschaft machte. Die "NATs" werden auf der Strasse betreut, wo sie regionale Gruppen oder Gruppen nach Berufssparten bilden. So gibt es z.B. eine Gruppe von "Mercadillos" am Markt von Cajamarca, die dort Lasten für Käufer und Verkäufer mit Wägelchen von A nach B kutschieren. Eine andere Gruppe sind die Autowäscher und Straßenverkäufer(inne)n in Baños del Inca, einem noblen Vorort von Cajamarca mit Thermalbädern. Und so gibt es noch einige Gruppen in und um Cajamarca. Jede Gruppe wird von einer "Educatora" betreut, es gibt regelmäßige Treffen direkt vor Ort auf der Strasse. Die Kindergruppen haben im Projekt gelernt sich zu organisieren, bilden eigene "comités", mit einem gewählten Präsident und einem Vizepräsident.

Ideen erleichtern den Alltag
IINCAP zeigt den Kindern, wie sie effizienter und organisierter arbeiten können, sie erstellen einfache Geschäftspläne und sind nun besser in der Lage, in weniger Zeit und mit weniger Energie ihren Anteil am Familieneinkommen zu verdienen. Zum Beispiel haben die Mercadillos früher mit für sie viel zu großen Karren Lasten herumgefahren. IINCAP stellt ihnen kleinere Leiterwagen zur Verfügung, mit denen sie schneller und wendiger durch das Markttreiben kommen und nebenbei auch nur Lasten, die für ihre Größe "tragbar" sind, transportieren. Das wissen auch die Marktarbeiter und ziehen sie für diese Lasten auch lieber heran - die IINCAP-Kinder stechen als Gruppe somit auch unter den anderen Lastenträger(inne)n hervor. Mit all diesen kleinen Ideen arbeiten die Kinder viel effizienter und nebenbei noch ein wenig "kindgerechter" (wenn man das überhaupt sagen kann).

Individuelle Unetrstützung für Familien
Und dadurch ist es IINCAP erst möglich, die anderen Maßnahmen an den Mann, also in dem Fall an das Kind zu bringen: die Sozialarbeiterinnen besuchen die Familien der Kinder und erarbeitet gemeinsam mit ihnen ganz individuell, welche Unterstützung die Familie braucht, um einen Schulbesuch zu ermöglichen. Die Familie gibt dazu was sie kann, und IINCAP steuert den Rest bei. Den Familien wird ihre Verantwortung klargemacht und wie wichtig eine Ausbildung ist. Die Eltern sind meist selbst Analphabeten oder haben zumindest keine Schule abschließen können. Nebenbei werden in den Familien auch Informationen über Hygiene, Gesundheit und Ernährung weitergegeben, Außerdem entsteht nicht nur bei den Kindern, sondern auch deren Familien ein Netzwerk.

Hygiene und Gesundheit
Eine der ersten Aktionen, erzählt Jacqueline, war eine große "Ent-Parasitierungs-Aktion": was hilft Aufklärung über gesunde Ernährung, wenn dadurch. die Parasiten gut ernährt werden? Also gab es einmal eine allgemeine Wurmkur - eigentlich auch eher eine staatliche Aufgabe, aber was hilft es, wenn sie nicht wahrgenommen wird ... IINCAP kaufte also tausende Tabletten, denn weil Parasiten übertragbar sind, wurden gleich die gesamten Haushalte samt Kinder, Eltern, Onkels, Tanten, Omas und Opas und wer noch aller unter einem Dach wohnt, behandelt. Und gleich über die zukünftige Vermeidung und Bekämpfung von Parasiten aufgeklärt. Jacqueline seufzt ein bisschen, wenn sie erzählt, wie "basico" die ersten Hygienetipps ausfielen, weil die Menschen wirklich sehr einfach leben: Tiere bitte nicht ins Haus, wie bewahre ich Nahrungsmittel und Kochgeschirr hygienisch auf (möglichst nicht am Boden...), Kleidung gehört nicht auf den Boden sondern sollte aufgehängt werden, und ähnliches.

Hilfe bei der Schulausbildung
Außerdem werden die NATs bei der Schulausbildung unterstützt. Sie bekommen finanzielle Hilfe. Außerdem sind die Eltern meist nicht dazu in der Lage, bei den Hausaufgaben zu helfen - auch das übernimmt INCAP. Es gibt Kurse zur Stärkung der sozialen Fähigkeiten, zur Aufklärung über Kinderrechte, aber auch zur Förderung von künstlerischen und sportlichen Fähigkeiten wie z.B. eine Tanzgruppe und ein Fußballteam.

Sensibilisierung für Lehrer
IINCAP arbeitet darüber hinaus mit den Lehrer(inne)n, für die die Straßenarbeiter oft Schüler 2. Klasse sind, und klären sie über die Probleme der Schülerinnen auf. Damit wird der Einstellung der Lehrer "wozu soll ich denen etwas beibringen, erstens sind sie sowieso zu dumm und sie werden eh immer arm bleiben" begegnet.

Zuletzt wird im Arbeitsfeld "Organisation und Bürgerbeteiligung" den NATs nahegebracht, wie man als Gruppe stärker sein kann als alleine, wie man gemeinsam füreinander und für die eigenen Rechte einstehen kann, wie man seine Bedürfnisse formuliert, wie demokratische Prozesse ablaufen - wie schon erwähnt entscheiden die einzelnen Gruppen im Rahmen ihres Comités selbst.

Die neue Bäckerei
Wie sehen uns als erstes die neueste Errungenschaft von IINCAP an: auf dem Dach des Gebäudes wurde eine kleine Bäckerei eingerichtet, in der in Zukunft die Kinder und ihre Mütter morgens Brot backen werden, das sie dann alle auf dem Markt verkaufen können.

Wir ziehen also mit Marcella, Jacqueline, Genero und Carlos mit dem Lieferwagen los. Zunächst besuchen wir die Gruppe in Baños del Inca: bei den Heilquellen im Vorort von Cajamarca hat sich in den letzten Jahren ein reger peruanischer Tourismus entwickelt. Weil heute Samstag ist, ist recht viel los. Dort verkaufen die NATs und ihre Familien vor den Bädern Seifen, Handtücher, Shampoos, Fruchtsäfte und Obst. Sie haben als Arbeitsmittel einen kleinen Bauchladen zur Verfügung gestellt bekommen, um ihre Ware flexibel anbieten zu können, und nicht an einen Standort gebunden zu sein. Andere Jungs waschen die von den Touristen am Parkplatz abgestellten Autos um 2-5 Sol (ca. 50 Eurocent bis 1€).

Kleinkredite als Startkapital
Daneben besuchen wir ein paar Stände, die aufgrund von Mikrofinanzierung von IINCAP bestehen: eine Mutter, deren Kinder am Projekt teilnehmen, hat den Kredit für den Stand erhalten, an dem sie Knabbereien verkauft. Eine andere für den Obstbehälter, eine dritte für eine Saftpresse ... so haben alle die Möglichkeit ihr kleines Einkommen zu erwirtschaften.

Danach machen wir einen kleinen Abstecher in das Dorf Santa Barbara. Dort findet gerade eine Feria statt. Eine andere Erzieherin hat dort mit ihrer Gruppe einen kleinen Stand, wo sie gesundes Essen um 1 Sol verkaufen - wir laben uns an köstlicher Suppe mit Quinoa, einem besonders nahrhaften Getreide, das schon die Inkas kannten und das in letzter Zeit auch in Europa wiederentdeckt wird.

Walzer in der Polizeistation
Danach machen wir uns auf den Weg zum wöchentlichen 12-Uhr-Treffen mit den "Mercadillos" in der örtlichen Polizeistation beim Markt von Cajamarca. Die (vornehmlich) Jungs finden uns genauso interessant wie wir sie, und die kurze Schüchternheit ist gleich überwunden. „Gibt es bei euch auch Kinder, die auf der Strasse arbeiten?", „Wie ist es in Austria?", ... Frage um Frage beantworten wir so gut wir können. Spontan laden uns die Jungs ein, dass sie uns am Abend um 17h etwas vortanzen könnten: sie haben eine Tanzgruppe, und möchten uns ein paar traditionelle Tänze zeigen. Jacqueline freut sich über die Eigeninitiative der Jungs und bespricht kurz das wann wie wo - die Jungs sorgen dafür, dass die ganze Gruppe kommt, denn keiner hat ein Telefon, aber sie haben sich so gut organisiert, dass jede Information immer an alle in der Gruppe gelangt. Den Vogel schießen wir ab, als wir auf die Frage „Und was tanzt man so in Austria?" mitten in der Polizeistation einen waschechten Walzer zu einem gesummten „Donau so blau" tanzen - die Jungs und die 2 diensthabenden Polizisten liegen flach! Wir ernten einen kräftigen Applaus. Der 12jaehrige Vizepräsident quotiert unseren „Staatstanz" mit den Worten „Algo un poco más romantica, no?" - „Ein bisschen romantischer als hier, was?"

Wie ist es in Austria?
Pünktlich um 17h stehen wir wieder bei IINCAP. Die Jungs und Mädels sind recht aufgeregt, gehen sich gleich umziehen, während wir bereits in den Gemeinschaftsraum gehen. Hier trifft sich gerade eine Frauengruppe zu einem Workshop, an der auch die Mütter der Kinder teilnehmen. Einfache Campesinas, teilweise mit ihren kleinsten Kindern hinten im Tuch oder am Schoss. Auch hier werden wir gleich ausgefragt, wer sind wir, wie ist Austria, gibt es dort auch arme Leute, wie wird ihnen geholfen ... ?

Tanzen zu Andenmelodien
Kaum ist der Workshop zu Ende, werden die Sessel auf die Seite gerückt - jetzt sind die Kids dran. Zu klassisch peruanischen Andenmelodien zeigen sie uns einige Choreografien - mehr als beachtlich ! Jacqueline sagt uns, dass dies auch sehr viel zu ihrem Selbstbewusstsein beigetragen hat, denn sie nehmen auch an Tanzveranstaltungen an diversen Schulen teil und konnten dort Mitschüler, Lehrer und Eltern beeindrucken: das hätte ihnen niemand zugetraut! Auch wir sind beeindruckt und versprechen, das nächste Mal die soeben geschossenen Fotos mitzubringen. Jubel! Dann müssen aber alle rasch aufbrechen, denn die meisten haben einen sehr weiten und steilen Heimweg in die Berghänge am Rande Cajamarcas - und in ihren Vierteln läuft man nicht in der Dunkelheit herum ! Die Jungs begleiten die Mädchen nach Hause, und alle kümmern sich gegenseitig darum, dass auch wirklich jede/r sicher heimkommt.

Beeindruckende Motivation
Wir gehen mir Marcella und Jacqueline eine Kleinigkeit essen und quatschen noch stundenlang. Besonders beeindruckt sind wir von ihrer beider Motivation, ihrer Energie und ihrer Fürsorge für die Kinder, aber auch von ihrer Professionalität. Und als Jacqueline erzählt, dass sie sogar ein Angebot der Goldmine für einen toll bezahlten Job im HR-Bereich ausgeschlagen hat, weil sie einerseits die Kinder nicht im Stich lassen wollte und aber auch „nicht in 4 Wänden glücklich werden würde", hat sie endgültig unser Herz erobert. So entscheiden wir uns auch rasch, länger in Cajamarca zu bleiben, und am kommenden Samstag mit ihr gemeinsam am Vormittag die Familienbesuche zu machen, damit wir auch sehen, wie und wo die Kinder leben.

Fotos für alle
Eine Woche später: wir haben inzwischen ein kleines Fotoalbum gekauft und etwa 50 Fotos vom Tanz für die Kinder nachgemacht, sodass es ein Album für alle gibt, und für jede/n Tänzer(in) ein eigenes Foto zum mit nach Hause nehmen. Damit treffen wir Jacqueline um 9 Uhr morgens am Markt, um mit ihr einige Familienbesuche zu machen. Sie kommt in Begleitung von Saira und Mardely, zwei der größeren Mädchen aus ihrer Gruppe. Es begleitet sie immer jemand, denn es sollen alle in der Gruppe wissen, wo die anderen wohnen, welche Probleme und Sorgen es gibt, sodass die Gruppe nicht allein von ihr abhängt, sondern auch immer andere informiert sind. Auch das Kommunikationssystem der Gruppe funktioniert auf diese Weise.

Familienbesuche
Zunächst streifen wir durch den bunten Samstags-Markt und Jacqueline grüsst und bespricht sich kurz mit verschiedensten Marktverkäufer(Inne)n, während es um uns wimmelt von Käufern und Verkäufern, auch Jungen mit Wägelchen, aber auch andere, die Säcke von Kartoffeln, oder ähnlichem durch das Gedraenge manoevrieren. So tauscht „Jacky" oder auch „Kely", wie sie von den Kids gerufen wird, alle wichtigen Infos mit allen Gruppen- und Familienmitgliedern quasi im Vorbeigehen aus. Heute geht es vor allem darum, alle zu informieren, dass die Tanzgruppe am Abend von einer Schule zum Schulfest eingeladen wurde, ihre Tänze aufzuführen, und die Eltern um Zustimmung für die Teilnahme zu bitten - es wird um ca. 20h getanzt, also kommen die Kinder spät heim, und Jacky verspricht für einen sicheren Heimweg für alle zu sorgen.

Auf der Suche
Sie sucht auch einen Jugendlichen, der seit 2 Wochen nicht mehr zu den Treffen gekommen ist - eine Verpflichtung. Die Gruppe hat im Comité entschieden, dass er daher sein Wägelchen für Tage nicht benützen darf und es jemand anderem zur Verfügung stellen soll. Allerdings will Jacky wissen was los ist. Am Markt hat ihn keiner gesehen, auch die anderen Jungen wissen nicht wo er steckt. In die Schule ist der Junge aber weiter gegangen. Eine der Marktfrauen sagt, dass die Mutter des Jungen daheim sein müsste. Also marschieren wir los.

Steil geht es bergan vom Zentrum Cajamarcas an den armen Stadtrand. Hier sind die Strassen nicht gepflastert, sondern Lehm- oder Staubstrassen, die sich in der Regenzeit in lehmige Bächlein verwandeln. Rechts und links sehr einfache Häuser aus getrockneten Lehmziegeln, Hunde bellen, wir passieren Esel und sonstige tierische und menschliche Lastenträger, und ich komme vor lauter Keuchen nicht dazu den Ausblick auf die Stadt wertzuschätzen. Diesen ca. 1-stuendigen Weg nehmen die Bewohner des Barrios und die Kinde rund ihre Familien des Projekts täglich auf sich, um zur Arbeit, zum Einkaufen, auf den Markt zu kommen - und zu den verpflichtenden Treffen! Und manche wohnen noch weiter außerhalb! Jacky trabt fröhlich voran - sie ist den Weg gewohnt, denn sie ist oft hier unterwegs, manchmal auch alleine - nicht immer ungefährlich, va. Abends!

Zunächst besuchen wir eine Mutter, die Jacky um Erlaubnis für ihre Tochter bittet, heute Abend an der Aufführung teilzunehmen. Die Señora hat eine große, entzündete Wunde am Fuß, darum konnte sie auch zum letzten Elterntreffen nicht kommen. Ein Arztbesuch wäre zu teuer, so versucht sie die Wunde mit Naturheilmitteln zu behandeln. Jacky rät ihr trotzdem zu einem Arztbesuch, wenn es nicht in Kürze besser wird.

Junge arbeitet jetzt auf dem Bau
Einige Höhenmeter weiter - schnauf - kommen wir zum Haus des Jugendlichen, den wir suchen. Ein Topf mit Eintopf köchelt vor dem Haus, ein Schweinchen grast unter dem Baum, ein Haufen Wäsche liegt herum - und ein etwa 5-jähriger Junge lugt verschreckt um die Ecke. Jacky fragt nach seiner Mutter - sie ist leider noch am Markt, sagt der Kleine, müsste aber bald kommen. Wir warten ein wenig, tatsächlich sehen wir bald am Fuße des Hanges eine Frau mit einem Riesen Sack am Kopf langsam die Steigung überwinden, im Schlepptau einen 2-jaehrigen. Der 5-jaehrige läuft ihr entgegen, um ihr beim Tragen zu helfen. Jacky erzählt uns, der Mann hat die Mutter verlassen, jetzt kämpft sie sich mit den Kindern alleine durch ... wie oft haben wir eine solche Geschichte schon gehört? Als die Frau uns erreicht, fragt Jacky nach dem Ältesten. Er habe eine Stelle am Bau gefunden, und fühle sich zu alt um noch mit dem Leiterwagen am Markt zu arbeiten. Jacky ersucht, dass er trotzdem zu den Wochentreffen kommt, um den Kontakt zum Projekt und zur Gruppe nicht zu verlieren. Das Schulgeld für Oktober bis Dezember hat IINCAP bezahlt, und Jacky ermahnt die Mutter dafür zu sorgen, dass der Junge auch weiterhin zur Schule geht.

Zurück in der Stadt
Danach müssen wir wieder zurück ins Stadtzentrum, um den Fall des Jugendlichen Antonio zu recherchieren. Er lebte bisher bei seiner Mutter, ebenfalls eine Alleinerzieherin von 3 Kindern. Sie hat nunmehr einen anderen Mann kennengelernt und ist vor 2 Wochen mit den 2 jüngeren Töchtern zu ihm gezogen - in ein weit entferntes Dorf - und hat Antonio zurückgelassen. Dieser ist davon sehr getroffen, und Jacky will herausfinden, wo er jetzt wohnt. Am Markt war Antonio nicht zu finden. 2 der anderen Jungs der Gruppe wussten, dass er bei seinem Onkel unterschlüpfen konnte, und sie wüssten auch wo er wohnt. Also treffen wir uns um 11h mit ihnen, steigen gemeinsam in ein Taxi und fahren 5km in die Eisenwarenhandlung des Onkels - dort bespricht Jacky die Situation und wie es mit Antonio weitergeht.

Wochentreffen der Mercadillos
Wir schaffen es gerade wieder um 12 Uhr zurück am Markt zu sein, zum Wochentreffen der Mercadillos. Dort ist auch Antonio, und Jacky klärt auch mit ihm die Situation ab. Dann gibt es die Besprechung und danach werden unsere Fotos angesehen, unter lautem Jubeln und Rufen. Ich bitte die Jungs sich in unser Reise-Buch einzutragen, damit wir von allen die Namen haben - und ein paar schreiben auch eine Emailadresse dazu, denn das Internetcafe um etwa 10 Cent können sogar sie sich für ein halbes Stündchen hie und da leisten ... Dann kommt die unvermeidliche Frage: „Kommt ihr heute Abend auch zu unserer Aufführung!?!?" - 30 Augenpaare schauen uns hoffnungsfroh an - wer könnte da nein sagen! Neuerlicher Jubel!! Wir werden zum Abschied von allen geherzt, und „hasta luego!" -„bis später!" schallt es uns entgegen. Unsere Herzen sind schon lange erobert!

Abschied mit schwerem Herzen
Der Abend wird eine echte Freude. Die Kids stehen auf einer Bühne im Rampenlicht, und ALLE Mitschüler(innen), Lehrer(innen) und sonstige Besucher(innen) des Festes sehen, dass wir 3 Gringos (wir haben den Schweizer Daniel mitgenommen) nur wegen IHNEN da sind! Der Moderator begrüßt uns scherzhaft als Vertreter der Internationalen Presse - weil wir fotografieren, was das Zeug hält. „Unsere" Kinder tanzen stolz und strahlen dabei wie Lebkuchenschweinchen - ständig mit Blick auf uns, ob wir auch ja alles sehen. Zum Schluss stürmen alle inklusive Jacky zu uns, drücken uns und verabschieden sich herzlichste von uns. Wunderbar! Wenn wir nicht das Flugticket für morgen schon in der Tasche hätten, wir würden ganz sicher noch länger in Cajamarca bleiben - aber auch so nehmen wir von hier sicher mehr in unseren Herzen mit als wir uns je gedacht haben !

Die Arbeit macht Sinn
So haben wir also erlebt, dass der Ansatz des Projektes, Kinder bei ihrer Arbeit zu helfen, Sinn machen kann, auch wenn es auf den ersten Blick eigenartig erscheinen mag. Die von IINCAP betreuten Kinder, Jugendlichen und ihre Familien haben jedenfalls die Möglichkeit erhalten, sich auf vielen Ebenen weiterzuentwickeln - und dadurch langfristig aus der extremen Armut auszubrechen!


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