
Die Patenschaft-Teams des Marienstätter Gymnasiums. Fotos: privat
Seit 30 Jahren fördern Schüler des Privaten Gymnasiums Marienstatt (Rheinland-Pfalz) Patenkinder. Die Initiative ging von den Mädchen und Jungen aus, aber Lehrer und Schulleitung stehen voll hinter diesem Engagement. Patenschaft-Teams in jeder Klasse, wechselnde Koordinatoren pro Schuljahr, Briefeschreiben und Geldsammeln - das Patenschaftssystem wurde perfekt organisiert und läuft seit Jahren reibungslos.
Mittelalterliche Mauern, Türmchen, Säulen und kunstvolle Holzschnitzereien - das 800 Jahre alte Zisterzienserkloster Marienstatt im Westerwald ist ein architektonisches Prachtexemplar seiner Zeit. Jeder Winkel atmet Geschichte, lässt den Besucher vor ehrfurchtsvollem Staunen verstummen.

Eine ehrwürdige Kulisse.
Innerhalb der Mauern der großen Anlage herrscht jedoch tagsüber alles andere als ehrwürdige Stille. 863 Mädchen und Jungen quirlen durch Flure und Klassenzimmer des Marienstätter Gymnasiums, und die sind keineswegs stumm, sondern äußerst lebendig, aufgeschlossen und haben das Herz auf dem rechten Fleck. Nach dem Unterricht tummeln sie sich in einer der vielen AGs der Schule: Sie spielen in der Big Band, betreuen die Marienstätter Bienenvölker, trainieren beim Tischtennis für Olympia oder machen den Mofa-Führerschein. Und sie kümmern sich um 18 Patenkinder. „Unsere Schule möchte den ganzen Mensch in den Blick nehmen - im Marienstätter Tal und darüber hinaus", sagt Schulleiter Klemens Schlimm. „Deshalb unterstützt jede der 18 Unter- und Mittelstufenklassen ein Patenkind aus acht verschiedenen Ländern."

Die Klasse 6b, die sich besonders für die Kindernothilfe engagiert.
Die Schüler selbst gaben den Anstoß
Die Initiative ging von den Schülern aus: Im Juni 1979 entschloss sich die damalige Schülerverwaltung, drei Patenschaften zu übernehmen. In den vergangenen 30 Jahren haben die Marienstätter die Zahl der Kinder kontinuierlich gesteigert. Vor rund zehn Jahren wurde die Patenschafts-Arbeit systematischer organisiert. „Das hat sich bewährt und läuft reibungslos", berichtet Ulrike Becher-Sauerbrey. Die Oberstufenleiterin und Lehrerin für Chemie und Erdkunde gehört zum Koordinations-Team der Patenschaften - in diesem Jahr wird sie dabei unterstützt von Annabell Mockenhaupt und Yvonne Zens (beide Klasse 10c). „Jedes Kind, das mitmacht, bezahlt einen Euro. Da wir aber selten 31 Kinder in einer Klasse haben, sammeln wir in der Oberstufe, die ja keine eigenen Patenkinder hat, Geld ein. Darüber hinaus veranstalten wir jedes Jahr zum Beispiel einen Weihnachtsbasar, den Verkauf von Dritte-Welt-Artikeln oder ein Konzert, um die erforderlichen Beiträge zusammenzubekommen."

Einsammeln des Patenschafts-Betrages in der 11. Klasse.
Pro Klasse sind zwei bis drei Kinder für das Geldeinsammeln zuständig. Diese so genannten Patenschaft-Teams melden sich zu Beginn eines Schuljahres freiwillig. Sie sind dafür verantwortlich, dass der Euro-Betrag von ihrer Klasse stimmt. Sie liefern das Geld dann beim Koordinations-Team ab: Die Schule hat dem Team extra einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie sich in bestimmten Pausen einfinden, die Gelder entgegennehmen und auch Fragen zur Patenschaft beantworten.
Wenn die zehnten Klassen ins neue Schuljahr wechseln, geben sie ihr Patenkind an die neuen Fünfklässler weiter. In diesem Jahr zum Beispiel fördert die 5a Ku. Geeta Nag aus Indien, die 5b Habtamu Mesaye aus Äthiopien und die 5c Olga Janeth Cepeda aus Ecuador. „Diese Länder kenne ich alle, da ich relativ viel reise", so Frau Becher-Sauerbrey, „und ich habe vor, den Kindern anhand einiger Dias etwas von der Situation der Menschen dort zu erzählen." Die Eltern der neuen Schüler werden rechtzeitig über die Patenschaftsbeträge informiert. Zu Beginn des Schuljahres stellt ihnen Frau Becher-Sauerbrey per Brief das Engagement der Schule für die Kindernothilfe vor und bittet um Rückmeldung, ob sie dabei mitmachen möchten oder nicht. „In der Regel sind es maximal drei Eltern, die sich nicht beteiligen. Die Patenschafts-Teams der Klassen bekommen die Namen der Schüler, die nicht mitmachen, damit sie sie bei ihren Sammlungen nicht ansprechen."

Lehrerin Ulrike Becher-Sauerbrey vor ihrem Eine-Welt-Stand, mit dem ebenfalls Geld für die Patenkinder gesammelt wird.
"Helfen macht Spaß!"
„Ich finde es schön, wenn wir anderen Kindern helfen können, denen es nicht so gut geht wie uns", begründet Natascha Bellinger aus der 6b ihr Engagement. „Ich mache mit, weil man sich besser fühlt, wenn man etwas Gutes getan hat!", gibt ihr Klassenkamerad Leonhard Hofmann zu. „Und Helfen macht ja auch Spaß", ergänzt Magdalena Schneider.
Janika und Janette Schneider aus Klasse 13 ist es wichtig, dass konkrete Personen gefördert werden und dass man Rückmeldungen von den Kindern bekommt. Sie wünschen sich, dass die Patenkinder in ihren Briefen mehr von ihrem täglichen Leben berichten. „Uns interessiert, wie ist es bei ihnen in der Schule ist, wie es läuft zu Hause."

Leo B. und Leo H. vor der Pinnwand ihrer Klasse.
Jede Klasse hält Kontakt zu ihrem Patenkind. Im Klassenraum hängen Fotos und Briefe der Kinder, manchmal auch Informationen über die Länder, aus denen sie kommen. Einige Lehrer beziehen diese Länder in den Unterrichtsstoff mit ein, holen sich auch schon mal Kindernothilfe-Mitarbeiter, die über aktuelle Projekte in Afrika, Asien oder Lateinamerika berichten. Im November 2008 vermittelte die Kindernothilfe den Auftritt südafrikanischer Studenten im Marienstätter Gymnasium. In einem eindrücklichen Theaterstück führten sie den Schülern die dramatischen Folgen von HIV und Aids in ihrem Land vor Augen. Auch in der Öffentlichkeitsarbeit nehmen die Patenschaften einen wichtigen Platz ein. Auf der Homepage stellen die Schüler ihr Engagement ausführlich vor, nennen die Namen der Patenkinder, zeigen Fotos und veröffentlichen Pressemeldungen.

Aufbauen zum Gruppenfoto vor der Eingangstür.
Patenschaften sind für die Schüler eine Selbstverständlichkeit geworden
„Neulich hat mich ein Junge aus der 11. Klasse gefragt: Warum haben wir in der Oberstufe keine eigenen Patenkinder?", erzählt Oberstufenleiterin Ulrike Becher-Sauerbrey. „Er war es von klein an gewöhnt, dass er und seine Klasse ein Patenkind unterstützten - das war für ihn mittlerweile etwas Selbstverständliches geworden."
Das Engagement für Kinder in ärmeren Ländern erschöpft sich für die Marienstätter nicht mit den Patenschaften. So sind sie zum Beispiel eine große Stütze der Kindernothilfe-Kampagne Action!Kidz - Kinder gegen Kinderarbeit Im vergangenen Jahr sammelten sie durch kleine Arbeiten in Haushalt und Garten oder durch Musizieren in der Fußgängerzone mehr als 3 700 Euro - den größten Anteil daran hatte die Klasse 6b: Sie brachte es auf 900 Euro!
„Das Gymnasium Marienstatt ist eine von rund 3 000 Schulen, die sich seit Jahren für unsere Arbeit engagieren", freut sich Kindernothilfe-Bildungsreferentin Imke Häuser. „Uns ist es wichtig, dass schon Kinder einen Bezug zu anderen Ländern bekommen, Vorurteile gegenüber Armut und fehlenden Bildungschancen abbauen. Und wir sind stolz darauf, von so vielen tatkräftigen und begeisterungsfähigen Schülern und Lehrern unterstützt zu werden. Dafür sagen wir danke!"