Evelin Christiane Gräfin von Bethusy-Huc starb einen Monat vor ihrem 48. Geburtstag an Krebs. Ihre Eltern lassen ihren Namen und ihre Liebe zu bedürftigen Kindern weiterleben in einer Stiftung, die ihren Namen trägt. Trauerarbeit, die indischen Mädchen zu einem besseren Leben verhilft.

Foto: Ralf Krämer/Kindernothilfe
Das Reden fällt Eva Herrmann schwer, die Trauer holt sie immer wieder ein. Aber das ist verständlich, es ist alles noch so frisch, der Tod ihrer Tochter noch nicht einmal zwei Jahre her. Dass Kinder vor ihren Eltern sterben, ist unfassbar, das darf nicht sein, da läuft etwas schrecklich falsch. Und wenn Mutter und Tochter sich so nahegestanden haben, ist der Schmerz besonders groß.
Die letzten elf Jahre haben sie in unterschiedlichen Welten gelebt - Eva Herrmann mit ihrem zweiten Ehemann Horst in den USA, Tochter Evelin mit ihrem Lebensgefährten in München. Der amerikanische Akzent klingt immer noch durch, wenn Herrmanns erzählen. Die Mutter wanderte nach Kalifornien aus, als Evelin drei Jahre alt war, 30 Jahre haben sie dort gemeinsam verbracht. Evelin studierte zunächst Biologie, Medizin und Chemie in Kalifornien, später Mathematik und Biochemie in Colorado. 1995 kehrte sie in ihre Geburtsstadt München zurück, sie bekam eine Stelle bei Siemens, fand einen Lebensgefährten, war aufgrund ihrer warmherzigen und hilfsbereiten Art überall beliebt. Alles war gut, dann brach der Krebs aus.
Ihre Eltern zogen nach der Pensionierung nach München, um der Tochter nahe zu sein. Es blieben ihnen nur knapp eineinhalb gemeinsame Jahre. Evelin verbrachte ihre letzten Monate in der onkologischen Fachklinik Bad Trissl. Am 16. Mai 2010 verlor sie den Kampf gegen den Krebs, aber „sie hat den Himmel gesehen", sagt Eva Herrmann, „denn sie starb mit einem glücklichen Lächeln." Dieses Lächeln trägt sie jetzt weiter.
Diese Mutter vergräbt sich nicht in ihrem Schmerz, klagt nicht an, sie hat sich für das Leben entschieden. Sie will Evelins Namen weiterleben lassen, und bei ihrer Internet-Recherche landet sie schließlich bei der Kindernothilfe, deren Konzept der Treuhandstiftungen sie überzeugt. Mit ihrem Mann gründet sie eine Stiftung unter dem Dach der Kindernothilfe-Stiftung, die Evelins Namen trägt. Das Stiftungskapital beträgt 55.000 Euro, die Erträge verhelfen zwei indischen Patenmädchen zu neuem Leben: Sie sind nicht durch Krankheit todgeweiht, aber sozial ausgegrenzt durch Geschlecht und Herkunft.
Im Schülerinnenwohnheim Deenabandhu Home for Girls in Machilipatnam lernen und bekommen sie alles, was sie für ein selbstbestimmtes Leben brauchen. Damit die Hilfe Kreise zieht, haben Herrmanns die Website www.evelin-bethusy-huc-stiftung.de eingerichtet und einen Handzettel über ihre Stiftung und das Gedenken an ihre Tochter drucken lassen.
Für die indischen Mädchen wird Evelin immer zu ihrer Lebensgeschichte gehören. Auch ihre Mitschülerinnen nehmen teil am Schicksal dieser deutschen Frau, deren Fotos in der Eingangshalle des Projekts hängen, und als Dankeschön haben sie ein dickes Buch für die Stifter angefertigt. Sie haben ihnen liebevoll verzierte Briefe geschrieben, auf mancher Seite prangt Evelins Name in bunten Lettern, sie haben Bilder gemalt, sogar ein Porträt von Evelin ist dabei. Die hätte sich darüber sehr gefreut. Spenden für misshandelte und bedürftige Kinder waren für sie ein Muss, wohl auch, weil ihre Kindheit nicht einfach war. „Evelin kann man nicht vergessen", weiß ihre Mutter, „man kann ihr nur nacheifern. Sie hat die Herzen der Menschen berührt." Eines Tages wird sie die indischen Mädchen besuchen und ihnen persönlich von ihrer Tochter erzählen. Vielleicht schon im nächsten Frühjahr.
Christine Taylor