Suche
Jetzt spenden Pate werden
Goshu arbeitet auf dem Feld. (Quelle: Christian Herrmanny)

„Ich will gar nicht hier sein"

Ähiopien: Im ländlichen Norden Äthiopiens sind viele Familien so arm, dass sie die Arbeitskraft ihrer Kinder an reiche Bauern „vermieten“ müssen – für etwas Geld und ein paar Säcke Getreide.

Von Christian Herrmanny, stellvertretender Pressesprecher

Es ist heiß während der Erntezeit im Norden Äthiopiens: Die Sonne steht senkrecht über den Feldern, der Wind weht nur sehr schwach, die Luft flimmert. Im immer gleichen Rhythmus schneiden die Feldarbeiter mit ihren kleinen Sensen das Getreide: Die Rücken gebückt, die Hände und Unterarme nicht selten blutig – die Sensen sind extrem scharf und bestrafen jede Unachtsamkeit ihrer Nutzer.

Frauen arbeiten hier auf den Feldern und Männer, vor allem aber auch Kinder. Sie sind oft nicht älter als acht oder neun Jahre und gehen der anstrengenden Arbeit keineswegs freiwillig nach. „Ich arbeite schon seit sechs Jahren, damals wurde ich zum ersten Mal von meiner Mutter zum Arbeiten weggegeben“, erzählt der 13-jährige Goshu. Er arbeitet mehrere Fußstunden von seinem Heimatdorf entfernt bei einem Landwirt, der Goshus Arbeitskraft „gemietet“ hat. „Meine Mutter wollte mich eigentlich wieder bei sich haben, aber unsere Ernte wurde vom Hagel zerstört, und da musste ich wieder arbeiten gehen“, erzählt der Junge, ohne mit dem anstrengenden Schneiden der Getreidehalme aufzuhören.

Keine Kindheit, sondern von früh bis spät auf dem Feld

Markt in Debre Markos. (Quelle: Christian Herrmanny)
Markt von Debre Markos: Kinder werden hier als Ware angeboten.

Goshus Arbeitgeber ist streng, die Pausen sind stark reglementiert, und langes Verschnaufen wird nicht geduldet. Während der Erntezeit ist der Junge von früh morgens bis abends spät auf dem Feld. Er blutet am Finger, seine Hände sind voller Schwielen, die Unterarme tragen zahlreiche Narben früherer Schnittwunden. Mit Kindheit und Kindsein hat all das nichts zu tun. Goshu teilt das Schicksal unzähliger Jungen und Mädchen gerade im ländlichen Norden Äthiopiens. Wenn eine Familie hier nicht über ausreichend große und ertragreiche landwirtschaftliche Anbauflächen verfügt, verbleibt sie oft dauerhaft in Armut. Die meisten Menschen besitzen kein oder nur sehr wenig Land, die Ernten fallen immer wieder sehr schlecht aus. Der Boden ist karg, häufige Dürreperioden drücken die Erträge. Kenntnisse über Fruchtwechsel, Düngung oder andere Methoden der Ertragssteigerung fehlen vielen Bauern, die mit den wenigen Früchten kaum alle Kinder ernähren, geschweige denn auf dem örtlichen Markt einmal Gewinne erwirtschaften können.

Die Eltern vermieten oder verpachten ihre Kinder folglich an reichere Bauern und erhalten dafür einen Sack Getreide oder etwas Geld. Damit erreichen diese ärmsten Familien gleich zweierlei: Das an eine fremde, aber wohlhabendere Familie verpachtete Kind muss nicht mehr im eigenen Haushalt mitversorgt und ernährt werden, und die im Gegenzug erhaltenen Güter sichern das Überleben der restlichen Familienmitglieder.

Goshus Mutter erhielt 100 Kilo Teff und 50 Kilo Weizen

Goshus Mutter beispielsweise erhielt für die Arbeitskraft ihres ältesten Sohnes 100 Kilogramm des regionalen Getreides Teff und 50 Kilo Weizen. Dafür packt der Junge mit an wie ein Erwachsener; er hilft bei der Aussaat, der Ernte, dem Dreschen des Korns und beim Viehhüten. Behandelt wird der 13-Jährige wie ein Leibeigener: „Ich stehe auf, wenn es hell wird, und arbeite oft bis zur Dunkelheit.“ Der Landwirt schont weder sich selbst noch seinen „Besitz Goshu“, den er Anfang des Jahres auf dem Markt von Debre Markos „erworben“ hat. Auf dem Markplatz wechseln vor dem Beginn der Aussaat nicht nur Waren aller Art ganz selbstverständlich den Besitzer, sondern eben auch Kinder und Jugendliche – billigere Arbeitskräfte gibt es nirgendwo. Darüber hinaus berichtet der Kindernothilfe-Partner „Facilitators for Change“ (zu deutsch: „Vermittler für Veränderung“), dass bei fremden Landwirten arbeitende Kinder oftmals von den neuen Familien schlecht behandelt, missbraucht und geschlagen werden. Zeit für den Besuch einer Schule oder Freizeitbeschäftigungen wird den Kindern verwehrt.

Tafari beim Schafe hüten. (Quelle: Christian Herrmanny)
Tagein, tagaus Viehhüten ermattet – Tafari sehnt sich nach Bildung.

Selbst wenn die Arbeit die Kinder und Jugendlichen manchmal gar nicht körperlich fordert – wie beim Hüten von Kälbern oder Ziegen –, bleibt die lange Arbeitszeit ein riesiges Problem. Das stupide Sitzen auf dem Feld verhindert, dass die Betroffenen geistig gefordert und gefördert werden. Viele sehnen sich nach Lernstoff, nach Unterricht und gieren nach dem Wissen, das andere Kinder wie selbstverständlich aufsaugen können. Den Kinderarbeitern aber bleibt dies in zentralen Phasen ihres Lebens verwehrt. So geht es auch vielen Mädchen, die vor allem in Haushalten, Geschäften oder in der Gastronomie arbeiten. Sie teilen das Schicksal von Tiru, einer Zwölfjährigen, die als Servicekraft beschäftigt ist. Das Lokal an der Durchgangsstraße des Dorfes ist stets gut besucht: Die ersten Gäste kommen auf eine Tasse Kaffee bereits vor Sonnenaufgang, die letzten gehen erst spätabends, oft nach 23 Uhr. Tiru arbeitet aber nicht nur in dem Lokal, bedient, spült und kassiert – sie schläft auch mitten im Schankraum. Erst wenn die letzten Gäste fort sind und alles auf- und weggeräumt ist, kann sie ihr spärliches Nachtlager aufbauen. Und bevor die Frühstücksgäste kommen, gilt es, Kaffee zu kochen und alles herzurichten für einen langen Tag.

Armut und Tradition greifen in Äthiopien zum Schaden der Kinder ineinander: Der eigene Nachwuchs wird in vielen Gebieten wie selbstverständlich als wirtschaftliche Kraft der Familie gesehen. Viele Kinder zu haben, bedeutet für Eltern in erster Linie ein höheres Einkommen und eine gewisse ökonomische Sicherheit im Alter. Vor allem in ländlichen Gegenden ermöglichen viele Eltern daher maximal einem ihrer Kinder den Besuch einer Schule, während die anderen arbeiten müssen. Dabei hat sich Äthiopien in verschiedenen internationalen Abkommen, zum Beispiel in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, zu einer Beseitigung von ausbeuterischer Kinderarbeit und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor wirtschaftlicher Ausbeutung verpflichtet. Doch die Realität sieht ganz anders aus: Mehr als die Hälfte der Kinder unter 14 Jahren geht einer arbeitenden Tätigkeit nach, die als ausbeuterisch anzusehen ist – und es fehlt noch immer an konkreten nationalen Strategien, um das Recht der Kinder auf Bildung, Gesundheit und Schutz vor Ausbeutung durchzusetzen. Kinder wie Goshu oder Tiru sind der Willkür ihrer Dienstherren ausgeliefert.

Über viele Monate von der Familie getrennt

Von FC errichtete Schule. (Quelle: Christian Herrmanny)
FC hat Schulen errichtet um den Kindern den Traum einer Ausbildung zu ermöglichen.

Auch der zwölfjährige Tafari hat seine Eltern seit Monaten nicht gesehen, weil die Entfernung zwischen seinem Elternhaus und seiner „Arbeitsstätte“ zu groß und die Wegstrecke zu anstrengend ist. Was es für ein Kind bedeutet, über viele Monate von seinen Eltern und Geschwistern getrennt zu sein und bei einer völlig fremden Familie im Dienstverhältnis zu leben, können die Familien unter Umständen noch ermessen – aber ändern können sie ihre Lage aus eigener Kraft meist nicht. Hier setzt die Arbeit der Kindernothilfe an.

Der Kindernothilfe-Partner „Facilitators for Change“ (FC) ist seit Jahren im Regionalstaat Amhara aktiv. Hier hat er alternative Schulen gegründet, damit auch die Kinder der Armen lernen können. Hier wurden Kinderzentren gebaut und sogenannte „Kinderrechteclubs“ gegründet, in denen die Kinder ihre Rechte kennen lernen. Vor allem aber hat FC viele Selbsthilfegruppen angeregt, um den Familien ein höheres Einkommen zu ermöglichen. In den Selbsthilfegruppen lernen Frauen beispielsweise bessere Anbau- und Düngemethoden kennen oder sie erlernen – neben dem Schreiben, Lesen, Rechnen und Bilanzieren – ein Handwerk. Nur die Mütter, die auf die Einkünfte ihrer Kinder verzichtet können, werden die Kinder auch in die Schulen schicken statt zur Arbeit.

Gemeinsam mit den gesellschaftlichen Entscheidern, mit Dorfältesten, Geistlichen, Gewerkschaftsvertretern und auch mit den Eltern und Kindern selbst machen sich die Mitarbeiter von FC in umfassender Aufklärungsarbeit für die Abschaffung der Kinderarbeit stark: Sie sprechen mit den Behörden, mit Politikern, mit Landwirten und mit den Kindern, die für ihre Rechte eintreten sollen. Durch die vielfältigen Aktivitäten von FC ändert sich nach und nach die Einstellung der Menschen zur tradierten Kinderarbeit, und die wirtschaftliche Situation der Familien wird entscheidend verbessert. Das ist auch dringend notwendig, denn die Kinder leiden Tag für Tag – unter der schweren Arbeit und der Situation, in der sie sich befinden. „Ich würde gerne bei meinen Eltern sein, ich will gar nicht hier sein“, sagt beispielsweise Goshu. Und Tafari erzählt: „Ich bin traurig und ständig in Sorge um meine Familie. Ich fürchte, dass sie krank wird oder ihr etwas zustößt. Ich würde gerne nach Hause zurückkehren und in eine Schule gehen.“ Ein Wunsch, der von vielen Kindern und Jugendlichen geteilt wird. Die Kindernothilfe und ihr Partner FC arbeiten daran.


Ja, ich möchte das Projekt „Äthiopien: Unser Einsatz gegen Kinderarbeit“ unterstützen mit:

klären 30 Frauen über die Gefahren von Genitalverstümmelung und Frühverheiratung auf.

reichen für die Anschaffung von Unterrichtsmaterial für eine Schule.

sind notwendig, um Landwirtschaftskurse mit 100 Teilnehmern durchzuführen.

Ich spende einen anderen Betrag.

Meine Spende beträgt: 0 €


Kinderarbeit: Schuften, um zu überleben

Kinderarbeit: Schuften, um zu überleben

Weltweit arbeiten rund 168 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren, 85 Millionen von ihnen unter unzumutbaren Bedingungen. Das muss ein Ende haben.

Mehr erfahren
So können Sie Kindern in Not helfen

So können Sie Kindern in Not helfen

Es gibt viele Möglichkeiten, die Arbeit der Kindernothilfe zu unterstützen. Hier erfahren Sie, wie. Bitte spenden und helfen Sie!

Mehr erfahren
Christian Herrmanny

Christian Herrmanny

Telefon: 0203.7789-242

E-Mail senden