Prominente

Mehr als eine Rolle:
Dietrich Mattausch ist Kindernothilfe-Botschafter

Medienpreis 2009, Dietrich MattauschFoto: Kindernothilfe

Schauspieler Dietrich Mattausch wird oft als „der Mann mit den vielen Gesichtern" bezeichnet: Er ist der Fabrikant Sattmann in der "Piefke-Saga", der NS-Scherge Heydrich in der "Wannsee-Konferenz", Hauptkommissar Rick in der "Der Fahnder", Ludwig der Fürchterliche in dem Kinderfilm „Der kleine Vampir" oder er verwandelt sich auf der Bühne in Othello. Er spielt Banker, Ärzte, Direktoren oder Staatsanwälte ebenso überzeugend wie eiskalte Typen oder zynische Intellektuelle. Seit 2002 engagiert er sich für die Kindernothilfe, und das ist für ihn mehr als nur eine Rolle.

In 130 Theaterstücken und über 200 Fernsehfilmen hat der 68-Jährige mitgewirkt. „Ich gehöre beim Fernsehen wahrscheinlich zu den Kollegen, die in den meisten Krimis mitgespielt haben", vermutet er. 18 Jahre lang spielte er in der Krimiserie „Der Fahnder" mit, 17-mal im „Tatort" und 21-mal in „Die Straßen von Berlin".
Dass er eines Tages Schauspieler wird, war dem gebürtigen Tschechen schon als Kind klar: „Mit fünf oder sechs hab' ich gesagt, ich gehe zum Zirkus", erinnert sich Dietrich Mattausch schmunzelnd. „Mit elf, zwölf hab' ich gesagt, ich möchte Filmstar werden, und mit 15 wusste ich, ich wollte ich zum Theater. Zuerst fanden meine Eltern das sehr komisch, weil ich so bewusst und konkret gesagt habe: Das mache ich! Aber als ich dann als Jugendlicher meinte: ‚Ich brauche keine Schule, ich werde sowieso Schauspieler - und da braucht man keine Zeugnisse!', war das für meine Eltern natürlich eine Katastrophe!"

Er schloss mit seinen Eltern einen Deal: Ich mache das Wirtschaftsabitur und lerne einen „vernünftigen" Beruf - und dann darf ich meinen Traum verwirklichen. Also wurde er Speditionskaufmann. Nebenher nahm er Phonetik- und Schauspielunterricht und spielte am Theater in Mainz. „Das Theater war damals anders", so Mattausch, „die spielten sehr theatralisch, und ich war immer ein Mensch, der so ganz normal und einfach spielte. Mir hat mal ein Intendant beim Vorsprechen gesagt: ‚Ich weiß nie, wann sind Sie normal und wann spielen Sie?'" Der bekannte Regisseur Peter Zadek war der erste, der diese Eigenschaft des Schauspielers zu schätzen und einzusetzen wusste.  

Freude an jeder Rolle
1975/76 erhielt Mattausch das erste Fernseh-Angebot. Anfangs spielte er hauptsächlich auf der Bühne - u.a. im Schauspielhaus Hamburg, im Bayerischen Staatsschauspiel München, im Theater in der Josefstadt und im Burgtheater Wien - und nebenher in Fernsehfilmen. In den 80er Jahren drehte sich das Verhältnis um. „Das hat mir eine ziemliche Unabhängigkeit verschafft. Durch diese vielen Rollen konnte ich anfangen, über mich selber zu bestimmen."
Hat er eine Lieblingsrolle? „Nein. Wenn Sie drei Kinder haben, können Sie auch nicht sagen, welches das Liebste ist, das geht nicht. Es hat in meinem Leben viele tolle Fernseh-Produktionen gegeben, aber die hatten immer mit den Menschen zu tun. Sie können das tollste Stück haben, die tollste Rolle, aber wenn dann einer von den anderen Schauspielern nicht mitzieht, wird einem auch die ganze Rolle verleidet. Ich habe immer versucht, Freude an jeder Rolle zu haben."

Medienpreis 2007zoomDietrich Mattausch liest bei der Verleihung des Kindernothilfe-Medienpreises 2007 den Gewinnerbeitrag aus der Sparte „Print". Foto: Bildschön Patenschaften für die Kinder
Für die Kindernothilfe agiert der Schauspieler seit 2002 als Botschafter, und das ist für ihn mehr als nur eine Rolle. Er repräsentiert das Hilfswerk auf Veranstaltungen, nimmt Schecks entgegen und ist seit Jahren bei der Verleihung des Kindernothilfe-Medienpreises mit dabei. Jedem seiner drei Kinder schenkte er eine Patenschaft: Robin (16) und Roxana (14) brachte seine Frau Annette mit in die Ehe, Jonny (8) ist ihr gemeinsamer Sohn. „Ich wollte, dass Kinder hier bei uns über den Tellerrand hinausschauen können und Verantwortung übernehmen", begründet er diesen Schritt. „Robin tat sich sehr schwer damit, sich aus den Vorschlägen der Kindernothilfe ein Patenkind auszusuchen. Er meinte: Wenn ich eins aussuche, benachteilige ich doch die anderen. Die Entscheidung war ihm zu schwer, und deshalb haben wir sie ihm dann abgenommen." Wann immer ein Brief von einem der Patenkinder aus Sri Lanka kommt, wird er sofort beantwortet. Die Mattausch-Kinder setzen sich dabei auch mit der Situation der Mädchen und Jungen auseinander. Dietrich und Annette Mattausch im KosovozoomDietrich Mattausch mit Ehefrau Annette im Kosovo. Foto: Frank Rothe

Im Kosovo wurden Erinnerungen wach
2002 besuchte der Schauspieler mit Ehefrau Annette ein Projekt im Kosovo: ein sehr tiefgreifendes Erlebnis, denn sie konfrontierte ihn mit verdrängten Erlebnissen aus seiner Kindheit. „Wir haben eine Frau getroffen, die mit ihren sieben Kindern in einem einzigen Raum lebte, der keine 20 qm groß war. Ihr Mann wurde von Serben verprügelt und starb an den Verletzungen. Und die Kinder hatten alles miterlebt. Sie brauchten Hilfe, um diese Erfahrungen verarbeiten zu können. Uns hat sehr beeindruckt, wie gut die Kinder im Projekt aufgehoben waren. Aber ihre Situation hat mich ganz unerwartet an meine eigene Kindheit erinnert.

Dietrich MattauschzoomBei Kriegswaisen im Kosovo. Foto: Frank Rothe Meine Großeltern, meine Mutter und ich sind 1945/46 aus dem heutigen Tschechien ausgewiesen worden - mit nur zwei Koffern kamen wir in einem Viehwagon nach Oberhessen und wurden mit 300 Leuten in großen Hallen untergebracht. Wir schliefen auf Stroh und mussten auf den umliegenden Bauernhöfen betteln gehen, damit wir zu essen bekamen. Ich hatte das alles vollkommen verdrängt, und im Kosovo kam auf einmal alles wieder hoch. Plötzlich wurde mir diese Situation meiner Kindheit schlagartig bewusst, woher ich komme und was mit mir passiert war - das war, als würde jemand einen Vorhang zur Seite ziehen."
Besonderes beeindruckt zeigte sich der 68-Jährige von der Offenheit der jungen Menschen. „Wir haben ihnen von unseren Kindern Bilder gezeigt. Am nächsten Tag kamen drei Kinder zu uns und brachten uns als Geschenk für unsere drei Steine aus den Silberminen in Mitrovica. Das hat mich sehr berührt, dass junge Menschen mit so einer ungeheuren Wärme und Liebe auf jemanden zugehen, den sie gar nicht kennen, zu dem sie aber Verrauen gefasst haben."

Dietrich Mattausch in einer neuen Krimiserie
Wo werden wir Dietrich Mattausch in diesem Jahr noch auf dem Bildschirm sehen? Zurzeit dreht der Wahlberliner einen Tatort mit dem RBB. Dann werden noch zwei Folgen der Serie mit Christiane Hörbiger „Zwei Ärzte sind einer zu viel" zu sehen sein. Das ZDF plant eine Serie, in der sich ein katholischer Pfarrer als Detektiv betätigt und im Kloster- und Kirchenbereich Kriminalfälle löst. „Ich spiele darin einen Abt in einem Kloster in Tübingen, was mir sehr viel Spaß gemacht hat, weil das mal etwas ganz anderes war. Ich habe den Eindruck, auch ältere Herren werden gebraucht, und es läuft eigentlich ganz gut für mich. Wenn ich mal ein Jahr nichts zu tun habe, ist das auch nicht weiter schlimm. Wenn man Rentner ist und Fantasie hat, gibt es ja auch andere Möglichkeiten, sein Leben zu leben."

Klaus Wennemann (M) mit seinen Kollegen Dietrich Mattausch und Lisa Kreutz in einer Szene der ARD-Serie "Der Fahnder" (Archivbild von Mai 1991).

 


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