Historie

Eine Familie wird 50 - die Geschichte der Kindernothilfe

Mädchen bekommen 1966 eine warme Mahlzeit in einem indschen Wohnheim in PatnazoomMädchen in einem indischen Wohnheim. Die Geschichte der Kindernothilfe beginnt mit einer einfachen Idee: Menschen auf der Nord- und Südhalbkugel durch eine Patenschaft zueinanderzubringen und Kindern in Indien zu einer besseren Zukunft zu verhelfen. 50 Jahre später ist die Kindernothilfe eines der großen Hilfswerke in Europa und steht für Vertrauen, Transparenz und Qualität. Mehr als eine Million Kinder haben seit 1959 von der Unterstützung profitiert. Möglich ist das nur dank des großen Engagements vieler Menschen, die die Welt mit uns verändern.

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft der kleinen Küche. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster der Duisburger Wohnung, durchbrochen vom Rauch der Fabrikschornsteine der Kupferhütte - Zeichen der neu erwachten Wirtschaft in Deutschland. Auf dem Tisch steht neben dem Kaffeegeschirr eine Schreibmaschine. Eine Frau sitzt am Küchentisch, der übersät ist mit Unterlagen, Kinderfotos, Notizen, Briefen. Die Kindernothilfe, heute eines der großen Hilfswerke, findet ihre Anfänge in dieser Privatwohnung der Familie Bornmann in Duisburg.

Gründungsmitglieder des Vereins KindernothilfezoomDie Gründer: Lüder Luers, Wilhelm Tuchborn, Georg Dörr (h.v.l.), Adolf Kölle, Otto Vetter und Karl Bornmann (u.v.l.). Ideengeber: Karl Bornmann und Adolf Kölle
Die Kindernothilfe, heute eines der großen Hilfswerke, findet ihre Anfänge in dieser Privatwohnung der Familie Bornmann in Duisburg. Karl Bornmann ist einer der Begründer der Kindernothilfe, sammelte seit 1956 Spenden für Hungernde. Die Idee der Kinderpatenschaft steuert ein anderer bei: Adolf Kölle, der als Missionar in Indien gelebt hatte. Kölle stellt seine Idee der direkten Hilfe am 11. Mai 1959, der Geburtsstunde der Kindernothilfe, in Berlin dem Präses der Evangelischen Kirche, Lothar Kreyssig vor. Kreyssig ist begeistert. Er ist es auch, der Kölle und Karl Bornmann zusammenbringt. Er und Kölle vermitteln noch 1959 die ersten Patenschaften in Indien. Dort sterben zu dieser Zeit Tausende am Hunger. Das wollen die engagierten Christen, die Not und Hunger der Kriegsjahre erlebten, nicht tatenlos hinnehmen. Sie helfen mit Patenschaften - sie kosteten 30 DM pro Monat: viel Geld in einer Zeit, in der manche Familien nur 100 DM im Monat zum Leben haben.

250 Paten in zwei Jahren
Unter dem damaligen Namen „Aktion Hungernde" werden zunächst Mädchen und Jungen aus Indien gefördert. In den ersten zwei Jahren schließen sich über 250 Paten der Kindernothilfe an. Ein rascher Erfolg, der alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt, denn bis dahin werden alle Arbeiten ehrenamtlich erledigt. Als rechtliche Basis wird am 7. Januar 1961 der Verein Kindernothilfe gegründet, so können die ersten hauptamtlichen Mitarbeiter eingestellt werden. In den folgenden Jahren wächst die Organisation, beschränkt ihre Arbeit zunächst auf wenige Länder in Asien und Afrika. Themen wie Ernährung, Schulbildung und Kinder mit Behinderungen stehen im Vordergrund.

Lüder Luers, Mitbegründer der Kindernothilfe, in einer Schule für taube Kinder in Indien (1968)zoomLüder Luers in einer indischen Schule. Erste Auslandsreise
1963 reist Lüder Lüers, später Auslandsvorstand, nach Indien. Dort macht er eine wichtige Beobachtung, die die Kindernothilfe bis heute prägt: Lokale Partner müssen für Durchführung und Qualität der Projekte verantwortlich sein. Auslandschef Dietmar Roller sagt heute: „Unser Erfolg hat in erster Linie mit Vertrauen zu tun, dem Vertrauen in die Kompetenz der Kollegen vor Ort. Niemand kennt die Kultur, die Menschen und ihre Bedürfnisse besser als unsere einheimischen Partner." Die Kindernothilfe schickt keine eigenen Mitarbeiter los, um Projekte in den Partnerländern umzusetzen. Das übernehmen Nicht-Regierungsorganisationen, die am besten wissen, wie sie die Probleme der Kinder angehen müssen.

Patenschaft in der Kritik
Ende der 70er Jahre beginnen andere Organisationen, die Hilfsform der Patenschaft in Frage zu stellen. Hauptkritikpunkte: Die Patenschaft entfremde das geförderte Kind von seiner ursprünglichen Umgebung, die Unterstützung des Einzelnen helfe nicht weitreichend genug. Die Kindernothilfe stellt sich der Diskussion, entwickelt die Idee der Patenschaft und ihre Auslandsarbeit weiter. Zunächst kommt es 1984 zu einer Differenzierung der Spendenformen. Hatte es bis jetzt praktisch nur Kinderpatenschaften gegeben, kann man nun auch durch eine Patenschaft ohne Briefkontakt oder mit einer Projektpartnerschaft, seit 2008 Projektpatenschaft genannt, helfen.

Kinder in ÄthiopienzoomDie Hilfe erreicht imme mehr Kinder - wie diese Mädchen in Äthiopien. Weiterentwicklung der Auslandsarbeit
Gemeinwesenansätze, Selbsthilfegruppen und Kleinkredit-Komponenten werden sukzessive etabliert. Die Zahl der erreichten Mädchen und Jungen steigt, weil von den neuen Ansätzen das Umfeld mit profitiert. Jede Mutter in einer Selbsthilfegruppe kann für die eigenen Kinder besser sorgen. Sie schöpft durch die Gemeinschaft mit anderen neuen Lebensmut, kann mit Kleinkrediten ein eigenes kleines Geschäft betreiben, lernt Lesen und Schreiben. Wenn etwa Mädchen in Indien Gefahr laufen, von ihren Familien als Tempelprostituierte ausgeliefert zu werden, ist es zwar sinnvoll, sie aus der Gemeinschaft herauszuholen und in einem Wohnheim zu fördern - aber mit dem Ziel, sie später gut ausgebildet und gestärkt wieder ins Dorfleben zu integrieren. Dort wirken sie im Idealfall als Multiplikatorinnen, setzen sich gegen weiteres Unrecht an Jüngeren ein. Hilfe, die Kreise zieht und nicht abhängig macht, sondern das Potenzial des Einzelnen weckt: Das ist das Leitbild der Arbeit, die sich an dem UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes orientiert. mehr Informationen zur Auslandsarbeit

Patenschaft bleibt im Zentrum
Noch heute steht die Patenschaft im Zentrum der Kindernothilfe, allerdings hat sie sich verändert. „Die Patenschaft möchte das Leben des Kindes nachhaltig verbessern. Der monatliche Beitrag hilft deshalb nicht nur den Patenkindern, sondern auch ihren Familien und ihrem Umfeld. Nur wenn die Gemeinschaft in der Lage ist, sich selbst um die Kinder zu kümmern, wird Hilfe langfristig sinnvoll. Das aktuelle Jahresthema ,Kinderrechte sind Menschenrechte' verstärkt, was die Kindernothilfe tut: Sich für ein menschenwürdiges Leben von Kindern mit Hilfe der Patenschaft einsetzen", so der Vorstandvorsitzende Dr. Jürgen Thiesbonenkamp.

Global March: Start in den PhilippinenzoomDer Global March, hier in den Philippinen. Engagement in Bündnissen und Netzwerken
Langfristig lassen sich Armut und Unrecht an Kindern nur wirksam bekämpfen, wenn sich Strukturen verändern. Aus dieser Einsicht heraus verstärkt die Kindernothilfe Ende der 80er Jahre ihre entwicklungspolitische Bildungsarbeit. Anfang der 90er beginnt das Engagement in entwicklungspoltischen Bündnissen und Netzwerken. Das Ziel: Politische Rahmenbedingungen zu beeinflussen. Die Mitarbeit beim Verbot von Landminen, dem Aktionsbündnis gegen Aids oder im Forum Menschenrechte sind nur einige Beispiele. Eine zentrale Forderung der Kindernothilfe ist die Einführung eines Individual-Beschwerderechts für die Kinderrechtskonvention.

Marsch für die Rechte von Kindern
Weltweiten Erfolg hatte der „Global March against Child Labour", ein weltweiter Marsch für die Rechte von Kindern, die 1998 in über 90 Ländern der Welt gleichzeitig startete, und im Juni 1998 in Genf bei der 86. Weltarbeitskonferenz der ILO endete. In einem internationalen Übereinkommen wurden dort Sklaverei, Schuldknechtschaft und Kinderprostitution geächtet und Maßnahmen festgeschrieben, um die Verbote durchzusetzen. Die Kindernothilfe und ihre Partner aus Übersee waren einer der Hauptträger der Kampagne.

Abeitskreis Erfurt zoomStand des Arbeitskreises Erfurt. Ehrenamt: Wurzel und Triebfeder
Ehrenamtliche Mitarbeiter, Arbeits- und Freundeskreise sind Wurzel und Triebfeder der Arbeit. 1978 gründen Paten den ersten Arbeitskreis in Darmstadt. Seitdem steigt die Zahl der Arbeitskreise, 50 sollen es im Jubiläumsjahr werden. Durch Informationsstände, Veranstaltungen in Kirchengemeinden und viele andere Aktionen verbreiten sie Wissen über die Kindernothilfe, die entwicklungspolitischen Hintergründe und gewinnen neue Unterstützer. Susanne O'Byrne, Leiterin des Referats Bildung und Öffentlichkeitsarbeit: „Ohne das Engagement unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter stünde die Kindernothilfe nicht da, wo sie heute ist. Ich bin immer wieder von den vielen kreativen Ideen und dem großen Einsatz unserer Ehrenamtler begeistert. "

Kindernothilfe Österreich und Schweiz
Der Erfolg der Kindernothilfe macht nicht an den bundesweiten Grenzen halt. Mitglieder der evangelischen Pfarrgemeinde Mödling gründen 1996 die Kindernothilfe Österreich. Sie arbeitet heute mit einem fünfköpfigen Team in ihrem Büro in Wien und unterstützt derzeit 2.300 Patenkinder. Im Jahr 2004 entstand die Stiftung Kindernothilfe Schweiz. Seitdem setzt sich ein kleines Team vom Schweizer Aarau aus für die Belange der Kinder ein.

Kindernothilfe Stiftung
Bereits 1999 hebt die Kindernothilfe eine eigene Stiftung aus der Taufe. Ziel ist es, die Arbeit im Ausland mit einem zweiten Standbein nachhaltig zu finanzieren

Bilder dürfen wir erst nach Rückspache mit SD verwendenzoomKinder in einer bolivianischen MIne. Foto: Müller

566.000 Kinder in 28 Ländern
Heute arbeitet die Kindernothilfe in 28 Ländern auf vier Kontinenten. Sie erreicht mehr als 566.000 Kinder und Jugendliche. Der Fokus der Auslandsarbeit liegt auf Projekten in Afrika. Themen wie HIV/Aids, Kinderarbeit, Mädchenförderung und Kinder in besonders prekären Lebenslagen, etwa Straßenkinder, rücken in den Mittelpunkt. Nach dem Tsunami 2004 wird auch die Katastrophenhilfe ausgeweitet. „Aus einem Familienbetrieb ist eine leistungsfähige Organisation mit 130 Mitarbeitern geworden, die nach modernen Managementprinzipien geführt und geleitet wird", sagt Rolf Robert Heringer, Vorstandsmitglied und seit 1972 bei der Kindernothilfe. „Jeder ausgegebene Cent muss so eingesetzt werden, dass er das Maximum für Kinder und Jugendliche in den Partnerländern bewegt." Der Anspruch, ein Hilfswerk mit gläsernen Taschen zu sein, wird eingelöst: 2007 gewinnt die Kindernothilfe den Transparenzpreis der Wirtschafstberatungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.

"Ich verändere die Welt"
Trotz ihrer Größe versteht sich die Kindernothilfe als Familie. „Das Jubiläumsmotto ,Ich verändere die Welt' spiegelt das wider: In der Geschichte der Kindernothilfe sind es die Paten, die Spender, die Mitarbeiter, die Ehrenamtler, die Kinder in den Projekten, die Partner vor Ort, die jeder für sich ein Stück die Welt verändert haben", sagt Dr. Jürgen Thiesbonenkamp.

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