Zur Person: Christel Riemann-Hanewinckel

„Ein politisches Amt wollte ich eigentlich nie"

Christel Riemann-Hanewinckel ist seit Juni 2010 die neue Verwaltungsratsvorsitzende der Kindernothilfe. 1990 zog sie für die SPD als erste Hallesche Abgeordnete in den Bundestag ein und blieb 19 Jahre. Dort hat sie viele Kämpfe für ihr wichtigstes Anliegen ausgefochten: Chancengleichheit. Mit der Kindernothilfe streitet sie nun auf anderer Ebene weiter dafür.

Christa Riemann-Hanewinckel, Präses und Verwaltungsratsvorsitzende der KindernothilfezoomFoto: Ralf Krämer/Kindernothilfe

Einen Computer zu finden in Christel Riemann-Hanewinckels Haushalt, ist keine leichte Aufgabe. Im Arbeitszimmer ihrer Halleschen Altbau-Wohnung dominieren analoge Medien. Bücher über Bücher füllen die Regale und Kommoden. Selbst auf dem Schreibtisch keine Spur von Bits und Bytes. „Einen Computer habe ich erst vor einem Jahr besorgt, nach meinem Ausscheiden aus dem Bundestag", erzählt die 63-Jährige, die seit Juni dem Verwaltungsrat der Kindernothilfe vorsteht. „Bis dahin übernahm mein Abgeordneten-Büro die elektronischen Arbeiten, Parlamentsreden habe ich bis zum Schluss handschriftlich verfasst." Der späte Einstieg in die digitale Welt - unter allerlei Unterlagen versteckt sich ihr Laptop - ist aber keineswegs ein Zeichen von Rückwärtsgewandtheit. Vielmehr ist Christel Riemann-Hanewinckel bis heute vor allem eines: eine couragierte und engagierte Vordenkerin in Politik und Gesellschaft.

Früh übte die gebürtige Thüringerin unbequeme Kritik: als sie 1968 die nicht gerade freiheitliche Durchführung der einzigen DDR-Volksabstimmung öffentlich verurteilte und dadurch ihre erste Arbeitsstelle als Buchhändlerin verlor. Früh übernahm sie Verantwortung: als sie als Pfarrerin ab 1981 mit oppositionellen Gruppen zusammenarbeitete, dann kurz vor dem Fall der Mauer die SPD in Halle/Saale mitbegründete und 1990 als erste Abgeordnete für Halle in den Bundestag einzog. Und immer schon hatte sie die weltweiten Belange der Kinder im Blick: etwa als sie als Parlamentarische Staatssekretärin unermüdlich für das Individualbeschwerderecht zur Kinderrechtskonvention kämpfte.

Der Wunsch, eine gerechtere Welt gestalten zu können
Nicht der Wille zur Macht, sondern der Wunsch, eine gerechtere Welt gestalten zu können, zog Riemann-Hanewinckel aufs politische Parkett. „Ein politisches Amt wollte ich eigentlich nie.". Einem Argument ihrer Parteifreunde, die sie zur Kandidatur drängten, habe sie aber nicht widersprechen wollen, schmunzelt sie: „Wir wissen, du wirst uns da gut vertreten, den Mund aufmachen und für das kämpfen, was wir hier brauchen." Sobald die Mauer fiel, tat Riemann-Hanewinckel zudem das, was sie schon lange tun wollte, in der DDR bislang aber kaum möglich gewesen war: Sie weitete ihr zivilgesellschaftliches Engagement aus und schloss sich etlichen Vereinen an: Pro Asyl, Telefonseelsorge, Evangelisches Stattmission, Arbeiterwohlfahrt, Freunde des Thalia Theaters sind da nur ein paar Beispiele. „Wie viele es waren, kann ich leider gar nicht mehr sagen", so Riemann-Hanewinckel.

Zu dieser Zeit kam die leidenschaftliche Sozial- und Familienpolitikerin auch mit der Kindernothilfe in Kontakt: „Ich suchte auch nach Möglichkeiten, mich globalgesellschaftlich zu engagieren, und die Arbeit der Kindernothilfe entsprach exakt meinen Vorstellungen", erzählt sie. „Mit Patenschaften gleichzeitig individuelle und politische Entwicklungen zu fördern, ist einfach eine großartige Idee." Sofort übernahm sie mehrere Patenschaften und übernimmt bis heute immer wieder neue. 2006 gründete sie den Kindernothilfe-Arbeitskreis Halle, den nun ihr heutiger Mann aus zweiter Ehe leitet. Vor vier Jahren wurde sie dann in den Verwaltungsrat des Hilfswerks gewählt. Gleichzeitig intensivierte sie auch im Bundestag ihren Einsatz für die Entwicklungszusammenarbeit: Ab 2005 war sie Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Der rote Faden: Der Kampf für Chancengleichheit
So vielseitig und vielschichtig das Leben und Engagement von Christel Riemann-Hanewinckels ist - einen roten Faden gibt es, der alles zusammenwebt: der Kampf für Chancengleichheit. Und das hat auch einen triftigen biografischen Hintergrund: „Mein Vater war einer der wenigen, die in der DDR als Selbstständige tätig waren. Daher wurde er vom Regime ausgegrenzt, und ich hatte kaum Chancen, zum Gymnasium zugelassen zu werden." Nur die Leidenschaft zur Theologie und ein glücklicher Zufall bereiteten der Tochter des gelernten Bäckers einen Weg zum Gothaer Gymnasium: „Um später mein Wunschstudium beginnen zu können, musste ich eine altsprachliche Klasse besuchen. Und damit die überhaupt zustande kommen konnte, wurde dringend ein 18. Schüler benötigt - das war ich."

Dass sich Riemann-Hanewinckel als Verwaltungsratsvorsitzende der Kindernothilfe nun wieder zivilgesellschaftlich für Chancengleichheit einsetzen kann, freut sie besonders: „Ohne den Druck von Nichtregierungsorganisationen würde die Politik viele Probleme unserer Welt auf die lange Bank schieben - es ist gut, wieder auf der Seite zu stehen, auf der ich politisch begonnen habe."

Worauf sich Christel Riemann-Hanewinckel außerdem freut: „Seit ich mich vom Bundestag verabschiedet habe, gibt es mehr Zeit, die ich meinem Mann, meiner Familie und mir widmen kann." Und dabei könne sogar der Computer helfen, so Riemann-Hanewinckel: „Unsere neun Enkelkinder aus zwei Ehen leben in Halle, Potsdam und Neubrandenburg. Wir schreiben uns zwar immer noch Briefe mit der Hand auf Papier. Doch wenn die Enkel sich des Computers bedienen, bin ich vorbereitet."

Bastian Strauch, Redakteur
Bastian.Strauch@knh.de

 

 


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