1 095 Projekte fördert die Kindernothilfe - das sind 1 095 gute Ideen von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika. „Der Anstoß zu einem neuen Projekt geht immer vom Ausland aus", erläutert Auslandsvorstand Dietmar Roller das Grundprinzip. Die Partner vor Ort legen gemeinsam mit der Bevölkerung fest, was genau nötig ist, um die Lebensbedingungen zu verändern, wer was tut, was es kostet und wer die Einhaltung der Ziele überwacht.

Frauen diskutieren über die Situation in ihrem Dorf. Foto: Annette Drost
„Nicht wir haben die Idee, in einem Gebiet zu arbeiten. Unsere Partner vor Ort sehen eine Notlage und nehmen mit der Bevölkerung Kontakt auf. Oder umgekehrt: Die Menschen in einem Dorf, einem Slum kommen auf die Partner zu und sagen: So ist unsere Situation, ihr seid auf diesem Gebiet die Experten, könnt ihr mit uns arbeiten?", erklärt Dietmar Roller. Die Partner fragen dann bei der Kindernothilfe an, ob eine Förderung möglich ist..
Kommt aus Duisburg das Okay, lädt der Partner die Menschen im Projektgebiet ein, ihre Situation zu analysieren. Vermehrt diskutieren auch die Kinder in einer eigenen Gruppe. Die Menschen besprechen Fragen wie: „Welches sind die Probleme in unserer Region? Warum gehen unsere Kinder nicht zur Schule? Was müsste sich ändern, damit sie gehen?" Oft diskutieren die Gruppen bis zu einer Woche. „Die Kinder haben viel Spaß an dieser Befragung", so Roller, „sie bringen eine neue Sicht mit ein, weil sie ganz andere Bedürfnisse haben, die die Älteren glatt übersehen würden." Die Menschen legen die messbaren Ziele eines Projektes fest. Es muss nachhaltig sein, also Veränderungen bewirken, die bestehen bleiben, wenn sich die Kindernothilfe aus der Förderung zurückzieht.
Von der Idee zum Projekt

Mapuche-Mädchen. Foto: Jürgen Schübelin
Wie die Entwicklung von einer Idee bis zum Projekt funktioniert, zeigt ein Bespiel aus Chile. Dort erreichte den chilenischen Kindernothilfe-Partner, die Fundación ANIDE, 2003 die Anfrage, ein Projekt in Mapuche-Gemeinden bei Nueva Imperial auf die Beine zu stellen. Das Volk der Mapuche wird von Chilenen europäischer Abstammung diskriminiert. Deshalb verleugnen viele ihre Herkunft und Kultur. Die Kinder werden in Schulen gezwungen, die auf Weiße ausgerichtet sind, und haben im Unterricht Probleme.
ANIDE informierte die Kindernothilfe, die die Zustimmung gab, das Vorhaben genauer auszuloten. Ende 2003 setzte sich der Projektträger NEWEN, eine chilenische Nichtregierungsorganisation, mit den Bewohnern von 13 Mapuche-Gemeinden zusammen. Sie besprachen die Situation, legten die Ziele der Arbeit fest. Die Menschen erwarteten von dem Projekt vor allem eins: Die kulturelle Identität besonders der jungen Generation sollte gestärkt werden. Die Jüngeren sollten wieder stolz auf ihre Herkunft sein und lernen, ihre Rechte einzufordern. Folgende konkrete Maßnahmen wurden vorgeschlagen: Lehrer beschäftigen sich mit der Mapuche-Kultur, damit sie den Unterricht besser auf die Kinder ausrichten können. Jugendliche und Erwachsene lernen traditionelle Handarbeiten, stellen zum Bespiel Silberschmuck her. Die Produkte verkaufen sie und verschaffen sich so ein zusätzliches Einkommen. Lehrer, Eltern und Gemeinde-Älteste erstellen einen Dokumentenband über Bildungs- und Wissenstraditionen ihres Volkes. Die Kinder selbst wollen Mapudungun, die Sprache ihres Volkes lernen. Dazu erarbeiten sie mit dem Projektträger eine kindgerechte Sprachfibel. Behutsam und respektvoll warb NEWEN in der sehr erwachsenenzentrierten Mapuche-Gesellschaft dafür, dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf Mitsprache und Mitarbeit erhalten. Die Mapuche-Gemeinden wählten aus, welche Kinder und Familien besondere Förderung benötigen. Das Gesamtbudget wurde auf umgerechnet 172 361 Euro veranschlagt.

Die Mapuche-Kinder kommen jetzt besser im Unterricht mit. Foto: Jürgen Schübelin
NEWEN formulierte aus den Ergebnissen dieser Befragung einen Projektantrag und legte ihn dem Kindernothilfe-Partner ANIDE vor. Dieser wiederum schickte ihn zur Kindernothilfe nach Duisburg. Nach eingehender Prüfung und einer Reihe von Nachverhandlungen baten die Experten aus dem Lateinamerika-Referat den Vorstand um Zustimmung. Die Unterschrift des Vorstands ist der Startschuss für ein Projekt. „Dadurch, dass die Bevölkerung von Anfang an in die Zielsetzung und Durchführung eingebunden ist, identifiziert sie sich damit", hebt Dietmar Roller hervor. „Die Menschen sagen jetzt stolz: Das ist unser Projekt."

Projekteigene Schule in Bangalore. Foto: Kindernothilfe
Leicht kopierbare Modellprojekte
Ein neues Projekt, eine nachahmenswerte Initiative, sollte einfach an anderen Orten zu kopieren sein. Die Kindernothilfe legt Wert darauf, Modellprojekte aufzubauen, die andere Organisationen vor Ort nachmachen können. Dabei rückt das Kinderhilfswerk stets Mädchen und Jungen in den Mittelpunkt. Sie müssen sie zu ihrem Recht kommen: die Schule besuchen, ausreichend gesundes Essen erhalten, gesundheitlich mit allem Nötigen versorgt werden. Die Kinder sollen lernen, ihre Rechte von den örtlichen Behörden einzufordern.

Kindernothilfe-Mitarbeiter Bärbel Burger-Erlenstedt bei einer Frauen-Selbsthilfegruppe in Uganda. Foto: Felix Kaloki
Wenn das Projekt in die Tat umgesetzt wird, fungiert die Kindernothilfe als Berater. Sie bringt ihre Erfahrung ein, begleitet die Aktivitäten fachlich. Partner und Projektträger wählt die Projektmitarbeiter aus, bieten ihnen regelmäßig Weiterbildungen an. Kindernothilfe-Mitarbeiter aus den Länderreferaten und der Controlling-Abteilung veranstalten vor Ort Workshops zur Qualifizierung. Und sie schauen genau hin: Werden die Aktivitäten durchgeführt wie beantragt? Wurden die ersten Ziele erreicht? Wo liegen Probleme? Alle Projekte werden auch von einem externen Gutachter überprüft, der fragt: Wurden die Betroffenen an der Planung beteiligt? Arbeitet das Team mit professionellen Methoden? Wurden die Erwartungen der Menschen erfüllt? War der Einsatz von Personal und Geld, gemessen am Erfolg, gerechtfertigt?
„Ein Projekt muss Veränderungen anschieben, einen Prozess in Gang bringen", betont Dietmar Roller. „Deshalb investiert die Kindernothilfe zu Beginn eines Projekts oft auch mehr Geld als im weiteren Verlauf. Mit der Zeit verdienen die Menschen im Projektgebiet durch die neuen einkommensschaffende Maßnahmen ihr eigenes Geld und können so selbst mehr einbringen. Irgendwann ist unsere Hilfe nicht mehr nötig. Und genau das ist unser Ziel."
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