Agnes und Hans-Martin Thiel aus Dresden engagieren sich seit Jahren bei der Kindernothilfe - als Paten, aber auch als ehrenamtliche Mitarbeiter im Arbeitskreis Dresden. Auf einer Reise nach Indien lernten die beiden zunächst Martins Patensohn kennen. Agnes Thiel traf in Sangli ihr neues Patenkind, für das sie nach der Reise eine Patenschaft übernahm. "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das Kind kennen gelernt zu haben, für welches man Hilfe leisten darf", berichtet sie.
Agnes Thiel berichtet: Die Reise nach Sangli

Agnes Thiel besucht das Kindernothilfe-Projekt in Sangli. Foto: Hans-Martin Thiel
Sangli - das ist für indische Verhältnisse eine kleinere Stadt, die einen eher ländlichen Eindruck vermittelt. Sie liegt etwa 400 km südlich von Mumbai, wir erreichten diesen Ort mit dem Nachtzug.
Die Kinder leben dort nicht isoliert in einem Heim, sondern werden innerhalb ihrer Familien gefördert. Es gibt Stützpunkte, in denen sich Behinderte und Nichtbehinderte bzw. Kinder und deren Eltern treffen können. Hier erhalten die Mädchen und Jungen Förderung, je nach ihren Möglichkeiten. Des weiteren werden die Familien unterstützt, damit sie das behinderte Kind versorgen und betreuen können.
"Der Empfang bewegte mich ganz besonders"
Wir hatten vorher schon einige extreme Projekte kennen gelernt, wie zum Beispiel das für Müllkinder in Delhi oder das für Straßenkinder mitten im Slum von Mumbai. Trotzdem bewegte mich der Empfang der Kinder von Sangli ganz besonders. Vielleicht lag das daran, dass meine 20-jährige Tochter selbst von Geburt an mit einer Behinderung an der Hand leben muss. Vor einem Jahr hatten wir sie in der Ukraine besucht, als sie ihr Freiwilliges Soziales Jahr in einem Heim für behinderte Kinder absolvierte. Die Kinder lebten dort in engen Zimmern und ohne die Freiwilligen wären sie nie an die frische Luft gekommen. Es wurde nur die einfachste Versorgung für sie geleistet. Umso mehr überraschte mich, dass hier in der indischen Provinz ein derart modernes Konzept in der Behindertenarbeit funktionieren sollte.

Agnes Tiel in Sangli. Foto: Hans-Martin Thiel
"Nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten"
Ein Mädchenspielmannszug begrüßte uns am Bus und begleitete uns zum Treffpunkt. Hier warteten die Behinderten mit Blumen auf uns. Ein etwa 5-jähriger Junge überreichte mir eine Rose. Dass er blind war, bemerkte ich erst später. Mir fiel nur auf, dass er besonders empfänglich für körperlichen Kontakt war. Nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten. Wir wurden zu den Ehrenplätzen in den einfachen Räumlichkeiten geführt. Es folgte ein kleines Programm der Kinder. Daraus sprach ihr Bemühen, uns eine Freude zu machen und ihre eigene Begeisterung. Wir erfuhren näheres darüber, welche spezifischen Förderungen die Kinder erhalten. Schließlich ergab sich noch ein ungezwungenes Spiel mit Luftballons. Zum Abschied durfte ich „meinen" Jungen und seinen ebenfalls blinden großen Bruder noch einmal drücken. Komisch, in dieser kurzen Zeit war man hier heimisch geworden - oder waren das die Kinder, die uns dieses Gefühl vermittelten?
"Ein unbeschreibliches Gefühl"
Kurz darauf beschloss ich, die Patenschaft eines Kindes aus Sangli zu übernehmen. Bald nach unserer Rückkehr in Dresden hielt ich die Unterlagen meines Patenkindes in den Händen. Ich konnte es kaum glauben - es war der große Bruder meines Rosenkavaliers! Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das Kind kennen gelernt zu haben, für welches man Hilfe leisten darf.
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