Stalin vergisst man nicht

Stalin vergisst man nicht 

Stalin Sundarraj - ehemaliges Patenkind aus IndienzoomStalin Sundarraj beim Besuch in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle. Foto: P. Liedtke Ein seltenes Ereignis: Eine ehemaliges Patenkind besucht die Kindernothilfe. Der Inder Stalin Sundarraj nutzte einen Deutschlandaufenthalt, um sich in der Geschäftsstelle vorzustellen. Sein Fazit über die Patenschaft: „Meine Paten haben nicht einfach nur Geld gespendet, damit ein Junge aus der Armut herauskommt - sie standen mit dem Herzen dahinter. Durch sie hatte ich plötzlich eine Familie. Sie haben mir Selbstvertrauen gegeben."

Stalin Sundarraj, 15 JahrezoomStalin mit 15 Jahren.
Foto: Kindernothilfe
Der 42-Jährige mit dem ungewöhnlichen Vornamen wuchs in der Familie seines Onkels im Madathakulam District im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu auf. Der Onkel war in der Armee, und die Tante musste bereits vier eigene Kinder großziehen. Die Familie ließ Stalin von Anfang an spüren, dass er nicht wirklich zu ihnen gehörte. Außerdem sagte man ihm Unheil bringende Kräfte nach. Über diese leidvolle Geschichte seiner Kindheit berichtete er seinen Paten erst als Erwachse-ner in einem Brief: „In Indien spielt Aberglauben immer noch eine große Rolle. Ich galt als Unglücksbringer: Meine Eltern trennten sich, als meine Mutter schwanger war; sie starb (an Cholera), als ich fünf war. Was auch immer an Unglück in der Familie meines Onkels passierte, immer gab man mir die Schuld. In dieser Zeit habe ich viele Male daran gedacht, mich umzubringen. Aber zum Glück hat Gott das nicht zugelassen."

Der erste Brief seines Lebens 
Eines Tages hörte seine Tante von einem Kindernothilfe-Projekt in Aruppukottai. Der elfjährige Stalin wurde in dem Hostel (Projekt 20501) aufgenommen. Nach zwei Jahren übernahmen Jens Peter und Elke Müller aus dem mittelfränkischen Sachsen bei Ansbach die Patenschaft für den Jungen. Sie schrieben ihm einen langen Brief - den ersten, den er bis dahin in seinem Leben bekommen hatte. Von da an erhielt er mindestens alle drei Monate Post von ihnen. „Die Gewissheit: Da sind Menschen, die an dich denken, sich um dich sorgen - das tat mir so gut. Das gab mir Selbstvertrauen in meinem hoffnungslosen Leben. Die Familie meines Onkels hat mir nie wirkliche Liebe gegeben. Als Kind habe ich mich oft nach tröstenden Worten oder einer liebevollen Umarmung gesehnt. Die Briefe meiner Paten brachten mir diese Liebe." Alle zwei Jahre schickte Ehepaar Müller Stalin neue Fotos von allen Familienmitgliedern. Dadurch fühlte er sich immer als Teil ihrer Familie.

Stalin Sundarraj, Ex-Patenkind: Besuch seiner Paten in Indien beim aktuellen PatenkindzoomBesuch beim neuen Patenkind von Familie Müller. Foto: privat Indienreise mit seinen Paten
Stalin blieb im Hostel, bis er 1989 seinen Master in Sozialarbeit in der Tasche hatte. „Dort fühlte ich mich wirklich zu Hause. Das geht mir selbst heute noch so, wenn ich zu Besuch bin." Seine Paten hielten auch nach Abschluss der Patenschaft den Kontakt zu ihm aufrecht. 1996 kamen sie sogar nach Indien und reisten 16 Tage mit ihm durch den Süden des Landes. Sie besuchten auch gemeinsam Familie Müllers neues Patenkind Mayasami in Palayamkottai.

Stalin Sundarraj, ehemaliges Patenkind, bei seiner 1. ArbeitsstellezoomStalin (links) arbeitete in einem von der Kindernothilfe geförderten Polio-Heim. Foto: Kindernothilfe Arbeiten, um anderen zu helfen
Nach seiner Ausbildung arbeitete er an unterschiedlichen Stellen und sammelte Erfahrungen auf vielen Gebieten: zum Beispiel in einem von der Kindernothilfe geförderten Polio-Heim. 13 Jahre lang leitete eine Nichtregierungs-Organisation, die zum Beispiel hunderten von arbeitslosen Jugendlichen eine Ausbildung vermittelte und an der Küste Fischerdörfer wiederaufbaute, die von Wirbelstürmen oder Flutwellen zerstört worden waren. „Die Bezahlung war nicht so hoch, aber ich mochte die Arbeit, weil ich die Chance hatte, vielen Menschen zu helfen."

Neugierig auf eine andere Kultur
Eines Tages las er eine Anzeige, mit der indische Sozialarbeiter für die Arbeit mit asiatischen Immigranten in London gesucht wurden. Spontan bewarb er sich. „Ich wollte mehr lernen - zum Beispiel wie Sozialarbeit und Entwicklungshilfe in anderen Ländern funktionieren, wollte neue Erfahrungen machen, mich weiterentwickeln, andere Kulturen kennen lernen." Er bekam die Stelle. Jetzt konnte er auch seine Paten besuchen. Dreimal war er inzwischen bei Familie Müller. „Meine Patenmutter weckt mich morgens, sie kocht für mich - ich finde das großartig! Für sie bin ich immer noch ein Kind, obwohl ich schon 42 Jahre alt bin, aber für mich ist das ein unglaubliches Gefühl!"

Stalin Sundarraj, Es-Patenkind: Besuch seiner Paten in IndienzoomStalin und seine Patenfamilie. Foto: privat Stalin arbeitet heute in London für eine lokale Behörde. Er ist zuständig für Immigranten- und einheimische Kinder, deren Eltern sich nicht um sie kümmern können. Der gläubige Christ engagiert sich außerdem in einer Londoner Methodistengemeinde, in der er sogar Kirchenvorstand ist. Er will auf jeden Fall irgendwann nach Indien zurückkehren. Das würden auch seine Paten sehr begrüßen: „Dass Stalin jetzt erfolgreich in England arbeitet, freut uns, weil wir ihn doch hie und da sehen können", sagt Elke Müller, „andererseits hätten wir es auch gerne gesehen, wenn er in Indien geblieben wäre, um zur Entwicklung seines eigenen Landes beizutragen."

Seine Zeit im Ausland sieht der Sozialarbeiter als wertvolle Erfahrung an. „Bevor ich nach England kam, dachte ich, dass Europa der Himmel auf Erden ist. Doch was ich hier sah, hat mich umgehauen. Das Leben hier ist kein Märchen, für viele Leute ist es ein harter Kampf."

Bitte eines ehemaligen Patenkindes an alle Paten
Welchen Rat würde er Paten geben? „Sie sollten Briefe schreiben, wann immer sie die Zeit haben. Das gibt Kindern unglaublich viel Hoffnung und Ehrgeiz - vor allem, wenn sie sonst nichts haben, an das sie sich halten können. Mir haben die Briefe geholfen weiterzumachen, positiv über das Leben zu denken." Der 42-Jährige hat ebenfalls seit Jahren ein Patenkind: die zehnjährige Sindhu aus dem CCCYC Boarding Home for girls (Projekt 20056) in Mysore im Bundesstaat Karnataka.

Eine Frage muss zum Schluss einfach noch gestellt werden: Wie kam er an seinen Vornamen? „Meine Mutter konnte ich durch ihren frühen Tod nicht fragen, aber meine Verwandten haben mir Folgendes erzählt: In Tamil Nadu kam eine Partei an die Macht, deren Anführer Stalin hieß. Nach ihm hat meine Mutter mich offenbar genannt. Viele Leute haben mir geraten, den Namen zu ändern - zum Beispiel in Stanley. Aber ich bin eigentlich dankbar für diesen Namen, denn dadurch erinnern sich die Menschen an mich."


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