Hagen - Chile

Aus Patenschaft wurde Freundschaft

Vor 22 Jahren übernahm Gisela Fiebig aus Hagen/NRW die Patenschaft für ein fünfjähriges Mädchen aus Valdivia/Chile. 1998 besuchte sie die Familie des Kindes zum vierten Mal und versprach der sterbenden Mutter, sich um Marisol zu kümmern. Jetzt kam die inzwischen 27-jährige Chilenin zum ersten Mal nach Deutschland.

Ex-Patenkind Marisol Carvajal aus Chile zoomFoto: Petra Liedtke „Muy precioso", sagt Marisol Carvajal Navarro immer wieder strahlend und zeigt auf Fotos in ihrer blauen Mappe. „Sehr schön!" Schloss Sanssouci in Potsdam, Berlin, die Frauenkirche in Dresden, Weimar, die Wartburg, Heidelberg, Rothenburg ob der Tauber, Kloster Maulbronn, München, Neuschwanstein, das Schokoladenmuseum in Köln - die 27-jährige Chilenin, die zum ersten Mal in ihrem Leben ins Ausland gereist ist, hat während ihres fast dreiwöchigen Deutschlandbesuchs eine Menge gesehen. Berlin hat sie am meisten beeindruckt: „Wir haben in der Schule viel über diese Stadt gehört, und es war sehr schön, das Brandenburger Tor und die Mauer mit eigenen Augen zu sehen." Ihre ehemalige Patin Gisela Fiebig hatte über alle Orte, die sie besuchen würden, kulturgeschichtliche Informationen zusammengetragen, auf Spanisch übersetzt und mit eigenen Fotos illustriert. Die Insel Mainau fand Marisol so schön, dass sie am liebsten dort geblieben wäre. Und der Ausblick von der Zugspitze hat sie vollends überwältigt. „Wir haben so viel unternommen, dass ich gar keine Zeit für Heimweh hatte", schmunzelt Marisol.

Krönender Abschluss der Reise war allerdings weder eine landschaftliche noch eine bauliche Sehenswürdigkeit, sondern eine Führung durch das Kommunikations-Zentrum der Firma Bayer in Leverkusen. Die studierte Pharmazeutin hatte extra darum gebeten. „Ich habe im Studium viel von Bayer gehört und verkaufe in unserer Apotheke auch die Medikamente dieses Unternehmens, deshalb wollte ich es unbedingt mal besichtigen." Ein Bayer-Mitarbeiter, der lange in Honduras gelebt hatte, machte die Führung sogar auf Spanisch.

Patenkind Marisol Carvajal (mit Zwillingsschwester Andrea) aus Chile mit Patin Gisela FiebigzoomGisela Fiebig mit den Zwillingen Andrea und Marisol. Foto: privat Vor 22 Jahren begann die Patenschaft
Organisiert hatte diese Besichtigungstour Gisela Fiebig, mit der sie eine langjährige Freundschaft verbindet. Marisol und ihre Zwillingsschwester Andrea kamen mit fünf Jahren in die Tagesstätte Hogar Luterano in ihrer Heimatstadt Valdivia und damit ins Patenschaftsprogramm der Kindernothilfe. Ihre krebskranke Mutter musste ins Krankenhaus, der Vater war arbeitslos geworden, und das Geld reichte hinten und vorne nicht, die beiden Mädchen zu versorgen. Gisela Fiebig übernahm die Patenschaft für Marisol, für Andrea wurde einige Jahre später auch ein Pate gefunden.

Ex-Patenkind Marisol Carvajal aus Chile mit Patin Gisela FiebigzoomFoto: Petra Liedtke „Ich hab anfangs überhaupt nicht verstanden, was eine Patin ist", erinnert sich Marisol. „Und dann kam auf einmal ein Brief, für mich quasi ‚aus dem Nichts'. Und dann noch einer und noch einer. Dadurch wurde der Kontakt langsam enger, persönlicher. Aber richtig verstanden, was eine Patenschaft bedeutet, hab' ich erst, als Frau Fiebig 1986 zu Besuch kam und wir uns persönlich kennen lernten: Ich habe gesehen, dass sie sich für unsere Familie interessiert, dass sie ganz viel Anteil an unserem Schicksal nimmt und helfen möchte - und dass es nicht nur ein ökonomisches Band ist, sondern eine persönliche Beziehung."

Gisela Fiebig hatte schon vorher zu Marisols Heimatstadt Valdivia eine persönliche Verbindung, von der die Kindernothilfe allerdings nichts wusste: Ihr Vetter hatte dort in den 50er Jahren in einer Brauerei gearbeitet. „Ich habe mich unheimlich gefreut, dass die Kindernothilfe mir durch Zufall dort ein Patenkind vermittelte!" Auch mit der Projektleiterin Brígida Campos verbindet sie eine jahrelange Freundschaft.

Frau Fiebig ist eine fleißige Briefeschreiberin. „Wenn ich sechs Wochen lang nicht geschrieben habe, werde ich unruhig...", gibt sie zu. „Marisol war schon privilegiert", sagt auch Kindernothilfe-Mitarbeiterin Eva Böckel, die für die Projekte in Chile zuständig ist. „Nicht alle Paten schreiben so viel wie Frau Fiebig. Wenn im Hogar Luterano wieder mal Post angekommen war und alle Kinder aufgeregt fragten, für wen sie ist, dann waren Briefe und Karten immer für Marisol."

Ex-Patenkind Marisol Carvajal aus Chile mit Patin Gisela FiebigzoomFoto: Petra Liedtke Ein Versprechen für die sterbende Mutter
Die Beziehung der Patin zu Marisol sollte durch ein trauriges Ereignis im Leben des Mädchens enger werden als zu allen anderen Patenkindern. Als Gisela Fiebig 1998 einen Tag vor Gründonnerstag zu Besuch kam, lag die Mutter im Sterben.13 Jahre lang hatte die Schwerkranke gegen den Krebs gekämpft. „Sie lag im Wohnzimmer, fast schon wie aufgebahrt, aber geistig ganz klar", erinnert sich Frau Fiebig. „Die Familie saß am Tisch, und über uns hing ein Bild von Leonardo da Vincis letztem Abendmahl. Ich knabberte an meinem Brötchen und bekam es vor Tränen nicht herunter, weil ich dachte: Dies ist jetzt die letzte Mahlzeit im Beisein der Mutter." Marisol hätte gern Pharmazie studiert, doch ihre Familie hatte noch nicht einmal Geld für das Allernötigste. Frau Fiebig versprach der Mutter in die Hand, Marisol bei ihrem Studium finanziell zu unterstützen. Drei Tage später starb sie. „Sie hatte mein Versprechen verstanden und starb in Frieden."

Gisela Fiebig erhält das BundesverdienstkreuzzoomGisela Fiebig erhielt 2003 das Bundesverdienstkreuz. Foto: privat Kontakt zu acht Paten- und ehemaligen Patenkindern
Frau Fiebig hatte eigentlich beide Frauen nach Deutschland eingeladen. Andrea, die mit Hilfe eines Kredites auch studiert hatte, hatte jedoch gerade eine Anstellung in einem Reisebüro gefunden und konnte nicht direkt Urlaub nehmen. So kam Marisol allein und wird nun mit vielen Eindrücken, Informationen und Fotos nach Chile zurückkehren. „Vorletzte Nacht habe ich bis vier Uhr morgens die Fotos von unserer Tour auf CDs gebrannt", erzählt die Patin. „Und letzte Nacht habe ich Briefe an meine acht Patenkinder und die Projektleiterin geschrieben und kleine Päckchen gepackt, die Marisol mitnehmen wird." Drei davon sind noch im Patenschaftsprogramm, die anderen sind bereits erwachsen. Doch Gisela Fiebig, die 2003 für ihr ehrenamtliches Engagement für die Kindernothilfe das Bundesverdienstkreuz bekam, hält zu allen Kontakt. „Man kann doch nicht sagen: Nur weil du aus dem Programm ausgeschieden bist, bist du nicht mehr mein Patenkind!" Sie hat die Geburtstage der jungen Leute im Kopf, korrespondiert alle sechs bis acht Wochen mit ihnen und führt genau Buch, wem sie wann was geschrieben hat. Dank vieler Spanischkurse kann sie sich direkt mit ihnen verständigen.

Marisols Besuch in Deutschland wird für beide Frauen unvergesslich bleiben, und der Gedanke an den Abschied schmerzt. „Ich habe so viel gesehen, das war toll, und ich bin meiner Patin total dankbar, dass sie das möglich gemacht hat." Was ist aus ihrer Sicht das Wichtigste an einer Patenschaft? „Eine ganzheitliche Unterstützung", sagt sie bestimmt. „Natürlich ist der ökonomische Faktor wichtig, aber genauso der Kontakt, die Kommunikation, dass sich die Familien der Paten und Patenkinder kennen lernen. Sicherlich können nicht alle Paten reisen, so wie Frau Fiebig das getan hat, aber man kann auch durch Briefe versuchen, einen engen Kontakt herzustellen."

Die Hilfe zieht Kreise
Die junge Chilenin möchte die Hilfe, die sie erhalten hat, jetzt gern weitergeben. Ehemalige Patenkinder aus dem Hogar Luterano, die inzwischen ein eigenes Einkommen haben, haben Projektleiterin Brígida einen Vorschlag gemacht: Sie wollen gemeinsam ebenfalls ein Patenkind unterstützen.


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