Indien: Die Kinder von Sneha Sagar

Die Kinder von Sneha Sagar

Dr. Hans Bellstedt, Projektpate, in Sneha sagarzoomDr. Hans Bellstedt bei seinem Besuch im Projekt. Foto: privat Dr. Hans Bellstedt besuchte im Februar 2008 das Projekt Sneha Sagar (Projekt 22516) in Mumbai. Er hat eine Projektpatenschaft übernommen und berichtet von seinen Erlebnissen. 

"Lässt man in Mumbai, dem früheren Bombay an der Westküste Indiens, den Blick vom Dach des Intercontinental-Hotels über die Dächer dieser Megacity schweifen und kneift dabei, gen Norden und in Richtung der Docks gespäht, ein wenig die Augen zusammen, dann verdüstert sich plötzlich das Bild. Dort hinten, wo der Stadtkern sein Ende findet, zeichnen sich bedrohlich und in schier unendlicher Ausdehnung die größten Slums Südasiens ab - Armenviertel, in denen die Menschen (bis zu sieben Millionen sollen es sein) in Wellblechhütten, unter Plastikplanen oder buchstäblich am Straßenrand hausen. Man mag eigentlich nicht eindringen in diese fremde, fast unheimliche Welt - wer sich trotzdem dorthin begibt, dessen bisherige Vorstellungen von den Formen und Möglichkeiten sozialen Zusammenlebens werden auf radikale Weise durcheinandergeworfen.

"It will be quite a long ride"
Es gibt zum einen, was immer man davon halten mag, organisierte Touren zu den Slums: Die Kommerzialisierung der indischen Gesellschaft macht vor ihren ärmsten Segmenten nicht halt. Ein anderer Weg besteht darin, sich an eine der vielen Hilfsorganisationen zu wenden, die im täglichen Einsatz darum bemüht sind, die Not, das Leid und den Hunger der Ärmsten unter den Armen zu lindern. „Sneha Sagar", getragen von der Evangelisch-lutherischen Kirche in Indien, ist eine dieser lokalen Organisationen. Aus Deutschland heraus erfährt das Team von Sneha Sagar Unterstützung durch die Kindernothilfe (KNH). Am Ort selbst sind Dr. Naina Athalye und P. Christopher als Projektleiter für die Implementierung und Betreuung verschiedener Projekte zuständig. Mr Christopher, ein Sozialarbeiter aus Leidenschaft, scheut den Brückenschlag zwischen zwei Welten keineswegs: Er hält mit seinem Kleinbus vor dem (als Treffpunkt vereinbarten) Hilton-Hotel und ruft: „Hello, Iet's jump on my bus - it will be quite a long ride".

Schon die Fahrt zum Projekt gerät zum Abenteuer
Die Vorwarnung war nicht umsonst: Schon die Fahrt, bei 30 Grad Aussentemperatur im unklimatisierten Fahrzeug, gerät zum Abenteuer: ellenlange Staus, nervtötendes Gehupe, ein heftiges Hin- und Hergeschaukel beim Passieren immer neuer, immer größerer und immer ärmer aussehender Quartiere. Man schaut nach links und nach rechts und vermag das Gesehene nicht wirklich aufzunehmen. Eher wirkt es wie ein Film, der den Fremden einstimmen soll auf das, was ihn erwartet. Schließlich biegt der Bus linkerhand in eine Nebenstraße ein, die sich zu einem lehmigen Weg verengt und das Weiterfahren rasch unmöglich macht - „let's get off the car".

Ein Dorf in der Stadt
Das Bild, das sich nun bietet, erinnert am ehesten an ein Dorf: ein offenes Feuer hier, ein Waschplatz dort, umrandet von unzähligen Hütten. In alle vier Himmelsrichtungen zweigen winzige Gassen und Pfade ab, in denen der Blick sich rasch verliert; lauter Ziegen und streunende Hunde und die sprichwörtliche indische Kuh. Vor allem aber Menschen, wohin das Auge reicht: Sie beherrschen das Bild, bevölkern den Platz und beleben ihn in vielerlei Manier. Da wird gewerkelt und geschraubt, geschoben und getragen, gegraben und montiert, als gelte es, sich für den Besuch eines hohen Regierungsbeamten herauszuputzen. Die Männer, Frauen und Kinder tragen alle möglichen Gegenstände, Materialien und Werkzeuge zusammen, bringen hier ein Brett und dort eine Plane an, rammen Pfeiler in den Boden, schleppen Wasserkübel umher, bringen ihre Holzkarren, Fahrräder und Rikschas auf Vordermann, um anschließend auf ihnen riesige Mengen an Mangos oder Kokosnüssen zu transportieren.

Sneha Sagar Project, StraßenkinderzoomKinder im Projekt Sneha Sagar. Foto: Jens Großmann Dem Elend einen Sinn abringen
Es mag dem Außenstehenden dieses unermüdliche Treiben wie die Arbeit des Sysiphos, wie eine vergebliche Mühe gegen die Allmacht von Armut, Elend und Leid vorkommen; in Wahrheit aber sind die Slums vielerorts ökonomische Mikrokosmen, mit Werkstätten, Wäschereien und manchmal sogar kleinen Manufakturen, in denen die Menschen ihrem Dasein einen Sinn abringen. Und bei aller Enge, allem Dreck und aller Baufälligkeit fällt noch etwas auf: die Bewohner, insbesondere die Frauen, bemühen sich, wenn irgend möglich, um eine gepflegte äußere Erscheinung. Scheinbar unbekümmert von den sie umgebenden Verhältnissen wie auch von den Kübeln oder Körben, die zuweilen auf ihren Köpfen sitzen, schweben die Priyas, Arunas und Matas dieser dorfähnlichen Gemeinschaften erhobenen Hauptes und durchaus damenhaft, im glänzenden, kunstvoll um den Leib geschwungenen Sari, von einem Ort zum nächsten. Und auch die Männer halten sich streng an das Reinheitsritual des Hinduismus: Den meisten begegnet man im gewaschenen, gebügelten Hemd; die gegenseitige Rasur auf offener Straße gehört ebenso zum alltäglichen Bild wie das Schlangestehen an den Hydranten, wenn diese zur vorgegebenen Stunde geöffnet werden.

Es geht ums nackte Überleben
All dies täuscht über die wahren Verhältnisse freilich nicht hinweg: Materiell geht es für die Menschen in den Slums von Mumbai ums nackte Überleben. Jeder Rupie zählt, jede Schale Reis ist ebenso ein Geschenk wie ein Glas sauberen Wassers. Um wenigstens ein Minimum an Einkommen zu erwirtschaften, werden alle in einer Familie vorhanden Kräfte mobilisiert. Dazu zählen insbesondere auch die Kinder: Sie werden schon früh auf die Straße geschickt, um irgendwelche Dinge und Waren zu verkaufen, kleine Hilfsdienste zu erbringen oder - sollte einmal ein Aussenstehender vorbeikommen - zu betteln. Zeit für einen Schulbesuch bleibt diesen Kindern nicht - die Perspektivlosigkeit wird von vielen Eltern nahtlos an den eigenen Nachwuchs weitergereicht.

Sneha Sagar: Hilfe für Straßenkinder
Sneha Sagar hat sich zum Ziel gesetzt, genau diesen Kindern zu helfen: Die Organisation steuert Projekte für Straßenkinder, arbeitende Kinder und Kinder von Prostituierten. Den Schwerpunkt bilden offene Treffpunkte inmitten der Elendsviertel, mehrere feste Kinder- und Jugendzentren sowie zwei Schutzzentren. Im Kinder- und Jugendzentrum werden Förderklassen für Vorschul- und Schulkinder, regelmäßige Mahlzeiten, medizinische Versorgung und Freizeitbeschäftigungen angeboten. Im "Navjeevan Village Project" geht es um die Verhinderung von Kinderprostitution. In zwei Kindertagesstätten werden Kinder von Prostituierten tagsüber betreut; nachts finden sie hier einen sicheren Platz zum Schlafen. Den Tagesstätten ist auch eine Beratungsstelle für die Mütter angeschlossen. Fast immer spricht man dort über Aids.

Wer ist dieser Fremde?
Mr Christopher weist den Weg in eine dieser Tagesstätten: ein kleiner, mit einem Teppich ausgelegter Raum, an dessen Kopfende eine Schiefertafel montiert ist: „We heartly welcome Mr. H... from KNH". Eine Flasche Wasser wird gereicht, ein Stuhl angeboten, alle nehmen Platz. Der Projektleiter begrüßt, stellt den Gast vor, erklärt die Grundzüge des Projekts. Dann sind die Kinder - die Schüler - an der Reihe: Nacheinander stehen sie auf, nennen ihre Namen, ihr Alter, ihre Lieblingsfächer. Einige tragen eine Art Uniform - ein kurzes Hemd mit eingenähtem Wappen, dazu eine passende Hose. Wenige sind schüchtern und ein wenig verlegen; die meisten aber springen heiter und aufgeweckt nach vorne. Ihre großen, dunklen Augen leuchten erwartungsvoll: Wer ist dieser Fremde? Woher kommt er? Was hat er mitgebracht?

Begrüßung für den Gast
Als die kleine Vorstellungsrunde beendet ist und Mr Christopher die Arbeit der Tagesstätte und ihrer Erzieherinnen beschrieben hat, gerät Bewegung in den Raum: Die Schüler formieren sich zu Gruppen und führen kleine Tänze auf. Sie singen, klatschen im Rhythmus in die Hände und drehen sich spielend im Kreis. Ausgelassen und fröhlich wirkt diese Gruppe - und schaut man genau hin, so glaubt man aus ihren Gesichtern Dankbarkeit herauslesen zu können. Die Kinder wirken dankbar dafür, Lesen, Schreiben und Rechnen lernen zu dürfen, anstatt auf der Straße leben und arbeiten zu müssen.

Kinder laufen auf den Pipes zum ProjektzoomLeben im Elend. Foto. Christoph Engel Ein Stück Zukunft auf kleinem Raum
Schließlich wird auch der Besucher aus Deutschland gebeten, ein paar Worte zu sagen. Ein Foto, auf das sich 20, 30 kleine Köpfe drängen, wird geschossen, ein Gästebuch herbeigeholt. Danach geht es noch kurz in die Küche hinter dem Unterrichtsraum - eine kleine, dunkle Kammer, in der in großen Töpfen die Abendsuppe zubereitet wird. Dahinter ein noch kleineres Büro, in dem eine Glühlampe von der Decke herabbaumelt. Es mögen insgesamt nicht mehr als 30 Quadratmeter sein, die diese Stätte misst. Das ist wenig für eine Schule, fürwahr - aber Raum genug, um denen, die noch nicht für sich selber sorgen können, ein Stück Zukunft zu schenken. Der kleine Rundgang ist beendet, und damit auch der Besuch: Lauter Hände werden gereicht, ein großes Gewinke setzt ein - „Bye bye, Mr...".

Maßstäbe des Besuchers geraten durcheinander
Insgesamt vier solcher Orte zeigt Mr Christopher im Verlaufe der folgenden eineinhalb Tage und berichtet dabei von den Erfahrungen und Ergebnissen seiner Arbeit. Der erste Schritt bestünde immer darin, die Kinder anzusprechen und Vertrauen aufzubauen. Dafür gebe es sogenannte contact points. Kämen die Kinder dann erstmals in eine der Schulen oder Tagesstätten, dann blieben fast alle auch dort. Die Eltern würden darüber informiert - sofern sie vorhanden und identifizierbar sind. Manche Kinder sind vor ihren Eltern davon gelaufen, andere wurden verstoßen - und nicht wenige müssen mit ansehen, wie die Mutter am Abend ihre Freier empfängt - „mostly truck drivers from the dock area", wie Christopher zu berichten weiß. Auch das gehört zur täglichen Realität in den Armenvierteln von Mumbai - und an dieser Stelle setzt Sneha Sagar an. Christopher und Dr. Naina wissen, dass ihr Wirken nur einen Tropfen auf den heißen Stein bedeuten kann. Die Regierung unterstützt derlei Projekte augenscheinlich nicht. Dafür gibt es andere, zumeist kirchliche Hilfsorganisationen, die ähnlich wie Sneha Sagar arbeiten. Gemeinsam haben sie sich einer Sache verschrieben, deren Wert gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann - und die die Maßstäbe desjenigen, der von außen kommt, durcheinanderbringt. Es ist schon dunkel, als der Kleinbus über die langen Ausfallstraßen in Richtung Stadtzentrum zurückkehrt. Seine Insassen sind nachdenklich und schweigen."

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