Esther Frey aus Frankfurt besuchte im Februar 2011 ihr Patenkind Preethi I. Latha in Nagapattinam/Tamil Nadu.

Fotos: privat
Nach über vierjähriger Patenschaft mit regelmäßigem Briefkontakt plante ich im Zuge einer Reise in den Süden Indiens mein Patenkind Preethi I. Latha an der südlichen Ostküste Indiens zu besuchen. Nach kurzer Anfrage bei der Kindernothilfe und der Weitergabe der Kontaktadresse stand fest: Ein Abstecher ist ohne viel Planung möglich, und eine persönliche Begegnung soll ein Highlight dieser Reise werden.
CCCYC Home for Girls
Nach vier Tagen Aufenthalt in Indien begaben sich mein Lebensgefährte und ich vom Ort Thanjavur aus nach kurzer telefonischer Absprache mit der Projektleiterin des CCCYC Home for Girls mit dem Bus ins drei Stunden entfernte Nagapattinam, sehr gespannt auf das, was uns erwarten wird. Zwei Mädchen und die Leiterin holten uns am Bus ab und wir konnten schon erahnen, welche Freude unser Besuch in dem ganzen Projekt auslösen würde. Im Gebäude angekommen, begrüßten uns die Mädchen in ihrer Schuluniform. Alle Mädchen waren uns gegenüber sehr offen, stellten viele Fragen und tuschelten über die großen Europäer mit dem Sonnenbrand. Preethi hatte sich seit ihrem letzten Foto ziemlich verändert und ich erkannte sie zunächst nicht, aber einmal vorgestellt, wich sie uns die nächsten Stunden keine Minute mehr von der Seite. Sie bekam extra schulfrei, um mit uns zusammen sein zu können - es war ein großer Tag für sie.

Essen mit den Fingern
Zunächst schauten wir uns im Gebäude um. Sie zeigten uns die Schlafräume, den Essenssaal, alle Räume zum Lernen und das Krankenzimmer. Wir staunten über den schönen Garten und wurden in allen Situationen von der Leiterin mit meiner Kamera fotografiert. Das Mittagessen (extra unscharfes Gemüse mit Reis) bekamen wir unter neugierigen Blicken typisch auf Bananenblättern serviert und für uns war es ein wenig kompliziert, das Essen mit der rechten Hand in den Mund zu befördern, ohne dabei besonders viel zu kleckern. Trotz mehrmaliger Aufenthalte in Indien sind diese landestypischen Gebräuche für uns ein Abenteuer und erfordern ein wenig Konzentration.
Im Anschluss daran besuchten wir die nahe gelegene Schule der Mädchen und erlebten ein weiteres Mal, welche Besonderheit unser Besuch darstellte. Wir lernten den Schulleiter kennen, der uns in alle Klassenräume führte und wurden in jeder Klasse von aufgeregten Kindern begrüßt. Die Gespräche mit dem Schulleiter und den Lehrern gaben uns einen guten Eindruck darüber, w elchen Wert auf Bildung gelegt und von den Mädchen erwartet wird, dass sie die Zeit in der Schule nutzen, um einen guten Start ins Leben zu bekommen.

Besuch bei Preethis Mutter
Danach fuhren wir mit Preethi, der Leiterin und einer Freundin von Preethi zur Mutter Preethis in einem neuen Wohnviertel, ein wenig außerhalb von Nagapattinam. Preethi gehört zu den wenigen Mädchen des Projektes, deren Eltern in der Nähe wohnen. Trotzdem sind Besuche bei ihrer Familie selten, da die Erziehung und Ausbildung im Internat im Vordergrund stehen soll. Die Neubausiedlung, in der Preethis Eltern leben, wurde nach dem Tsunami von einer wohlhabenden Inderin gesponsert, um den Menschen, die Hab und Gut bei der Katastrophe verloren haben, eine neue Lebensgrundlage zu ermöglichen. Das Haus mit zwei Wohnräumen und einer Küche, die von Preethis Eltern, der Schwester und dem Bruder bewohnt werden, hat einen kleinen Garten angeschlossen, in dem wir weitere Fotos unter Palmen machten. Die Mutter bewirtete uns mit Eis, Kuchen und Cola, während sie ein wenig von ihrem Leben als Fischersfrau erzählte. Gemeinsam mit ihr fuhren wir dann auch zum Hafen, an dem sie uns ihre Ausbeute des Tages präsentierte, die in der Sonne zu Trockenfisch verarbeitet wird. Ihr Mann ist nur alle drei Tage zu Hause, da er mit seinem Boot viele Kilometer rausfahren muss, um mit dem Fischfang seine Familie ernähren zu können. Es ist ein sehr gefährlicher Job, erzählte uns die Leiterin des Projektes, da es neben den Gefahren des Fischerlebens an sich auch immer wieder zu Konflikten mit Fischern aus dem nahe gelegenen Sri Lanka auf dem offenen Meer kommt.

Überlebende des Tsunamis
Nicht weit vom Hafen entfernt befindet sich die Siedlung, in der Preethis Familie vor dem Tsunami gelebt hat. Es war das persönliche Anliegen der Mutter, uns den Ort zu zeigen, an dem ihr Haus vor dem Unglück stand. Ohne Bitterkeit und mit einer großen Schicksalsergebenheit erzählte sie uns von dem Tag, der ihr ganzes Leben verändert hat. Eine Woche sind sie nach dem Unglück in einer Kirche untergekommen, mit dem Wissen, alles verloren zu haben, was vorher die Lebensgrundlage darstellte. Wir können uns nicht ansatzweise vorstellen, welch harte Zeit die Menschen dort durchmachen mussten. Nagapattinam war einer der am schlimmsten betroffenen Orte Indiens, mehr als 6.000 Menschen kamen allein hier bei der Katastrophe ums Leben.
Ein mulmiges Gefühl begleitete uns deshalb auch an den nächsten Ort unseres Besuchs: den Strand Nagapattinams. Preethi erzählte, dass sie auf der großen Tankerbrücke stand, die hunderte von Metern ins Meer reicht, als sie sah, dass die badenden Menschen vom zurückweichenden Wasser ins offene Meer gezogen wurden. Sie ahnte, dass etwas Furchtbares geschehen wird und rannte um ihr Leben. Sich vorzustellen, was sie erlebt haben musste, berührte uns zutiefst und auch die Offenheit, mit der sie mit uns darüber sprach.

Jingle Bells auf Hindi
Unser Besuch endete dann am Abend im Projektgebäude, wo uns die Mädchen im Essenssaal spontan einen Tanz aufführten. Nach Altersgruppen getrennt führten sie die Tänze auf, die sie für Weihnachten einstudiert hatten: Zu Jingle Bells auf Hindi abgespielt auf einem Fernseher ging es in schicken Kleidchen und mit viel Freude zur Sache. Mein Freund und ich saßen auf zwei Stühlen im großen Saal ein wenig exponiert, während wir unser Abendessen, einen indischen Reispudding, zu uns nahmen. Wir genossen jede Sekunde und hatten unendlich viel Freude an der Aufführung. Am späten Abend ging es dann noch für uns zwei nach Thanjavur zurück, mit vielen Erinnerungen im Gepäck und vielen Fotos.
Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal für die freundliche Unterstützung durch den Spenderservice bedanken, der uns dabei geholfen hat, den Besuch zu ermöglichen. Es war wirklich ein unbeschreibliches Erlebnis, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sicher auch für Preethi ein persönlicher Tag war, an dem sie live erleben durfte, dass es in der Welt Menschen gibt, die ein Interesse daran haben, dass sie einen guten Start ins Leben hat und es ihr gut geht.
Spenderservice