Michaela Kerz besuchte im Januar 2010 verschiedene Kindernothilfe-Projekte in Indien. Unter anderem traf sie das ehemalige Patenkind ihrer Eltern.

Shalini und ihre Mutter. Foto: privat
Schon immer war es ein großer Wunsch von mir, einmal in meinem Leben nach Indien zu kommen. Denn durch die Mitarbeit meiner Eltern bei der Kindernothilfe war in meinem Elternhaus oft indischer Besuch. Mein verstorbener Vater Karl-Friedrich Windgassen arbeitete nämlich seit Anfang der 60-iger Jahre ehrenamtlich in verschiedenen Leitungsfunktionen (Vorstandsmitglied) bei der Kindernothilfe, zuletzt war er hauptberuflich stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer, und meine Mutter Brigitte Windgassen war und ist ehrenamtlich ebenso seit den Gründerjahren dabei. So bin ich seit meiner Kindheit sehr eng mit der Kindernothilfe vertraut und verbunden und habe selbst tiefe Freundschaften mit unseren indischen Gästen geschlossen.Dann waren da auch die vielen Briefwechsel mit unseren indischen Patenkindern und Freunden. All das weckte in mir das Interesse und die Sehnsucht, die Menschen in Indien zu besuchen.
Im Januar 2010 war es dann endlich soweit. Ich reiste für drei Wochen mit dem ehemaligen Vorstandsmitglied der Kindernothilfe Herrn Lüder Luers, einem sehr guten Freund unserer Familie, und Dr. Samuel Issmer, einem früheren Mitarbeiter einer Kindernothilfe-Partnerorganisation, von Bangalore über Anantapur, Goothy , Kaddapah, Vellore, Ranipet nach Madras. Dort traf ich in den unterschiedlichsten Projekten jetzige und ehemalige Kindernothilfe-Patenkinder. Immer wieder wurden wir aufs Herzlichste empfangen, es wurde für uns gesungen und getanzt, und es gab viele bewegende Momente - so zum Beispiel, wenn die ehemaligen Patenkinder, die aus ärmlichsten Verhältnissen gestammt hatten, dankbar erzählten, das sie es "geschafft " hätten und jetzt unter anderem Lehrer/in, Krankenschwester oder Physiotherapeut seien.

Vier Generationen auf einem Foto: Shalini, ihre Mutter, ihre Großmutter, ihre Urgroßmutter. Foto. privat
Der Höhepunkt der Reise: Die Begegnung mit Shalini
Ein Höhepunkt und ein ganz besonderes, ergreifendes Erlebnis meiner Rundreise war die Begegnung mit Shalini, dem ehemaligen Patenkind meiner Eltern.
Shalini wurde als älteste von vier Mädchen 1987 in Papi Chitty Palli in ärmlichste Verhältnisse hineingeboren. Ihre Mutter war gerade mal zwölf Jahre alt, als Shalini auf die Welt kam. Shalini hat drei Schwestern: Alisha, geb.1989, Nancy, geb.1991, und Sandhiya, geb.1992. Der Vater arbeit als Kuli in einem Steinbruch, die Mutter hat sich das Nähen selbst beigebracht und verdient, indem sie für die Dorfbewohner näht, so ein paar Rupies für die Familie dazu. Shalini hatte das Glück, dass sie im Alter von elf Jahren in das Hilfsprogramm der Kindernothilfe aufgenommen und somit zu unserem Patenkind wurde. Im Boarding Home in Ranipet hat sie dann über viele Jahre gelebt und wurde dort unterstützt und gefördert. Ich konnte das Heim besichtigen und war beeindruckt von den Räumlichkeiten und den netten Mitarbeiterinnen , die mit viel Liebe die Mädchen fördern und erziehen. Nach ihrem Schulabschluss machte Shalini über die erweiterte Patenschaft eine Ausbildung zur Krankenschwester im Hospital in Ranipet. Während ich in Indien war, absolvierte sie gerade dort ihre letzten Arbeitstage.
Ich traf Shalini im Boarding Home -Ranipet. Was für eine Freude, die jetzt 23 Jahre alte Shalini zu treffen. Viele Briefe waren in den letzten Jahren zwischen uns hin und her gegangen. Sie nahm Anteil an unserem Leben und wir an ihrem. So schrieb sie Trostbriefe voll Gottvertrauen bei der schweren Erkrankung meines Vaters oder ließ uns unter anderem an der Freude über bestandene Prüfungen teilhaben. Und jetzt konnten wir uns endlich sehen. Der Empfang war sehr herzlich. Nachdem wir uns etwas unterhalten hatten, zeigte sie mir das Krankenhaus in der Nähe, in dem sie ihre Ausbildung absolviert hatte und jetzt arbeitet. Wir gingen auch in ihr Zimmer im Schwesternwohnheim. Voller Stolz zeigte sie mir dort ihre Schwesterntracht . Sie hatte alle ihre Freundinnen eingeladen, und alle wollten mich sehen, und wir erzählten miteinander. Es war sehr schön für mich, sie so fröhlich mit ihren Freundinnen zu erleben.
Anschließend ging es zurück ins Boarding Home, dort hatten die Mitarbeiterinnen mit ihren Mädchen ein wunderschönes Programm mit Gesang und Tanz einstudiert, das sie uns nun gelungen darboten.

Im Haus von Shalinis Familie hängen Fotos von ihrer Patenfamilie. Foto: privat
Ein Treffen mit der ganzen Familie
Am nächsten Tag besuchte ich Shalini und ihre Familie in dem christlichen Ortsteil von Papi Chitty Palli, dem "native village"- ihrem Geburtsort. Auch hier ein überschwänglicher Empfang. Die ganze Familie mitsamt Oma und Opa,Tante und Onkel waren dort . Shalini legte mir eine Blumenkette und einen Wollschal aus Dank um. Nach dieser emotionalen und bewegenden kleinen Begrüßungszeremonie gingen wir in das kleine "Haus" der Familie. Und dann war ich sehr gerührt, hingen doch dort - neben Shalinis Examensfoto - ein Foto meines im September 2008 verstorbenen Vaters und Bilder von der Goldhochzeit meiner Eltern an der Wand. Shalini zeigte gleich auf das eine Foto, auf dem ich auch abgebildet war. Ich merkte hier erneut, wie wichtig ihr und auch der Familie der persönliche Briefkontakt war und ist. In engsten Verhältnissen lebte/lebt hier die Familie: Sie zeigten die zwei kleinen Räume, die nur einen Vorhang als Tür hatten und zusammen vielleicht gerade 20qm groß waren. Im hinteren Kämmerchen war ein Bett, in dem schliefen die vier Mädchen, und die Eltern im Räumchen davor mit einer Matte auf dem Boden. Weil es so eng in dem Häuschen war, muusste ein Teil von Shalinis Familie während unseres Besuchs in der Tür stehen .
Shalinis Eltern waren sehr, sehr dankbar über die Unterstützung von Shalini durch die Kindernothilfe. Immer wieder brachten sie dies überschwänglich zum Ausdruck. Sie sind so stolz auf ihre große Tochter, die ihren Traum Krankenschwester zu werden - auch Shalinis Mutter träumte für sich schon davon - dank der Unterstützung ihrer Pateneltern verwirklichen konnte.
Der Vater sagte bewegt, dass dadurch der ganzen Familie geholfen worden sei. Sie genieße im Dorf jetzt ein viel höheres Ansehen, weil eine ihrer Töchter einen respektablen Beruf habe. Außerdem könne Shalini ihre Familie jetzt mit ihrem Gehalt unterstützen. Das, was er und seine Frau sich für ihre Töchter wünschten, sei eine gute Ausbildung. Er sei nicht in der Lage, die Mitgift für vier Töchter zu zahlen, aber mit einem soliden Beruf seien sie aufs Beste "ausgestattet" für die Zukunft. Aus Dankbarkeit der ganzen Familie hatte der Großvater die Kirche von Papi Chitty Pelli aus Holz in mühevoller Kleinarbeit maßstabgerecht als Geschenk an die Pateneltern und deren Familie nachgebaut. So war in unseren Gesprächen, bei unserem Erzählen, immer wieder die tiefe Dankbarkeit bei der ganzen Familie zu spüren . Nachdem wir Fotos geschaut hatten - sie wollten so gerne etwas von meiner Familie sehen und wo wir leben - und es Tee und Kekse gab, hieß es Abschied zu nehmen. Eine wunderbare Begegnung ging nun leider zu Ende.
Die Hilfe zieht Kreise
Ja, Shalini hat es geschafft - großartig. Sie verdient jetzt ihr eigenes Geld und hat seit kurzem eine feste Anstellung in dem bekannten CMC Hospital in Vellore auf der Kinderstation, und ich bin sicher, sie wird ihren Weg sehr gut weitergehen. Welch große Freude war es zu sehen, dass darüber hinaus die Patenschaft von Shalini nicht nur ihr, sondern der ganzen Familie geholfen hat. Aus dem Mädchen vom Dorf ist eine verantwortungsvolle, dankbare, glückliche junge Frau geworden, die die Hilfe und Unterstützung, die sie bekommen hat, an andere hilfsbedürftige Menschen weitergeben möchte.
Zum Abschied winkte mir eine fröhliche Shalini mit ihrer ganzen Großfamilie zu. Bewegt und gerührt von der Dankbarkeit und den Eindrücken und mit dem Wunsch, in Kontakt zu bleiben, reiste ich weiter.
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