Die Patin Dagmar Brölsch aus Duisburg hat im Januar 2011 ihr Patenkind in Indien besucht und war beeindruckt von der liebevollen Arbeit mit den Mädchen und Jungen.
In den ersten Jahren meiner weiterführenden Schulzeit ging ich auf das Johanna-Sebus-Gymnasium in Duisburg. Dort hatten wir eine Schulpatenschaft von zwei indischen Kindern durch die Kindernothilfe in Duisburg-Buchholz. Seit 2002 bin ich Mitglied der ev. Frauenhilfe in Dortmund-Barop. Einige dort im Laufe eines Jahres gesammelte Kollekten gehen an die Kindernothilfe in Duisburg.

Foto: privat
1982 verlobte ich mich mit meinem heutigen Ehemann Joachim, der in einer großen Familie mit viel sozialem und kirchlichem Engagement aufgewachsen war. Da ich mich für das Thema Kinder einsetzen wollte, spendete ich jedes Jahr vom Weihnachtsgeld einen kleinen Beitrag an die Kindernothilfe. 1987 heirateten wir und somit war ich in dieser großen Familie mit ihren vielen kirchlichen Interessen eingebunden.
Wegen voraussichtlicher Kinderlosigkeit stellten wir einen Adoptionsantrag und nach dem üblichen Prüfungsverfahren wurden wir als Adoptiveltern zugelassen. Aber kaum hatten wir alle Unterlagen zusammen, erwartete ich unser erstes Kind Jan, heute 22 Jahre alt. Zwei Jahre später wurde unser zweiter Sohn Tim, jetzt 20 Jahre alt, geboren.
Vor gut 2 Jahren reifte in mir der Entschluss, ein kleines Mädchen als Patenkind zu übernehmen und wandte mich deshalb an Frau Luhr von der Kindernothilfe. Wir sprachen über meine Vorstellungen, um das geeignete Patenkind für mich zu finden. Sie stellte mir drei kleine Mädchen vor. Das Bild von Usha zog mich am meisten an, es war, wie man so sagt, Liebe auf den ersten Blick. Ich zeigte die Unterlagen meiner Familie und wir hielten Familienkonferenz, um herauszufinden, für welches Kind wir uns entscheiden sollten. Aber meine Liebe zu Usha siegte über alle Kriterien.
Es entstand ein Briefkontakt über die Kindernothilfe und über Mr. Bunyan von ICDC in Bangalore. Ich wollte eine Ayurvedakur im Bundesstaat Keala machen und plante zuvor einen Besuch bei Usha in Melrosapuram, 50 km südlich von Madras (heute Chennai), ein.
Die Anfrage, ob ich mein Patenkind besuchen kann und alle dazugehörenden Planungen zogen sich etwas über ein halbes Jahr hin.
Endlich kam der 3.1.2011, der Tag meiner Ankunft in Indien. Ich landete mit Verspätung in Madras. Mein Koffer kam als letzter vom Band, da er sehr schwer war und nun ging es durch den Zoll, mit einer wunderschönen Puppe für Usha im Handgepäck. Ich hatte glücklicherweise eine hilfreiche Hand gefunden, die mich durch den Zoll brachte und dann zum Treffpunkt für die Abholer, weit außerhalb des Flughafengeländes. Dort standen in der ersten Reihe Mr. Frederick und Frau Jeyamani mit dem Schild „Ms. Brolsch". Ich war mir sicher, dass ich gemeint war. Die Buchstabenkombination „oe" ist im Ausland ungewöhnlich.
Sie überreichten mir einen großen Strauß roter Rosen. Ich war einfach überwältigt, ich konnte es nicht fassen. Der Verkehr war laut und sehr hektisch. Frau Jeyamani winkte den Fahrer herbei, das Gepäck wurde verstaut und dann ging es ab in den Linksverkehr. An diesem Tag stand überall Militär, da der Premierminister Chennai besuchte. Wir machten einen kurzen Zwischenstopp an dem Motel, wo ich für die Dauer meines Aufenthaltes vorgemerkt war. Auch hier gab es meiner Einschätzung nach nur Militär, das das Hotel beobachtete.
Nach einer weiteren Autofahrt kamen wir dann von der befestigten Autostraße ab und die Straßenverhältnisse waren die eines Ackers. Wir kamen an verschiedenen Schulen sowie an der örtlichen kath. Kirche vorbei und plötzlich standen wir vor einer großen Gartentür. Das Tor wurde geöffnet und wir standen den Kindern gegenüber, die mit Blumenkörbchen ausgestattet, mich mit Blüten bewarfen und mit „Welcome" begrüßten.. Es war einfach ergreifend. Usha wurde mir als mein Patenkind vorgestellt und sie sollte mich mit dem deutschen Händeschütteln begrüßen. Dies kam ihr zunächst sehr fremd vor. Nachdem ich sie dann aber ganz spontan mit dem in Indien üblichen Gruß begrüßt hatte, lachten wir uns ein wenig an.
Vor dem Eingang zur Tagesstätte hatte man ein „Welcome"- Schild mit „Ms. Brolsch" angebracht. Von Mr. Frederick (Leiter des Projektes) und Ms. Jeyamani (Sozialarbeiterin) und mir wurde ein Foto gemacht. Ganz schnell befanden wir uns im größten Raum des C.S.I. Day Care Projects in Melrosapuram. Die Kinder setzten sich auf den Boden im Kreis. Für mich, Mr. Frederick, Ms. Jeyamani und Usha hatte man Stühle hingestellt. Usha sollte auf dem Stuhl neben mir Platz nehmen, aber ich bemerkte, dass sie das nicht so gerne wollte. Deshalb bat ich darum, sie bei den anderen Kindern sitzen zu lassen. Mir wurde ein Gemeinschaftsbild von allen Kindern und Mitarbeitern überreicht und eine gelbe, schwere Kette um den Hals gelegt.
Der Kassettenrecorder wurde angeschaltet und eine Tanzvorführung der zwei ältesten Mädchen begann. Rouel, ein ehemaliges Patenkind, der heute ein junger Mann ist, wurde mit der Kamera ausgestattet, die allerdings sofort ihr Objektiv verlor. Leider konnte ich mein Fotohandy gar nicht so schnell startbereit machen. Als Nächstes wurde ein weiterer Tanz aufgeführt, an dem auch mein Patenkind Usha beteiligt war. Anschließend sagten einige Kinder in ihrer Landessprache Bibelverse auf.
Mr. Frederick hielt eine Ansprache über die Entstehung des Projektes und die Mitarbeiter wurden mir mit ihren Namen und Aufgaben vorgestellt.
Seine Danksagung formulierte Mr. Frederick wie folgt:
"We express our Heart felt thanks for your kind visit and loving support and we are ever grateful for your generous help. Please convey our heartfelt thanks to all foster parents, well wishers KNH officials which they are rending the financial support, deep concern and Sincere Prayers."
Nachdem ich mich selbst vorgestellt hatte, kam Usha auf mich zu und zeigte mir ihr Malbuch, dass ich ihr an ihrem letzten Geburtstag hatte aushändigen lassen. Sie fragte mich, wie ich nach Indien gekommen sei. Ich antwortete: „Mit einem riesigen Flugzeug."
Zwischenzeitlich hatten die Mitarbeiter für eine kleine Runde den Mittagstisch gedeckt und wir nahmen die Mahlzeit ein. Die Köchin hatte im letzten Jahr einen Preis gewonnen.
Auf meinem nächsten Programmpunkt stand: „House Visit: G.Usha ´s House". Der Fahrer fuhr Mr. Frederick, Ms. Jeyamani, Usha und mich zu ihrem Haus. Das Haus ist eine Lehmhütte mit Stroh bedeckt, ganz so, wie es in der Projektbeschreibung der Kindernothilfe steht. Ushas Eltern und ihr Bruder begrüßten mich. Ihre Eltern hatten extra für diesen Tag Urlaub genommen. Ushas Vater legte mir eine schwere Kette um den Hals und man bat mich ins Haus. Usha ging voran und wir nahmen auf Gartenstühlen Platz. Es ist ein sehr kleiner Raum, in dem die Familie zu viert lebt. Es gibt keine Betten in der Hütte, nur einen Schrank aus Stahl für die ganze Familie, einen kleinen Schwarz-Weiß Fernseher und einen Ventilator unter der Decke. In der „Küche" glänzte der neue Grinder, eine Art Getreidemühle, den ich durch Familienhilfe im letzten Jahr finanziert hatte. Die Regierung hatte der Familie einen Gaskocher bereitgestellt. Ich war wirklich sehr erschrocken, wie niedrig der Lebensstandard meines Patenkindes ist.
Ushas Vater und Bruder gingen vor die Hütte, bohrten Kokosnüsse an und reichten mir eine davon mit einem Strohhalm.
Ich gab Usha meine Geschenke. Ich dachte, sie würde die Puppe bevorzugen, aber sie war sehr glücklich über den Haarreif, den ich ihr mitgebracht hatte.
Mit Hilfe von Ms. Jeyamani unterhielt ich mich ein wenig mit Ushas Mutter. Sie ist erst 25 Jahre, Ushas Bruder schon 8 Jahre und Usha 5 Jahre alt. Ich konnte nur mit Erstaunen sagen, dass sie noch sehr jung sei.
Ushas Vater überreichte mir ein selbst gemachtes, doppelseitiges Bild. Ushas Tante kam auch vorbei, um mich zu begrüßen. Sie ist die Schwester der Oma, die zur Arbeit gegangen war. Die Großmutter lebt in der Hütte hinter Ushas Haus. Wir gingen dann für kurze Zeit auseinander.
Der nächste Programmpunkt war der Ausflug mit der ganzen Projektgruppe in den Vogelpark Vendanthangal Bird Sanctuary.
Dort verbrachten wir zusammen die frühen Abendstunden. Es war eine wirklich fröhliche und schöne Zeit. Die Kinder haben ein tolles Sozialverhalten und die Mitarbeiterinnen sind immer sehr liebevoll zu den Kindern.
Ich hatte auf Anraten von Frau Bliemeister Gummibärentütchen und Luftballons für die Kinder mitgenommen; ein wirklich voller Erfolg.
Die Kinder drängelten sich um mich und stellten mir die unterschiedlichsten Fragen, z. B. wie wir Weihnachten feiern oder was wir Weihnachten essen. Die älteren Mädchen wollten wissen, ob meine Söhne Freundinnen hätten. Sie waren von meiner weißen Haut sehr fasziniert und bewunderten meine hellen Haare. Die Zeit mit den Kindern war richtig erfrischend.
Völlig müde, aber irgendwie beschwingt, wurde ich von Mr. Frederick und Frau Jeyamani in mein Hotel zurückgebracht. Hier führten wir noch ein Gespräch darüber, wie es für Usha weitergehen kann und welche Unterstützung das Projekt noch braucht. Ich erfuhr, dass eine Aufbereitungsanlage für gutes Trinkwasser notwendig ist und leitete dies an Frau Welsing weiter. Die Kindertagesstätte ist nicht wirklich neu, aber das für mich Sichtbare war in einem sehr sauberen und gepflegten Zustand. Das Außengelände ist einfach. Die Kinder spielten die gleichen Spiele, die wir früher auch draußen gespielt hatten.
Der nächste Tag war zu meiner eigenen Verfügung, wobei mich Mr. Frederick, Ms. Jeyamani und Rouel, das ehemalige Patenkind, der gerne Fotos mit meinem Fotohandy machte, noch zu einem Ausflug nach Pondicherry, Auroville und den Sri-Aurobindo-Aschram begleiteten.
Für den nächsten Tag war mein Inlandflug nach Kochin gebucht. Wir hatten so eine gute Zeit zusammen, dass alle drei mich noch zum Flughafen brachten. Wir mussten uns weit vor dem Flughafen voneinander verabschieden, da nur Passagiere Zutritt zum Flughafen haben.
Es war eine wunderschöne Zeit, die ich dort verbracht habe und ich bin sehr froh, dass ich Usha tagsüber in guten Händen weiß. Die Kindertagesstätte ist ein wirkliches Paradies.
Ich möchte allen danken, die mich mit Gedanken und Taten auf dem Weg nach Indien unterstützt haben.
Dagmar Brölsch
Spenderservice