Im Mai 2006 besuchten Katja und Jürgen Scheidt aus Münster gemeinsam mit Freunden das Schülerwohnheim Hostel Bethel in Aranos/ Namibia, in dem auch ihr Patenkind lebt. Dank der enormen Spendenbereitschaft ihrer Familien und Freunde konnte das Ehepaar ein großes Kontingent an Sachspenden an das Hostel übergeben. Der folgende Bericht erzählt von ihren Erlebnissen vor Ort.
Von Katja und Jürgen Scheidt

Max, einer der Begleiter des Ehepaars Scheidt, mit seinem Patenkind. Foto: Jürgen Scheidt
Da sind wir wieder! Vor gut zwei Jahren bei einem ersten kurzen Besuch von lediglich zwei Stunden im Hostel Bethel in Aranos/Namibia haben wir das Versprechen abgegeben: „Wir kommen wieder." Damals war unser Besuch eine eher spontane Idee gewesen. Wir waren zum Urlaub in Namibia und haben auf unserer Tour einen Abstecher nach Aranos gemacht und uns zum Hostel Bethel durchgefragt. Wir wollten sehen, wie unser Patenkind und mit ihm 100 weitere Kinder hier leben, ob es ihm gut geht und wie die Kindernothilfe das Projekt, auch mit Hilfe unserer Spenden, unterstützt (zum ersten Reisebericht).
Beim zweiten Besuch ist alles anders
Dieses Mal ist alles anders. Überzeugt davon, dass die Einrichtung der Hostels - insgesamt gibt es 19 davon in ganz Namibia - eine wunderbare Sache ist, die es wert ist, sie mit aller Kraft zu unterstützen, haben wir während des gesamten Jahres 2005, im Rahmen verschiedener Aktionen rund um unsere Hochzeit, Geldspenden für das Hostel in Aranos gesammelt. Eine stolze Summe ist zusammengekommen.
Von diesem Geld wollen wir in Windhoek Dinge einkaufen, die das Hostel Bethel dringend benötigt, und sie direkt vor Ort übergeben. Allein schon deshalb war dieses Mal alles anders. Alles musste im Vorfeld koordiniert werden, E-Mails wurden geschrieben und Telefonate ge-führt. Wir nahmen Kontakt mit der Kindernothilfe hier in Deutschland auf, mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Windhoek, mit der die Kindernothilfe vor Ort zusammenarbeitet, und auch mit der Heimleitung des Hostels selbst. Zum einen war für uns entscheidend zu wissen, was vor Ort am dringendsten benötigt wurde, zum anderen wollten wir unseren Besuch dieses Mal ankündigen, denn gern wollten wir ein wenig länger vor Ort bleiben als beim letzten Mal. Sehr gern wollen wir die Mitarbeiter und Betreuerinnen, die Kinder und vor allem auch ihre Lebensweise und ihre Kultur genauer kennen lernen.

Herzliches Willkommen: ein Kind im Hostel Bethel. Foto: Jürgen Scheidt
In zwei Jahren hat sich viel verändert
Auch in Aranos hat sich innerhalb der vergangenen zwei Jahre viel verändert: die Heimleitung obliegt nun Frieda Boois, die uns von unserem letzten Besuch noch nicht kennt. Unser bisheriges Patenkind wurde von seinen Eltern aus dem Hostel genommen, unser neues Patenkind heißt Cynthie Arcelie Nowases. Auch sie kannten wir bis dahin nicht. Lediglich der Weg zum Hostel - über die staubige Straße voller Schlaglöcher und durch das kleine Dorf namens Aranos hindurch - war geblieben. Zwei gute Freunde, Max und Angelika, hatten sich - nachdem wir ihnen von unserer Idee erzählten - spontan bereit erklärt, mit uns mit zu kommen nach Namibia. Auch sie haben in dem Hostel Bethel ein Patenkind.
Für jedes Kind ein Paar Schuhe
Und da waren wir nun wieder. Wir fuhren die staubige Straße Richtung Hostel entlang. Dieses Mal mit zwei Wagen, vollbepackt mit all den Sachspenden, die wir von dem gespendeten Geld einen Tag zuvor in Windhoek eingekauft hatten. Dank einer Liste von Geschäften, die uns Mietjie Frank von der evangelisch-lutherischen Kirche geschickt hatte, fanden wir schnell alles, was wir suchten: ein Faxgerät für das Hostel zur besseren Kommunikation (bislang mußten die Mitarbeiter des Hostels für ein Fax jedes Mal 5 km zu Fuß ins Dorf laufen), Fleecedecken, Bettwäsche, Kopfkissen, Isomatten, Matratzen und natürlich Spiele und Fußbälle für die Kids. Aber das wichtigste waren wohl die nahezu unzähligen Paar Schuhe - für jedes Kind eins. Ganze Schuhregale haben wir leer gekauft. Wir wollten das Hostel mit der Gewissheit wieder verlassen, dass jedes Kind ein Paar Schuhe besitzt.

Das Eis musste nicht brechen - es gab gar keines. Foto: Jürgen Scheidt
„We welcome the Germans"
Natürlich sind wir etwas nervös und unsicher auf unserem Weg zum Hostel. Was wird uns erwarten? Erwarten sie uns überhaupt? Wie wird der erste Kontakt sein? Doch als wir mit den voll beladenen Autos auf den Hof des Hostels fahren, sind alle Unsicherheiten beseitigt. Von überall her laufen die Kinder zusammen, winken uns zu, rufen und lachen. Sie versammeln sich gemeinsam mit ihren Betreuerinnen vor dem Eingang und als wir aussteigen, schlägt uns ein Gospel-Song entgegen. Der Titel: „We welcome the Germans." Bewegende Szenen folgen, das Eis mußte gar nicht erst brechen - es gab keines!
Obwohl wir uns nicht kennen, umarmen und begrüßen wir uns, die Kinder haben bereits von uns gehört und kennen unsere Namen. Wir verteilen die ersten Spiele und Fußbälle und schon sind wir eingebunden in eine Gemeinschaft, deren Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Offenheit wir in Deutschland lange nicht erlebt haben. Nachdem wir einige Stunden gespielt, gelacht, fotografiert und die ersten Sätze gewechselt haben, ist Essenszeit für die Kinder und anschließend Bettruhe angesagt. Wir bringen die Kinder ins Bett und haben anschließend ein paar Minuten Ruhe, um unsere Dachzelte aufzubauen - wir werden auf dem Gelände des Hostels übernachten.

Das Hostel bietet den Kindern ein echtes Zuhause. Foto: Jürgen Scheidt
Warmherziger Empfang
Kurze Zeit später werden wir in den Aufenthaltsraum gebeten. Die Kinder schlafen, was uns und den Mitarbeiterinnen die Möglichkeit gibt, ausführlich miteinander zu sprechen, uns kennen zu lernen und Erfahrungen auszutauschen. Sogar der Pfarrer des Dorfes und eine Mitarbeiterin der evangelisch-lutherischen Kirche aus Windhoek sind gekommen, um dabei zu sein. Sie alle haben von unserem Besuch und unserer Idee gehört und wollten uns ebenfalls herzlich willkommen heißen. Es wird ein sehr warmherziger Abend und für den nächsten Morgen werden wir eingeladen, die Schule zu besuchen, zu der die Kinder gehen. Der Pfarrer lädt uns in seine Kirche und in den anliegenden Kindergarten zu einem Besuch ein. Einladungen, die wir sehr gern annehmen.
Die Nacht ist nicht lang. Die Kinder sind ebenso aufgeregt wie wir. Bereits gegen sechs Uhr morgens stehen die ersten vor unserem Auto und rufen leise: „Katja, Jürgen - are you there? Please wake up! Please!" Wir öffnen unser Zelt und sehen in große braune, herzlich dreinblickende Kinderaugen. Da hält uns nichts mehr im Schlafsack und wir stehen auf.
Ein Tag voller Eindrücke
Dieser Tag hat ein volles Programm: zunächst schließen wir das Faxgerät an und bringen es zum Laufen. Was für eine Freude da plötzlich herrscht. Wohl kaum jemand in Deutschland würde sich so sehr - tanzend und lachend - über ein funktionierendes Faxgerät freuen. Eine Situation, die uns einmal wieder deutlich macht, wie gut es uns in unserem Land eigentlich geht und die uns wieder einmal den Sinn für das schärft, was wirklich wichtig ist.
Anschließend begleiten wir zwei Mitarbeiterinnen des Hostels in die im Ort liegende Schule. Die Hostels in Namibia sind meist nah an eine staatliche Schule gebaut. So erhalten die Kinder ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf, Freunde und natürlich eine Schulausbildung. Vor dem Hintergrund einer Analphabetenrate von etwa 22 % ist dies besonders wichtig. Doch es ist auch deshalb wichtig, weil ausgebildete Kinder eher in der Lage sind zu differenzieren zwischen Gut und Böse, zwischen Intoleranz und Akzeptanz, zwischen Recht und Unrecht - ein ganz entscheidender Beitrag für ein friedvolles und respektvolles Zu-sammenleben verschiedener Völker.
Doch zurück zu unserem „Schulweg": Scherben, Dornenbüsche und scharfe Steine säumen den Weg und wir sind froh, dass nun jedes Kind diesen Weg mit einem Paar Schuhe zurücklegen kann. In der Schule angekommen, empfängt uns der Direktor. Alles ist gut durchorganisiert und die Kinder sitzen im Unterricht. Wir dürfen einmal kurz Hallo sagen und die Freude ist natürlich groß! Wir versprechen ihnen, dass wir am Nachmittag noch da sind, um noch ein wenig zu spielen und weiter geht es für sie im Lernstoff und für uns mit dem Rundgang durch das Dorf - zum Pfarrer, der Kirche und dem Kindergarten.

Tief beeindruckt verlassen die Scheidts das Hostel - und planen bereits weitere Aktionen für die Kinder. Foto: Jürgen Scheidt
Eine Gemeinschaft voll Hilfsbereitschaft
Was uns besonders beeindruckt ist die große Hilfsbereitschaft untereinander. Es gibt keinen Neid, keine Mißgunst und kein Mißtrauen. Die Gemeinschaft lebt von Akzeptanz, Offenheit und der Bereit-schaft zu teilen. Selbst eine Dose Fanta für sechs Kinder ist kein Problem. Es wird schluckweise so lange geteilt, bis die Dose leer ist. Dann wird gelacht und mit der leeren Dose wird gespielt. Wir fragen uns an diesen Stellen, wie wohl Kinder in Deutschland reagiert hätten. Sicher: Eine andere Gesellschaft und ein anderes Bewußtsein - aber eine Gesellschaft, in der das Miteinander und die Bereitschaft zu teilen immer mehr in den Hintergrund rücken.
Zurück am Hostel erleben wir noch einige schöne Stunden gemeinsam mit den Kindern, den Mitarbeiterinnen und speziell unserem Patenkind Cynthie. Wir spielen ein wenig und bringen den Kindern die „Laola-Welle" bei (schließlich ist bald WM in Deutschland).
"Thank you for loving us"
Dann ist es Zeit, zu gehen. Die Kinder versammeln sich wieder und stimmen einen Gospelsong an: „Thank you for loving us!" singen sie für uns. Wir sind zu Tränen gerührt. Mit den Helferinnen haben wir das weitere Vorgehen besprochen. Denn für uns soll diese Aktion keine Einmalige sein. Wir werden weitermachen - soviel ist sicher!
Als wir wieder in Deutschland sind, finden wir bereits das erste Fax aus Aranos vor. Seitdem besteht ein reger Kontakt und wir hören, dass die Kinder nun auch viel eifriger und ehrgeiziger für die Schule lernen... das ist für uns eine der wichtigsten Spenden, die wir dort lassen konnten: Der Wunsch, etwas aus sich zu machen, vorwärts zu gehen und andere Kulturen zu verstehen.
Wir möchten uns noch einmal bei allen Beteiligten ganz, ganz herzlich für die Unterstützung und die Spendenbereitschaft bedanken!