Ein Reisebericht von Arnhild und Bernd Günther, die ihr Patenkind Kenyo Nilson in La Oroya besucht haben.
Pampas, 14.11.2011 Collectivo-Taxis fahren erst, wenn sie voll sind. Wir müssen länger warten. Bisher haben alle geholfen, dass wir an diesem Tag unseren Zeitplan einhalten können. Francesco, Mitarbeiter von ADECAP (Asociatión de Desarrollo de las Comunidades Andinas del Peru), und Benedikt, deutscher Jahrespraktikant, hatten uns am Vormittag mit Erlaubnis der Bewohner in mehrere Bauernhäuser außerhalb von Pampas geführt. Wir konnten sehen, wie durch gezielte Projekte zufriedenstellende Lebensbedingungen für die bäuerliche Bevölkerung geschaffen worden sind.
Ein Knall, und dann steigt Qualm aus der Kühlerhaube
Langsam wird es immer enger im 6-Personen-Taxi. Dann geht es los, zurück nach Huancayo. Wir wollen unbedingt morgen früh vor dem Büro der Asociatión Filomena Tomaira Pacsi in La Oroya stehen. Ich schaue aus dem Auto. Jetzt liegt Pampas schon unter uns. Mühevoll schlängelt sich das betagte Taxi-Collectivo in Richtung Pass. Die Straße ist eng, es gibt nur wenige Ausweichstellen, in Kurven ist Hupen ein Muss. Gerade passiert uns ein Laster. Da, ein Knall, ausgangs der Kurve. Unser Auto steht. Sechs Personen steigen schnell aus. Vorne steigt Qualm auf. Der Fahrer öffnet die Motorhaube. Es ist der Kühlwassertank, ein Schlauch ist geplatzt. Drei Männer versuchen dem Fahrer zu helfen. Ich denke nur: Wie kommen wir hier wieder weg? Wir warten am Straßenrand. Ab und zu passieren uns Fahrzeuge. Nach 50 Minuten kommt der Linienbus nach Huancayo. Er hält. Wir nutzen die Gunst der Stunde, mit uns zwei andere aus dem Collectivo. Nach 50 Kilometern erreichen wir die Endstation Huancayo.

Foto: Michaela Dacken/Maren Cruz Wallens
La Oroya – kein Ort, an den sich Touristen verirren
Schnell hat sich unser Collectivo-Taxi nach La Oroya gefüllt. In halsbrecherischer Fahrt arbeitet der Taxifahrer die 125 Kilometer ab. Ich sehne mich nach einem bequemen Reisebus. Es gibt ihn hier nicht, zumindest nicht mit Stopp in La Oroya, weil sich dorthin kein Tourist verirrt. Nach gut zwei Stunden werden wir am Straßenrand in La Oroya abgesetzt. Wir wollen zum Hotel San Martín. Doch wir haben keine Ahnung, wo es liegt. Die Hauptstraße bergan, so zeigen uns die Gefragten. Wir stehen zumindest auf der richtigen Straßenseite.
Da stehen wir nun verloren in einer langen Reihe derer, die auf ein Collectivo-Taxi warten. Als gegenüber mal wieder eines hält, alle Passagiere aussteigen, spurten wir über die Straße und fragen den Fahrer, ob er uns zum Hotel „San Martín" mitnimmt. Wir haben Erfolg. Er wendet und fährt, mittlerweile voll besetzt, bergan.
Endstation Gefängnis
Wir passieren auf der Carretera Central 22 die Bleischmelze, ebenso die Kupfer- und Bleiraffinerie, für die Menschen, die durch sie Arbeit haben, ein Segen, für die meisten anderen der Fluch der Region, kurz dahinter dann das Stadtkrankenhaus. Direkt vor dem Gefängnis stoppt das Taxi.. „Hotel San Martín!" Wir müssen es glauben. Beim Aussteigen beginnt es in Strömen zu regnen. In einer Seitenstraße befindet sich der schmale Eingang zum Hotel. Enge Rezeption. Großes Zimmer, wir sind zufrieden.
Es ist schon dunkel, als wir Stunden später das einzige Restaurant betreten. Während wir unsere Suppe löffeln, kreisen die Gespräche um die Frage: Wie finden wir morgen früh in dieser kilometerlangen Straßenstadt das Büro der Filomena? Arnhild fasst sich ein Herz. Sie spricht einfach einen Mann am Nachbartisch an, der dort zusammen mit seiner Familie zu Abend isst: „Können Sie mir sagen, wo hier die Avendida Túpac Amaru ist, No. 101?" Er kann. „Kommen Sie mit mir, ich zeige Ihnen, wo es ist."
Als wir zehn Minuten später wieder ins Lokal zurückkehren, bin ich überglücklich. Miguel gibt sich als Rechtsanwalt zu erkennen, der gebürtig aus La Oroya kommt und hier ein Programm des Familienministeriums „Gewalt in der Familie" begleitet. Er erzählt engagiert von seiner Tätigkeit. Es sind zumeist Frauen, die zu ihm kommen und um Unterstützung bitten. Am Schluss wissen wir auch, dass ihm das Restaurant und das darüber liegende Hotel gehört. Wir tauschen unsere E-Mail-Adressen aus.
La Oroya, 15.11.2011 Ja, wir werden heute unser Patenkind Kenyo kennenlernen. Und wir haben die Antwort der Kindernothilfe auf unsere Besuchsanfrage vor Augen: Alle freuen sich auf unserem Besuch und wollen einmal richtige Paten kennen lernen. Wie verabredet und am 30. Oktober persönlich bestätigt, klingeln wir um Punkt 9 Uhr an der Eingangstür zum Büro der peruanischen Partnerorganisation FILOMENA. Frau Sherly Echevarria und einer ihrer Kollegen haben schon auf uns gewartet. Sie begrüßen uns herzlich. Ein Taxi wartet schon. Zu viert steigen wir ein. Wir sind auf eine einstündige Fahrt vorbereitet.
Beim Kirchentag in Bremen fing alles an
Doch schon nach 5 Minuten läuft nichts mehr. Eine Militärparade blockiert den Verkehr. Es haben sich lange Autoschlangen gebildet. Die Zeit rinnt dahin., Gelegenheit, sich zu erinnern, wie alles angefangen hatte. Es war auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen 2009. Die Kindernothilfe hatte eingeladen, um ein Bildungs- und Umweltschutzprojekt zugunsten von Kindern und Jugendlichen in La Oroya in Peru vorzustellen, das schon seit Jahren von der Organisation Filomena Tomaira Pacsi durchgeführt wird. Dafür waren drei Jugendliche zusammen mit der Projektleiterin Esther Hinostroza aus Peru angereist. Sachlich und sehr engagiert beschrieben sie persönliche Gesundheitsschäden und die Schäden in ihrer Stadt, in der seit Jahrzehnten ein Blei- und Kupferhüttenwerk Menschen und Umwelt vergiftet hat, und berichteten von ihren Aktivitäten.
Betroffen von ihrer Schilderung waren wir zugleich überzeugt, dass ihr Einsatz für Umweltschutz und z.B. das Kinderrecht auf Gesundheit Stärkung brauchen. Einige Wochen später hat uns die Kindernothilfe dann auf unseren Wunsch ein Patenkind aus der „Obhut" der FILOMENA vermittelt, Kenyo Nilson. Wir kennen ihn nur aus dem sogenannten „Child Report" der Kindernothilfe, vor einem Jahr angefertigt. Nun sind wir auf dem Weg zu ihm, gewissermaßen emotionaler Höhepunkt und Schlusspunkt unserer sechswöchigen Peru- und Bolivienreise.
Ein Dorf auf 4.000 m Höhe
Schon eine volle Stunde ist vergangen. Die Autoschlange nimmt endlich wieder Fahrt auf. Wir verlassen die Stadt. Links von der Straße passieren wir Riesenabraumhalden aus der Erzproduktion. Nach knapp einer halben Stunde biegen wir rechts ab und überqueren den Rio Mantaro. Die einspurige Schotterstraße führt stetig bergan. Rechts und links steile Hänge, das Tal ist durchzogen von einem Bachlauf. Ab und zu ein kleiner Hof, hin und wieder schmale bis in den Steilhang angelegte, steinumgrenzte Ackerparzellen, mit Hand bearbeitet, vielleicht schon eingesät. Es wächst wenig Grün, die Regenzeit steht gerade bevor.
Nach einer weiteren halben Stunden erreichen wir das Dorf Huayhuay auf etwa 4.000 m Höhe. In der Mitte des Dorfes der einzige Neubau: ein Verwaltungsgebäude und daneben die neue Schule. Wieso ist FILOMENA hier tätig? frage ich mich und gebe mir selbst die Antwort. Bis hierher hat die Hütte in La Oroya Spuren der Umweltvergiftung hinterlassen, weil sich die Rückstände der Blei-, Zink- und Kupferproduktion ungefiltert jahrzehntelang über die gesamte Region ausbreiten konnten.

Foto: privat
Zwei Gringos zu Besuch
Wir verlassen das Auto. Nach 50 Metern stehen wir vor einer verwitterten Holztür, links und rechts nur Mauern. Schnell öffnet sich die Tür. Sie haben schon mehr als eine Stunde auf uns gewartet. Die Begrüßung ist herzlich, eher verhalten. Wir spüren alle: Das ist ein sehr emotionaler Moment. Dass die beiden Gringos gekommen sind, uns zu besuchen! Nun sind wir da.
Sie bitten uns in einen größeren Raum. Erst als wir Platz genommen haben, können wir die Menschen und die Umgebung wahrnehmen und die Begrüßungsworte verstehen. Da sitzen Vater und Mutter und der elfjährige Kenyo neben mir. Neben meiner Frau sitzen Kenyos Lehrer und die beiden Mitarbeiter von FILOMENA. Frau Echevarria kann die erste Sprachlosigkeit überwinden. Alle helfen uns, zu verstehen, was sie erzählen, und geben uns Zeit, auszudrücken, was wir sagen wollen. Wir merken, dass wir in einer solchen Situation mit unseren Spanischkenntnissen schnell an unsere Grenzen kommen. Kenyo erzählt uns zum Beispiel von seinen schulischen und außerschulischen Aktivitäten zum Umweltschutz.

Foto: privat
Forelle mit Pellkartoffeln
Erst als die erwachsene Schwester Kenyos den Tisch deckt und kleine Teller mit frischem Salat und Api, einem Maisgetränk, serviert, fällt uns auf, dass die Eltern Ravichagua Rivera schon längere Zeit den Raum verlassen haben. Sie haben ein Essen vorbereitet, ein Festessen, für uns, ihre Gäste: Forelle mit großer Pellkartoffel. Was für eine Gastfreundschaft! Damit hatten wir nicht gerechnet. Denn uns ist nicht erst seit unserem von der Organisation ADECAP vermittelten Besuch bei den Bauern im Dorf Acraquia, mehr als 100 Kilometer von Huayhuay entfernt, bekannt, dass die meisten Menschen im Hochland mit ihrer täglichen Ernährungssicherung sehr beschäftigt sind. Wovon lebt die Familie Ravichagua, wenn nur der Vater durch Gelegenheitsarbeiten im Straßenbau Geld verdient? - Wir sind beschämt., wenn wir an unser kleines Gastgeschenk für Kenyo denken: Luftballons, Kugelschreiber für ihn und seine Klasse und Buntstifte. - „Gibt es eine Toilette?" Nicht die Frage irritiert, aber die Antwort, die Arnhild erhält: „Nein."
Sechs Stunden Taxifahrt nach Lima
Nach gut einer Stunde ist Zeit, wieder zu fahren. Etwas traurig verabschieden wir uns herzlich. Frau Echevarria gibt mir Gelegenheit, die durch uns entstandenen Fahrtkosten zu erstatten. Unter dem Eindruck des gestrigen Besuchs in Pampas beschäftigen mich jetzt offene Fragen. Hat in dieser Familie an diesem Ort im Gebirge der Umweltschutz Vorrang vor der Entwicklung der bäuerlichen Strukturen, um Ernährung und Hygiene zu verbessern? Hatten wir doch in Acraquia gesehen, dass der angebotene Latrinenbau akzeptiert wird. Hat das Kinderrecht auf gesundes Wohnen den gleichen Stellenwert wie das auf Bildung? Ich habe bei unserem Besuch darauf keine Antwort bekommen, aber in Erfahrung gebracht, dass die Familie von FILOMENA auch strukturelle Unterstützung erfährt.
Am frühen Nachmittag kommen wir wieder in La Oroya an. Frau Esther Hinostroza empfängt uns freundlich zum Kaffee und vergewissert uns, wie wichtig es auch für sie ist, dass wir diesen Besuch unternommen haben. Es stärke ihre Arbeit. Sie verhilft uns später zusammen mit ihrer Kollegin, zum Busbahnhof zu kommen, und - weil an diesem Tag kein Bus mehr fährt - organisiert ganz persönlich ein Taxi, das uns sicher nach sechs Stunden aus dem Gebirge ins 130 Kilometer entfernte Lima bringt. Hier haben wir noch einen Tag , um unser Peruerlebnis abzuschließen. Wir merken, die Eindrücke dieses Tages und die Begegnungen mit den Menschen heute werden wir nicht hinter uns lassen. Unser Besuch hat auch für uns die Verbindungen verstärkt.
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