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"Es gibt zu lange zu viel Korruption"

Alinx Jean-BaptistezoomAlinx Jean-Baptiste. Foto: Burmann Angesichts steigender Lebensmittelpreise ist in Haiti mit weiteren Hungerrevolten zu rechnen. Alinx Jean-Baptiste, der haitianische Koordinator der Kindernothilfe, hat mit Ingrid Müller-Münch über die derzeitige Lage in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, gesprochen. Das Interview ist am 17. April in der Stuttgarter Zeitung erschienen.

Wie ist die Lage in Port-au-Prince, nachdem am Montag und Dienstag die Aufständischen Straßenbarrikaden errichtet hatten und den Präsidentenpalast stürmen wollten.
Die Geschäfte in der Hauptstadt haben wieder geöffnet, ebenso die Schulen. Die Menschen gehen zur Arbeit, sind auf den Straßen zu sehen. Derzeit haben wir etwa drei Stunden täglich Strom. Nachts ist es dunkel, da bleibt jeder zu Hause. Doch die Barrikaden sind abgebaut. Man kann wieder in die Stadt.

Wo kamen die Demonstranten her, und wie hatten sie sich zusammengefunden?
Sie kamen aus den Armenvierteln um Port-au-Prince. Dort gibt es kein fließendes Wasser, keinen Stromanschluss, keine Straßen, keine Müllabfuhr. Dort leben die Ärmsten der Armen zu Hunderttausenden, meist von höchstens einem Dollar pro Tag, in einfachsten Behausungen. Ein paar von ihnen sind einfach losgezogen, andere haben sich angeschlossen. Es wurden immer mehr, die riefen: "Wir haben Hunger."

Wodurch sind die Lebensmittelpreise in Haiti so gestiegen? Was hat ausgerechnet jetzt die Krise ausgelöst?
Dadurch dass in Haiti sehr viel Nahrungsmittel aus den USA und der Dominikanischen Republik importiert werden, wurde die lokale Landwirtschaft immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Die Bauern konnten mit den niedrigen Preisen der Billigeinfuhren nicht mithalten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben korrupte Regierungen den Markt für derlei Importe geöffnet, ohne einzugreifen. Reis kam zum ersten Mal vor 20 Jahren aus den USA. Er war billiger als der Reis, der von hiesigen Bauern angebaut wurde. Bei Hühnern ist das Gleiche passiert. Hühner werden auf dem Land freilaufend aufgezogen. Doch seit 1986 wurden Hühner aus USA eingeführt, zu einem Preis, den die hiesigen Bauern nicht unterbieten konnten. Somit war auch die Hühneraufzucht in Haiti kein Erwerbszweig mehr. In allen Bereichen der Landwirtschaft ist man inzwischen auf Importe angewiesen, so dass ein international ansteigender Preis für derlei Produkte sich sofort in Haiti auswirkt. Die Leute bekommen das sofort zu spüren.

Wer hatte ein Interesse, diese Billigprodukte wie Hühner oder Reis nach Haiti einzuführen?
Geschäftemacher, die derlei Produkte importieren. Viele haben verdient. Es gibt hier zu lange zu viel Korruption. Ein 50-Kilo-Sack Reis kostete zuletzt 51 Dollar, vor zwei Jahren war es nur die Hälfte.

Warum hat die Regierung da nicht eingegriffen?
Zwanzig Jahre hat sich niemand darum gekümmert. Wir hatten korrupte Regierungen, es gab keinerlei Stabilität im Land. Niemand hat versucht, den Trend zu stoppen und die lokale Landwirtschaft zu stärken.

Gibt es denn überhaupt noch Bauern in Haiti?
Ja, etwa 60 Prozent der acht Millionen Haitianer leben auf dem Land. Sie versuchen, auf einer kleinen Fläche so viel anzubauen, dass sie zumindest ihre Familien ernähren können. Was übrig bleibt, wird dann auf den lokalen Märkten angeboten.

Warum bieten die Kleinbauern ihre Produkte nicht in Port-au-Prince an?
Es gibt keine vernünftigen Straßen. Viele Mangos beispielsweise verfaulen, weil sie nicht vom Bauern in die Hauptstadt transportiert werden können.

Welche Rolle spielt die Bodenerosion?
Wenn sie sehen, wie in Haiti die meisten der Armen mit Holzkohle ihre kleinen Feuerstellen anheizen, dann verstehen sie, warum nur noch zwei bis drei Prozent der gesamten Landesfläche mit Bäumen bewachsen ist. Der Rest ist karges karstiges Land. Um den Hunger zu betäuben, essen Leute oft so eine Art Lehmkuchen. Was verboten ist, da es sehr ungesund ist. Diese Lehmkuchen bestehen aus Erde, die aus einem Zentralplateau Haitis kommt, gemischt mit Butter. Daraus wird eine Art Kuchen gebacken. Da ein Stück nur etwa einen Cent kostet, dient der vielen Armen als Nahrung.

Herrscht in Port-au-Prince eine Ruhe vor dem Sturm?
Es hängt davon ab, wer der neue Premierminister wird, ob das jemand ist, der eingreift und ein Ohr für die Probleme der Menschen hat. Die Unruhe könnte wieder aufflackern, wenn die Preise weiter steigen, die Regierung keine Anstrengungen macht, um die Landwirtschaft neu zu beleben. Wenn die Regierung endlich mal eine gute Sozialpolitik machen würde, könnte sich die Lage wieder stabilisieren. Grundnahrungsmittel müssen dringend so lange subventioniert werden, bis der Anbau in Haiti wieder funktioniert. Die Importe von Billigwaren aus dem Ausland müssten dann gestoppt werden. Doch wenn hier zu lange gezögert wird, wenn die Wahl einer neuen Regierung nicht schnell vonstatten geht, könnte sich der Zorn der Menschen erneut durch Demonstrationen und Verwüstungen Luft schaffen.

©2008 Stuttgarter Zeitung


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