Burundi: Jahrzehnte des Bürgerkriegs haben das kleine Land in Ostafrika zerrüttet. Viele Menschen flohen vor den Unruhen zwischen Hutu und Tutsi. Kinder mussten als Soldaten kämpfen. Die Kindernothilfe arbeitet seit 2007 in Burundi. Ihre Partner unterstützen Flüchtlingskinder, Kindersoldaten und Straßenkinder. Außerdem entsteht ein landesweites Netz von Selbsthilfe-Gruppen. Es verbindet auch jene, die sich zuvor unversöhnlich gegenüberstanden (Proj. 68101/AA/13).

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„Eines Tages kam ich vom Viehhüten zurück. Von unserer Hütte war nur noch Asche übrig. Unsere Nachbarn hatten das Haus niedergebrannt, meine Eltern getötet." - „Mein Bruder und ich liefen am Fluss entlang. Plötzlich entdeckten wir im Wasser etwas, das wie ein Mensch aussah. Es war eine Leiche. Jemand hatte den Mann ermordet und in den Fluss geworfen. Ich werde das Bild nie vergessen." - Zwei Jungen aus Burundi erzählen. Ihre Geschichten stehen für tausende solcher Erlebnisse. Seit 1994 tobte in Burundi ein Bürgerkrieg. Wie im benachbarten Ruanda bekämpften sich die Volksgruppe der Tutsi und der Hutu. 300 000 Opfer forderte der Bürgerkrieg, mehr als eine Million Menschen flohen.
In den Flüchtlingscamps herrschen unvorstellbare Zustände
Noch heute, nachdem ein Waffenstillstand in Kraft getreten ist, leben rund 330 000 Burundier in Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten. Wer von dort zurückkehrt, findet selten einen Platz, um sich niederzulassen. Etwa 120 000 Menschen müssen in notdürftig ausgestatten Lagern hausen. „Ich habe so ein Camp gesehen - es herrschten unvorstellbare Zustände", be- richtet Ute Luhr, Referentin bei der Kindernothilfe.
Zwei Drittel der Menschen sind unterernährt
Burundi ist eines der ärmsten Länder der Welt. Experten des Welternährungsprogramms WFP schätzen, dass 1,2 Millionen von rund 7,2 Millionen Einwohnern Lebensmittelhilfe aus dem Ausland benötigen, zwei Drittel der Bevölkerung sind laut UN-Zahlen unterernährt. Hinzu kommt, dass tausende von Kindern Schreckliches erlebt haben, seelische Wunden mit sich herumtragen. Sexueller Missbrauch ist ein großes Problem. 2006 schlossen Rebellen und Regierung ein Friedensabkommen.

Foto: Ute Luhr/KNH
Hilfe für traumatisierte Kinder
„Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, haben wir begonnen, nach Partnerorganisationen zu suchen", erzählt Ute Luhr. Rasche Hilfe für traumatisierte Kinder und Jugendliche bildet einen Schwerpunkt der Arbeit, außerdem fördert die Kindernothilfe den Aufbau von Selbsthilfe-Gruppen - das Erfolgsmodell aus Ruanda verbessert die Lebenssituation für Kinder und Familien. Mit dem Partner THARS (Trauma Healing and Reconciliation Services) unterstützt die Kindernothilfe Mädchen und Jungen, die als Kindersoldaten missbraucht wurden, die auf der Flucht Schreckliches erlebten oder jene, die alleine auf der Straße leben. Der THARS-Gründer David Niyonzima ist Spezialist für Traumabehandlung und hat in den USA studiert. Drei Psychologen von THARS bildeten im vergangenen Jahr 34 Lehrer und Sozialarbeiter zu Krisenhelfern aus. Diese betreuten 450 Jugendliche, vor allem Flüchtlinge, Kindersoldaten und Vergewaltigungsopfer.
Einzel- und Gruppentherapie
Hutu- oder Tutsi-Kinder lernten hier, Angehörigen der anderen Volksgruppe zu trauen. In psychosozialen Einzel- und Gruppentherapien bekamen jene Unterstützung, die alleine nicht mit den Bildern und Erlebnissen zurecht kamen. Spielen, Malen, Musikmachen - solche gemeinsamen Aktivitäten bieten Fluchtpunkte aus dem Alltag. Den Kindern hilft es zu erfahren, das sie nicht die Einzigen mit einem schlimmen Schicksal sind. „Ich dachte, ich sei die Einzige, der solches Unglück geschehen ist. Hier habe ich Freunde gefunden, denen es ähnlich geht wie mir", sagte eine 14-Jährige. 40 Prozent der Kinder und Jugendliche bei THARS litten unter regelmäßigen Kopfschmerzen, rund die Hälfte zeigte aggressives Verhalten - Hinweise darauf, was ihre Seelen aushalten müssen. Besonders schwer traumatisierter Mädchen und Jungen nehmen sich die drei Psychologen von THARS an. Die Kindernothilfe plant, in den kommenden fünf Jahren die Traumaarbeit mit je 200 Kindern und Jugendlichen mit Projektpatenschaften zu unterstützen.

Frauen in einer Selbsthilfe-Gruppe. Foto: Karl Pfahler/ Kindernothilfe
Erfolgsmodell Selbsthilfe-Gruppen
Neben dieser raschen Hilfe für besonders gefährdete Kinder setzt die Kindernothilfe auf Selbsthilfe-Gruppen. Sie sollen mittelfristig die Ärmsten der Armen stärken und ein besseres Lebensumfeld für ihre Kinder schaffen. Der Ansatz hat sich in von Konflikten zerrissen Gesellschaften bewährt. In Burundis Nachbarland Ruanda haben die Gruppen dazu beigetragen, dass Hutu und Tutsi in den Dörfern wieder miteinander reden. Rund 90 Prozent der Selbsthilfegruppen-Mitglieder in Ruanda sind in der nationalen Krankenversicherung - dank der Frauen, die sich dafür bei den Behörden ein- setzen. Damit steht das öffentliche Gesundheitssystem den Kindern der Ärmsten offen. Eine Untersuchung der Projektergebnisse im Jahr 2005 belegt, dass Mädchen und Jungen im Mittelpunkt der Fortschritte stehen. Sie profitieren, weil sich Ernährung, Gesundheitsversorgung, Familiensituation und Zugang zur Schulbildung verbessern.
Aufbau der Gruppen hat begonnen
In Burundi beginnt der Aufbau der Selbsthilfe-Gruppen mit 13 lokalen Organisationen. Ein indischer Experte und ein Mitarbeiter der Organisation AEE (African Evangelistic Enterprise) aus Ruanda schulten Personal in Burundi, reisten durchs Land und begutachteten, wie Gruppen unter Anleitung der Partnerorganisationen entstanden. Zunächst sprechen Projektmitarbeiter in einem Dorf mit den Bewohner. Was sind die Probleme? Wer sind die Benachteiligten und wer benötigt Unterstützung? Wichtig ist, dass die Dorfvorsteher die Pläne unterstützen. Dann werden vor allem Frauen dazu ermuntert, sich zu Gruppen mit 15 bis 20 Mitgliedern zusammenzuschließen.
Mit einfachen Mitteln erklären Mitarbeiter Grundzüge der Buchhaltung. Foto: Karl Pfahler
Ziel: Mütter stärken, um das Leben der Kinder zu verbessern
Die Mitarbeiter der Partnerorganisationen begleiten die Gruppen intensiv. Bei den Treffen geht es darum, Probleme zu benennen und gemeinsam Lösungen zu suchen. Es gibt Schulungsangebote, etwa zu Hygiene, Ernährung, nachhaltiger Landwirtschaft. Frauen in Burundi bekommen zum Beispiel Rat beim Anbau von Gemüse. Weil sie oft nur kleine Gärten besitzen, nutzen sie mit Erde gefüllte Säcke. Diese werden rundherum durchlöchert, bepflanzt und steigern so den Ertrag. Auch einfache Bewässerungsmethoden vermitteln die Berater den Frauen, die mehr ernten und so ihre Kinder besser und gesünder ernähren.
"Vielversprechende Ansätze"
Die Gruppen sparen gemeinsam kleine Beträge und vergeben reihum Kredite. So können sie Notsituationen überbrücken oder sich ein kleines Geschäft aufbauen, eine Ziege oder Saatgut kaufen. „Die erste Phase läuft sehr vielversprechend. Unsere Partner berichten, wie engagiert die Menschen mitarbeiten", so Ute Luhr. Dabei seien auch lokale Organisationen mittlerweile desillusioniert von ausländischer Lebensmittelhilfe, die zwar die Not lindere, aber dauerhaft die Lage nicht ver-bessert. Es genügt nicht, Saatgut zu verteilen oder Schulen zu bauen. Menschen, die auf der Flucht waren, keinen geregelten Alltag mehr kennen, müssen erst wieder erleben, dass sie selbst etwas für sich und ihre Kinder verändern können.

Kind aus Burundi, Foto: Luhr
Die ersten Erfolge
In den Selbsthilfe-Gruppen gibt es erste sichtbare Erfolge. „Eine Gruppe hat ein Alphabetisierungs-Programm für Erwachsene angestoßen und dazu Tafeln vom Dorfvorsteher bekommen. Im Dorf Bubanza sprachen die Frauen mit einem Ehemann, der seine Frau regelmäßig geschlagen hatte. Unter dem sozialen Druck versprach der Mann, sich zu bessern. So etwas kann funktionieren, das hat sich in Ruanda gezeigt. Wenn solche Dinge offen angesprochen werden, bessert sich die Situation der Frauen und Kinder.
"Das ist es, was dieses Land braucht"
In der nächsten Phase sollen sich in Burundi weitere Gruppen gründen und vernetzen. Je mehr Gruppen es gibt, desto größer wird auch der Einfluss. Die Kindernothilfe fördert die Arbeit mit Projektpatenschaften. „Gemeinsam bewegen die Menschen viel mehr, können ihre Rechte gegenüber Dorfältesten und Behörden einfordern.", erklärt Ute Luhr. „Ich habe schon häufig miterlebt, wie die Arbeit mit Selbsthilfe-Gruppen in anderen Ländern angelaufen ist. Doch noch nie hatte ich so stark wie in Burundi das Gefühl: Das ist es, was dieses Land braucht."
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