Das somalische Nomadenmädchen Fatima hat auf der Flucht vor der Dürre fast alles verloren. Das Leben ist der 13-Jährigen geblieben - doch es ist nicht mehr, was es war. Die Kindernothilfe engagiert sich in Mogadischu, damit Fatima und viele weitere Kinder sicher vor Gewalt und Hunger sind und neue Perspektiven bekommen.
„,Ist da jemand? Hilfe!', schreie ich und wache dann auf." Fatima erzählt von ihren Träumen, die sie seit Wochen nicht los wird. Ihr Gesicht verzerrt sich, der schwarze Schleier rutscht zurück, ein paar Haarstränen kommen zum Vorschein. „Ich sehe Viehkadaver. Ich sehe tote Männer. Ich bekomme die Bilder einfach nicht mehr aus dem Kopf."

"Ich bekomme die Bilder nicht mehr aus dem Kopf", sagt Fatima. Fotos: Augustin
Fatima ist 13 und ein Nomadenmädchen aus der Weite Somalias. Als die Dürre unerträglich wurde, machte sie sich mit ihrer siebenköpfigen Familie in Richtung Hauptstadt auf. Geblieben ist Fatima seitdem nur noch die Mutter und eine ältere Schwester. Mit ihnen lebt sie nun in einem Flüchtlingscamp in Mogadischu. Dort regiert derzeit einzig das Gesetz des Stärkeren. Die radikalislamische Shabaab-Miliz zog sich zwar Anfang August zurück, doch jetzt teilen verfeindete Banden und bis an die Zähne bewaffnete Milizen die Stadt unter sich auf. Die somalische Übergangsregierung ist kaum handlungsfähig und die Truppen der afrikanischen Union verschanzen sich im ehemaligen Hauptquartier von Al-Shabaab und bewegen sich nur in schwer gepanzerten Fahrzeugen durch die zerschossene Stadt.
Fatimas Vater kehrte nie zurück
Fatima interessiert die politische Situation nicht. Sie erzählt von ihrem früheren Leben als Nomadenmädchen. „Den ganzen Tag habe ich draußen verbracht und aus Stöckchen und Stoffresten kleine Hütten für meine Lehmpuppen gebastelt." Fatimas Familie ging es gut vor der Dürre: „Doch dort draußen auf dem Feld ist jede Familie auf sich alleine gestellt. Wenn dir etwas passiert, kann dir keiner helfen. Wenn jemand stirbt, lebt die nächste Familie weit entfernt. Keiner außer deiner Familie kann dir helfen."

„Er verließ uns, als die Probleme mit der Dürre anfingen, und kam nicht wieder." Fatima spricht von ihrem Vater und bringt die Worte emotionslos über die Lippen. „Die Tiere starben, unsere kompletten Herden verendeten", sagt sie. „Wir hatten nur noch vier Kamele, als eines Nachts böse Männer auftauchten und zwei davon einforderten." Die Hälfte ihres übriggebliebenen Besitzes abgeben zu müssen, stürzt die Familie in den Ruin. Fatima: „Wir haben alles verloren. Es gab kein Leben mehr, wir mussten gehen." Schweren Herzens verkauft Fatimas Mutter Asha auch die letzten zwei Kamele und schließt sich anderen Flücht-lingsfamilien an, auf der Suche nach einem neuen Leben.
Tagelang musste Asha mit ihren fünf Kindern durch das dürre Land ziehen. „Meine Mutter erlaubte uns auf dem langen Marsch immer nur einen kleinen Schluck Wasser", erzählt Fatima. „Und der Hunger war so groß", sagt sie und macht das grummelnde Geräusch nach. Doch wenn das letzte Wasser getrunken und das letzte Brot gegessen wurde, gibt es nichts mehr zu rationieren. „Sie glauben nicht, wie hart es für mich war", so Asha: „meinen Kindern in die Augen zu sehen und ihnen nicht wenigstens einen Bissen in den Mund schieben zu können." Nach einigen Tagen verliert ihr jüngster Sohn die Kraft zu laufen, und auch sie kann ihn nicht mehr tragen - er stirbt vor Hunger in ihrem Schoß.

Das Schicksal von Mutter und Töchtern scheint besiegelt
Viel Zeit zur Trauer bleibt nicht, die Familie kann den Jungen nur notdürftig begraben und muss dann weiter. „Auch die weiteren Familien verloren viele ihrer Angehörigen", ergänzt Fatima. Ihre beiden anderen Brüder versuchen sich dann alleine durchzuschlagen, denn das Schicksal ihrer Mutter und Schwester scheint besiegelt und Mogadischu noch weit entfernt. „Ich hatte große Angst vor Löwen, Hyänen und all den anderen wilden Tieren, besonders in der Nacht", erinnert sich Fatima.
Ein vorbeifahrender Lkw wurde dann zur Rettung. Von dem Geld, das Asha für die beiden Kamele bekommen hat, bezahlt sie für sich und ihre beiden Töchter die Weiterfahrt nach Mogadischu. Dort angekommen, sind sie sofort mit dem Bürgerkrieg konfrontiert, der zwischen den zerstörten Straßenzügen tobt. „Ich verstand nicht, was sich da abspielt auf dem Bakara-Markt, wo wir Unterschlupf suchten. Es wurde ständig gekämpft und wir konnten wegen der vielen Schüsse nicht einschlafen. Ich hatte große Angst. Ich habe mit ansehen müssen, wie Männer getötet wurden."

Bei aller Anarchie in Mogadischu sind internationale Nichtregierungsorganisationen dabei, Struktur in die informellen Flüchtlingslager zu bringen. Die Kindernothilfe etwa unterstützt vier Kinderzentren ihrer dortigen Partnerorganisation. Dort bekommen die Kinder aus den Lagern unter anderem Schutz, Nahrung und Schulunterricht. Auch Fatima ist mit ihrer Mutter und Schwester in einem Lager gelandet, wo sie sich eine Hütte aus Stöcken, Plastiktüten und Lumpen gebaut haben. Ins Kinderzentrum geht die 13-Jährige jeden Tag.
„Früher sang ich jeden Tag. Es ist, als hätte ich es verlernt"
Dort bekommt Fatima auch Unterstützung im Kampf gegen ihre posttraumatische Belastungsstörung. „Als kleines Mädchen hat mir meine Mutter das Singen beigebracht, und ich sang jeden Tag. Doch als ich in Mogadischu ankam, konnte ich es einfach nicht mehr. Es ist, als hätte ich es verlernt", so Fatima. „Immer noch weine ich fast jede Nacht."

Fatima steht in einer langen Reihe von Mädchen, die Jungs getrennt daneben. Einige Kinder kichern, aber keiner versucht zu drängeln, denn die Töpfe am Anfang der Menschenschlange sind gefüllt mit Reis, und die Frauen der Suppenküche füllen großzügig die Schüsseln der Ankömmlinge. Auch Fatima wartet gespannt, bis sie an der Reihe ist. „Anfangs waren wir auf vereinzelte Essensverteilungen angewiesen, doch seit es das Kinderzentrum gibt, bringe ich fast jeden Tag von der Schule einen großen Teller nach Hause und teile ihn mit meiner Familie."
Jetzt hat Fatima wieder schöne Tagträume - wegen des regelmäßigen Schulunterrichts
Der Unterricht und der Kontakt mit so vielen anderen Kindern ist für Fatima etwas Neues. Mit rund 50 anderen Mädchen und Jungen sitzt sie auf den Schulbänken des Kinderzentrums. Aufmerksam folgt Fatima den Zeichen, die ihr Lehrer mit Kreide an die schwarze Tafel schreibt, dann macht sie es ihm nach, und langsam, aber immer sicherer findet sich das somalische Alphabet in ihrem Heft wieder. „Auf dem Land gibt es keine Schule, aber seitdem ich hier bin, habe ich schon viel gelernt." Während sie nachts noch von Alpträumen verfolgt wird, hat sie dank des regelmäßigen Schulunterrichts aber wieder schöne Tagträume: „Ich liebe die Schule und den Unterricht. Eines Tages möchte ich die Universität besuchen, und mein Traum ist es, Entwicklungshelferin zu werden."

Draußen vor dem Klassenzimmer bricht plötzlich lauter Jubel aus, und einige Jungs schlagen vor Freude Purzelbäume: Auf dem Fußballfeld wurde gerade ein Tor geschossen. Derweil spielen Mädchen im Schatten mit selbstgemachten Puppen. Fatima erinnert sich an das Leben auf dem Land und ihre weit entfernte Heimat: „Früher habe ich immer allein gespielt, hier kann ich sogar mit den anderen Mädchen spielen."
„Kinder brauchen eine Schule nicht nur, um lesen und schreiben zu lernen", erklärt Dietmar Roller, der die Projekte der Kindernothilfe vor Ort begutachtet. „Sie brauchen sie auch als einen geschützten Ort, an dem sie wieder lernen können, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen."
Dieser Weg ist noch weit für Fatima. Roller: „Wir werden sie aber auf diesem Weg begleiten."
Von Lukas Augustin, freier Autor