Dürre am Horn von Afrika

"Jede Art von Kinderrechtsverletzung
finden Sie gebündelt in Somalia"

Schon vor der Dürre hatten Mädchen und Jungen in Somalia ein extrem schwieriges Leben. Da es kaum statistische Daten zu den Menschen im Land gibt, ist ein genauer Überblick zur Lage der Kinder nicht möglich. Einen kleinen Einblick gibt Douglas Mwiti, der mit der der dortigen Kindernothilfe-Partnerorganisation seit 20 Jahren in Somalia aktiv ist.

Douglas MwitizoomDouglas Mwiti. Foto: Krämer Wie muss man sich eine Kindheit in Somalia vorstellen, Herr Mwiti?
In den allermeisten Fällen: alles andere als schön. Jede erdenkliche Art von Kinderrechtsverletzung, die es auf der Welt gibt, finden Sie gebündelt in Somalia.

Wovon sind Mädchen und Jungen besonders bedroht?
Etliche Kinder müssen bereits ab vier Jahren arbeiten. Erst im eigenen Haushalt oder als Bettler auf der Straße. Später auf dem Feld, auf dem Markt und überall, wo sonst noch billige Arbeitskräfte benötigt werden. Über 95 Prozent der Mädchen sind auf grausame Weise beschnitten, viele werden schon mit 13 oder 14 Jahren verheiratet. Auch viele weitere Arten von Ausbeutung sind an der Tagesordnung: Jungen werden als Kämpfer rekrutiert, Mädchen verschleppt. Diese Liste lässt sich leider endlos fortsetzen. Und die Dürre hat natürlich viele Probleme verschärft. Besonders die, die mit Nahrung und Wasser zu tun haben wie etwa Mangelernährung, Krankheiten und Kindersterblichkeit.

Gibt es überhaupt so etwas wie eine Chance auf Bildung in Somalia?
Für die Wenigsten. Nur rund 30 Prozent der Jungen gehen zur Schule, bei den Mädchen sind es noch viel weniger. Das liegt zum einen daran, dass weniger als die Hälfte der somalischen Gemeinden überhaupt eine Schule besitzen. Der Unterricht dort ist denkbar schlecht, da die Lehrer nicht ausgebildet sind, nicht regelmäßig kommen und Unterrichtsmaterial sehr rar ist. Des Weiteren ist die geringe Bildungsrate dadurch zu erklären, dass viele Kinder arbeiten müssen oder mit ihren Familien als Nomaden durchs Land ziehen. Die Kinder dürsten aber nach Unterricht: Wo es eine Schule gibt, ist sie überfüllt.

Somalia ist neben den USA das einzige Land, das die UN-Kinderrechtskonvention nicht unterzeichnet hat. Weshalb?
Anfang der Neunzigerjahre, als die meisten Länder die Konvention unterschrieben, begann gerade der blutige Bürgerkrieg, der bis heute anhält. Damals gab es einfach keine Regierung, die hätte signieren können. Und bis heute gibt es leider kaum jemanden in Somalia, der sich für die Rechte der Kinder interessiert.

Herr Mwiti, Sie arbeiten mit Ihrer Organisation daran, Kinderrechte in mehreren afrikanischen Ländern zu verwirklichen. Haben Sie die Hoffnung, das irgendwann in Somalia zu schaffen?
Wirkliche Entwicklungsarbeit in diese Richtung ist dort bis heute kaum möglich. Das meiste, was wir seit 20 Jahren dort tun, ist Dauernothilfe. Die Kinderzentren, die wir mit der Kindernothilfe betreiben, sind aber ein wichtiger Schritt. Und es gibt weitere Hoffnung: In den autonomen Teilstaaten Somaliland und Puntland, in denen sich langsam festere Strukturen etablieren, sehen wir, dass Entwicklung möglich ist - auch in Sachen Kinderrechte.


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