Kindernothilfe e. V.

Interview mit Esther Mujawayo

„Das Beste kommt noch"

Esther Mujawayo, Überlebende des Genozids in RuandazoomEsther Mujawayo. Foto: Dietmar Boos

Esther Mujawayo (51) ist Lehrerin, Soziologin, Trauma-Therapeutin und Autorin aus Ruanda. Während des Genozids wurden ihr Mann und fast 300 ihrer Familienangehörigen ermordet. Sie selbst überlebte mit ihren drei kleinen Töchtern. Nach dem Genozid gründete sie mit anderen Witwen die Organisation AVEGA. Esther Mujawayo lebt heute mit ihren Töchtern und ihrem deutschen Ehemann am Niederrhein. Seit 2001 arbeitet sie im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf. 2008 erhielt sie den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Kindernothilfe-Redakteurin Gunhild Aiyub sprach mit ihr über Ruanda 15 Jahre nach dem Genozid.

 

Frau Mujawayo, wenn Sie heute an die schrecklichen Ereignisse von 1999 zurückdenken - welche Gefühle überwiegen da?
Wenn ich meine Kinder sehe, denke ich, ich habe viel Glück gehabt. Meine Kinder haben alle überlebt. Viele meiner Freunde haben ihre Kinder verloren. Ich habe keine Machetenhiebe abbekommen. Ich bin nie verletzt worden. Ich versuche, das Positive zu sehen.
Aber natürlich bin ich auch so wütend, weil ich denke, das Schlimmste an dem Völkermord in Ruanda ist: Es war möglich, ihn zu verhindern! Es war möglich, ihn zu stoppen. Es gab nur keinen politischen Willen, das zu tun. Es waren nicht genug Menschen aus der westlichen Welt bereit, es wenigstens zu versuchen. Dabei waren sie da - zum Beispiel die UN-Truppen, mehr als 2.500 Blauhelme waren da. Nachdem einige Soldaten ermordet worden waren, haben die UN die Truppen zurückgezogen.

Buch

Schon sehr früh hat man gesehen, dass die Situation in Ruanda eskalieren wird. Der kanadische General Romeo Dallaire, der 1993 zum Befehlshaber der UN-Truppen in Ruanda ernannt wurde, hat später ein Buch darüber geschrieben: „Shake hands with the devil". Er sagte: „Ich habe die Vorbereitungen für den Genozid gesehen. Ich habe Faxe an den Vereinten Nationen nach New York geschickt, ich habe dort angerufen und gesagt: Ein Genozid kommt. Helft mir, gebt mir ein anderes Mandat, denn mein jetziges Mandat ist sinnlos." Die UN-Truppen dürfen nicht schießen. Selbst dann nicht, wenn sie sehen, wie Leute massakriert werden.
Es gibt genug Beweise dafür, dass viele wussten, was passieren würde. Viele Nationen waren in Ruanda vertreten - Deutsche, Belgier, Amerikaner, Engländer - sie wussten Bescheid, denn sie hatten Botschaften im Land. Aber sie haben ein zynisches Spiel gespielt: Sie nannten es nicht Genozid, denn dann wären sie gezwungen gewesen zu intervenieren. Für sie war es viel besser zu sagen: „Die Afrikaner bringen sich gegenseitig um, sie sind Wilde. Wir können das nicht verstehen, aber das ist normal bei diesen Leuten."
Es macht mich verrückt zu wissen, dass es möglich war, das Morden zu verhindern. Aber offenbar haben alle gedacht, wir sind nicht wertvoll genug. Aber ein Mensch ist ein Mensch, oder? Ich bin zynisch geworden: Ein Mensch ist offenbar nicht ein Mensch - es hängt von seinem Pass ab, es hängt davon ab, welches Land hinter ihm steht.
Die Deutschen, die Belgier, alle Ausländer wurden evakuiert - mit ihren Katzen und Hunden! Das macht einen zynisch! Zu wissen, dass Hunde und Katzen mehr wert sind als meine Tochter!

PIC_52295_1280x853_1280x853_0x0zoomViele Jugendliche, die während des Genozids grausam verletzt wurden, tragen Narben am Körper. Foto: Ralf Krämer

Also überwiegt die Wut?
Ja, ich bin wütend, aber auf der anderen Seite versuche ich positiv zu denken. Wenn du dein ganzes Vertrauen in die Menschen verlierst, bist du verloren. Gott sei Dank haben wir während des Genozids aber auch Ausländer getroffen, die mutig waren - ich erinnere mich zum Beispiel an eine Nonne, die Menschen über die Grenze in den Kongo gerettet hat. Am Ende wurde auch sie getötet.
Die Frage, die ich heute überall stelle, lautet: „Wo wart ihr damals? Wo waren zum Beispiel die Kirchen?" Überall, wo ich eingeladen werde, Vorträge über Ruanda zu halten, nutze ich die Gelegenheit zu fragen: „Und wo seid ihr heute? Ihr denkt, der Genozid sei vorbei. Aber für viele Ruander geht er immer noch weiter - für die Waisenkinder, für die Frauen, die vergewaltigt wurden, für die, die verletzt wurden."
Meine Organisation AVEGA versucht zum Beispiel gerade, Geld für die Operation eines Mädchen zu sammeln. Sie wurde während des Genozids grausam misshandelt und anschließend in eine Toilette geworfen. Man kann nicht glauben, dass sie überlebt hat. Und sie leidet bis heute körperlich und psychisch darunter. Manchmal fragt sie: „Warum bin ich nicht mit meinen Eltern gestorben?"
Und deshalb frage ich immer wieder: „Wo seid ihr heute, 15 Jahre später?"
Ein belgisches Krankenhaus hat uns 18.000 Euro gespendet, um den Überlebenden zu helfen. Aber was ist mit den Krankenhäusern hier in Deutschland? Sie operieren Frauen ihre Falten weg, aber was tun sie für die misshandelten Menschen in Ruanda?
Was ist mit den Kindern in Ruanda? Sie haben alles und jeden verloren. Lasst uns wenigstens ihnen helfen, ihnen etwas Vertrauen in die Menschen zurückgeben. Lasst uns sagen: Tut mir Leid, wir waren 1994 nicht da, aber jetzt sind wir hier! Jetzt möchten wir bei euch sein. Eure Verletzungen sollen heilen, ihr sollt zur Schule gehen können. Und ehrlich, ein solches Verhalten bewirkt Wunder!

Haben sich die Nationen, die Ruanda im Stich gelassen haben, später entschuldigt?
Die Belgier haben sich entschuldigt. Die Amerikaner auch, Clinton hat sich entschuldigt. Die Franzosen sagen, sie werden sich niemals entschuldigen, denn sie hätten nichts falsch gemacht. Aber sie waren in Ruanda, sie haben die Soldaten, die Milizen ausgebildet. Sie hatten also ihre Hände im Spiel.

PIC_52303_1110x853_1110x853_11x0zoomViele Kinder leiden darunter, dass niemand sie in den Arm nimmt und für sie da ist. Foto: Ralf Krämer Ist es für Kinder leichter zu vergessen als für Erwachsene?
Nein, ganz und gar nicht. Meine Theorie ist: Wenn wir ihnen helfen, ein normales Alltagsleben zu führen, können sie leichter damit fertig werden. Wenn sie nichts zu essen haben, denken sie: Wenn meine Eltern hier wären, müsste ich nicht hungern. Wenn sie obdachlos sind, denken sie: Wenn meine Eltern hier wären, hätte ich ein Zuhause. Falls sie nicht die Schule oder Universität besuchen können, denken sie: Wenn meine Eltern da wären, wäre alles anders. Vielleicht wäre ihre Situation gar nicht besser, wenn ihre Eltern überlebt hätten, aber sie glauben es. Deshalb müssen wir helfen, ihre Not zu lindern, damit ihnen nicht mehr diese Gedanken kommen.
Der emotionale Aspekt ist auch sehr wichtig. Die Kinder brauchen jemanden, der sie in den Arm nimmt. Der sich für sie interessiert. Wenn Kinder Waisen sind und kein Geld für die Schule haben, zahlt die Regierung die Gebühren bis zur Sekundarschule. Viele Kinder hatten schlechte Noten in der Schule. Und wir fanden auch den Grund dafür heraus: Es war niemand da, der sich für ihre Zeugnisse interessiert hätte. Also warum sollten sie sich anstrengen?
Jetzt bilden Kinder und Jugendlichen in den Schulen Familien - die einen sind Väter, Mütter, Tanten oder Onkel, und sie kümmern sich um die Jüngeren. Sie passen auf, ob sie gut mitarbeiten. Sie nehmen sie in den Arm, geben ihnen Liebe, interessieren sich für sie. Und das hilft wirklich viel!

PIC_14399_1102x835_1102x835_27x18zoomManche Mädchen und Jungen finden es nicht fair, dass sie nicht zur Schule gehen können, weil die Regierung sie nicht unterstützt. Foto: Dr. Karl Pfahler Tut die ruandische Regierung genug für Kinder und Jugendliche?
Wir haben Glück, dass sie fünf Prozent des Haushaltes für die Überlebenden ausgibt. Wir bitten um mehr, aber sie sagen: Ihr seid nicht die Einzigen, die Hilfe brauchen.
Das Land war schon vorher arm, nach dem Genozid wurde es noch ärmer. Das ganze Land war zerstört worden, alle Gebäude mussten wiederaufgebaut werden. Flüchtlinge kehrten aus Tansania und dem Kongo zurück. Sie mussten wieder angesiedelt werden und ein neues Leben beginnen können.

Und diese 5 Prozent Staatshilfe, die den Opfern zugute kommen, verursachen Probleme in der Gesellschaft. Leute beschweren sich, dass die Opfer bevorzugt werden. Ich kann sie verstehen. Wenn du als Kind nicht zur Schule gehen kannst, weil deine Eltern arm sind - und das andere Kind kann zur Schule gehen, weil seine Eltern umgebracht wurden. Dann denkst du: Das ist nicht fair. Aber auf der anderen Seite wünscht man natürlich keinem, seine Eltern zu verlieren, damit man selbst die staatliche Hilfe bekommst. Der einzige Weg, Ruanda auf einen guten Weg zu bringen, liegt in der Beseitigung der Armut.

Esther Mujawayo, Überlebende des Genozids in RuandazoomFoto: Dietmar Boos

Leben Hutu und Tutsi heute in denselben Dörfern oder sind sie getrennt?
Nein, wir leben zusammen wie vorher. Es gibt keine Möglichkeit, die Menschen zu trennen, und das macht das Ganze kompliziert. Die Medien haben die Behauptung aufgestellt, dass wir uns schon vorher gegenseitig gehasst haben, aber das stimmt nicht. Meine älteste Schwester war mit einem Hutu verheiratet. Nach dem Gesetz gehören die Kinder damit auch dem Hutu-Volk an. Also sind einige meiner Nichten Hutu. Die Kinder meiner Schwester, die überlebt hat, sind Tutsi.
Wenn man sich Fotos unserer Familie anschaut - wer lebt und wer ermordet wurde - stellt man fest: Die von der Hutu-Seite sind alle noch da - Gott sei Dank! Sie sehen also: Die Menschen hassen sich nicht gegenseitig, sie leben Seite an Seite. Die Nachbarn, die uns versteckt haben, waren Hutu. Diejenigen, die uns umgebracht haben, waren auch Hutu. Wir leben zusammen, und das ist heute die große Herausforderung für Ruanda: Wir haben keine Wahl, wir müssen mit den Killern zusammenleben.

Warum sind die Mörder nicht im Gefängnis?
Man kann nicht alle Leute in Gefängnisse stecken, denn die sind inzwischen total überfüllt. Und dann kommen die Menschenrechtsorganisationen und inspizieren die Gefängnisse. Sie kritisieren, dass die Situation dort unmenschlich ist. Das stimmt natürlich, aber auf der anderen Seite: Wenn du überlebt hast und siehst, wie die Killer, die deine Familie umgebracht haben, von Amnesty International und von anderen Organisationen behandelt werden, dann macht es dich manchmal verrückt!
80 Prozent aller ruandischen Frauen sind während des Genozids vergewaltigt worden. Mehr als die Hälfte von ihnen wurden dabei mit HIV/Aids infiziert. Sie sterben. Im UN-Gefängnis in Arusha sitzen aidskranke Männer, denen vorgeworfen wurde, Frauen vergewaltigt zu haben. Und diese Männer bekommen anti-retrovirale Medikamente! Wir haben die UN aufgefordert, die Medikamente den vergewaltigten Frauen zu geben. Sie haben sich geweigert! Wir sagten zu ihnen: Wir wollen keinen Almosen, aber wenn ihr über Gerechtigkeit redet, stimmen wir zu, dass der vermeintliche Killer behandelt werden muss, um vor Gericht gestellt zu werden. Aber die Zeugen müssen ebenfalls am Leben erhalten werden!

Dietmar Rollers Reise nach RuandazoomIn Selbsthilfegruppen finden die Frauen der Opfer und die Frauen der Täter zueinander. Foto: Dietmar Roller Sind Frauen-Selbsthilfegruppen eine sinnvolle Hilfe?
Ich denke, das ist die beste Hilfe überhaupt! Wenn man mit Frauen arbeitet, kann man sicher sein, dass die Hilfe bei der Familie ankommt. Wenn du dem Vater Essen gibst, wird er es verkaufen und von dem Geld Alkohol kaufen. Die Mütter werden das Essen ihren Kinder geben.
Wir haben uns damals auch nur mit Frauen, mit Witwen, zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Unter diesen Witwen waren auch die Ehefrauen der Mörder unserer Männer. Das ist auch in den anderen Frauengruppen der Fall. Das war am Anfang wirklich ein Problem. Wir sind zusammengekommen, haben geschrien und geweint und unsere Sorgen und Gefühle geteilt. Auch Kleidung und andere Habseligkeiten haben wir geteilt. Und ganz langsam haben wir erkannt, dass man daraus Programme machen kann. Wie verdienen wir Geld? Wie ernähren wir unsere Kinder? Wie baut man Häuser wieder auf? Ein Beratungsprogramm und medizinisches Programm entwickelten sich auch. Das war das wichtigste, denn viele Frauen waren verletzt und vergewaltigt worden. Wir begannen mit einer sehr kleinen Klinik und haben sie immer weiter ausgebaut.
Die Kindernothilfe arbeitet mit der Organisation AEE Ruanda (African Evangelistic Enterprise) zusammen, und die leistet auch großartige Arbeit. Die Selbsthilfegruppen wissen, wo welche Hilfe nötig ist. Das Geld kommt dort an, wo es gebraucht wird, und es stillt wirklich die Grundbedürfnisse der Menschen.

Die Regierung hat verboten, Ruander als Tutsi oder Hutu zu bezeichnen. Denken Sie, dass dieses Verbot hilft, dass die Völker zusammenwachsen?
Man kann vom Aussehen her nicht immer sicher sagen, ob jemand Tutsi oder Hutu ist. Von mir würde man wegen meiner Größe denken, dass ich Tutsi bin. Aber wenn man meine Nase sieht, denkt man, ich bin Hutu, denn sie ist zu groß für eine Tutsi, wenn man nach den stereotypen Merkmalen geht.
Nehmen Sie meine Schwester, sie hat meine Nase und ist klein. Das hat sie auch während des Genozids gerettet, denn alle dachten, sie sei Hutu. Aber das ist sie nicht. Und selbst, wenn man es nicht sieht, weiß man oft, wer was ist. Die Nachbarn kennen sich doch.
Auf der anderen Seite fände ich es gut, wenn man verbieten würde, dass diese Unterscheidung in Dokumenten, Papieren und Ausweisen auftaucht. Im Personalausweis steht, ob jemand Hutu oder Tutsi ist. Deswegen sind viele Menschen gestorben. Der Mann meiner Schwester ist Hutu. Durch ihn hatte sie einen Hutu-Ausweis bekommen und noch dazu sah sie aus wie eine Hutu, das war ihr Glück.

PIC_52336_1280x853_1280x853_0x0zoomIm Völkerdenkmal in Ruanda. Foto: Simone Orlik Ich finde es sehr gut, dass man jetzt nicht mehr danach beurteilt wird, was in den Papieren steht. Aber zu sagen, dass es keine Tutsi und Hutu mehr gibt, ist zu politisch. Die Regierung hat sich jetzt darauf verständigt, den Genozid „Genozid gegen die Tutsi" zu nennen. Aber wenn es weder Hutu noch Tutsi gibt, gegen wen war dann der Genozid gerichtet?
Die Regierung bemüht sich klarzustellen, dass nicht Hutu oder Tutis die Identität eines Menschen ausmacht. Wir sind Ruander. Aber wenn jemand seine Lebensgeschichte erzählt, erkennt man, ob er Hutu oder Tutsi ist. Man weiß, wer verfolgt wurde, war Tutsi, wer nicht verfolgt wurde, war Hutu. Oder wenn eine ganze Familie überlebt hat, heißt das normalerweise, dass sie Hutu waren. Wenn jemand die Möglichkeit hatte, seine Kinder zu behalten, sein Haus und seine Kühe, dann ist er ein Hutu.

RuandazoomDie Generation der Kinder kann es schaffen, den Hass zu überwinden. Foto: Ralf Krämer Wie viele Generationen wird es noch dauern, bis in Ruanda wirklich Frieden einkehrt?
Wenn wir Glück haben und es so weitergeht wie im Moment, dann wird es noch eine Generation dauern, hoffe ich. Unsere Generation ist verloren, aber wenigstens die Generation unserer Kinder macht große Fortschritte. „Lasst uns nach vorne gehen, das Ende ist nicht das Ende, es gibt ein Leben für uns" - das ist der Jargon der Jugend. Ich mag besonders diesen Satz: The best is ahead - das Beste kommt noch. Es gibt nicht nur den Genozid, es gibt uns, wir sind das Potenzial. Mit dieser Einstellung können wir etwas erreichen.

Buch-Tipps:

Über ihr Leben in Ruanda veröffentlichte Esther Mujawayo zwei Bücher:


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