Aids-Aufklärung in Südafrika bedeutet nicht nur das Vermitteln von Fakten, sondern vor allem auch von Werten. Die Kindernothilfe unterstützt deshalb die christliche Jugendhilfeorganisation Sakh'ulutsha, die sich dem Kampf gegen die Seuche verschrieben hat (Projekt 72380).
Radio-Beitrag von Katharina Nickoleit zu diesem Artikel, gesendet von Kakadu, Deutschlandradio Kultur (3,15 Min.)

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Projekt: Sakh'ulutsha Life Skills Education Programme
Projekt-Nr.: 72380
geförderte Kinder: 1.470
Projektanteile gesamt: 326
Die 7. Klasse der Inyati Schule sitzt dicht gedrängt in ihren Bänken und hört zu. „Man kann sich vor Aids schützen, indem man nach dem Sex eine heiße Dusche nimmt. Richtig oder falsch?", fragt der Mann, der vor ihnen steht. Es ist kein Lehrer, sondern ein Mitarbeiter der Jugendhilfsorganisation Sakh Ulutsha. Die Klasse antwortet im Chor: „Falsch".
Die Inyati-Schule liegt mitten in einem Township, das aus dicht gedrängten, baufälligen Hütten besteht. Die meisten Schüler, so berichtet die Schulleiterin, werden von ihren Großeltern aufgezogen. „Jedes einzelne dieser Kinder könnte darüber berichten, wie ein Familienmitglied an Aids gestorben ist, der Vater, oder die Schwester. Sie wissen, wie grauenhaft das ist", erklärt Siki Dlanga, die die Arbeit von Sakh'ulutsha in der Eastern Cape Region koordiniert. „Trotzdem machen die meisten so gedankenlos weiter wie zuvor. Und das ist der Hauptgrund, warum das Problem Aids nicht in den Griff zu kriegen ist."
"In unserer Gesellschaft fehlen Werte"
Die Inyati-Schule in East London hat 1.300 Schüler und 39 Lehrer. Die Klasse haben rund 40 Schüler, und die Klassenzimmer platzen aus allen Nähten. Die Kinder wissen viel über Aids. Ohne Zögern beantworten sie alle Fragen zum Thema und machen dabei keinen einzigen Fehler. „Die Kinder sind schon ganz gut informiert. Diese Generation ist ja mit der Existenz von Aids aufgewachsen. Aber die Art und Weise, wie die Aufklärung normalerweise präsentiert wird, bringt die Jugendlichen nicht zum Nachdenken." Wissen alleine reicht nicht, davon ist Siki Dlanga überzeugt. „Wir glauben, dass der Grund für die hohe HIV-Rate darin liegt, dass in unserer Gesellschaft Werte fehlen. Es reicht nicht zu sagen, wie Aids übertragen wird, sondern es geht auch darum aufzuzeigen, wie man verantwortlich lebt." Siki Dlanga ist Anfang 30, eine energische junge Frau mit wilden Locken, die nicht allzu viel Wert auf die neueste Mode legt. Siki hat Wichtigeres im Kopf.
Sakh'ulutsha hat sich dem Kampf gegen Aids verschrieben. Eine Herkulesarbeit. Rund ein Fünftel aller Südafrikaner zwischen 15 und 49 Jahren ist HIV positiv oder an Aids erkrankt. Täglich kommen neue HIV-positive Babys zur Welt. Das Thema Aids müsste also allgegenwärtig sein. Doch das ist es nicht. Man kann tagelang durch das Land fahren, ohne ein einziges „Gib Aids keine Chance"-Plakat zu sehen. Man kann mit vielen Menschen sprechen, ohne dass Aids thematisiert würde. Die Seuche scheint immer noch ein Tabu-Thema zu sein, auch wenn der Staat zunehmend Strategien zur Bekämpfung entwickelt.. Ein großer Teil der Aufklärung wird in Südafrika von Hilfsorganisationen wie Sakh Ulutsha geschultert. Die Organisation erhält ihre Mittel in erster Linie aus Spenden, ein Teil davon kommt über die Kindernothilfe aus Deutschland.

Die Mitarbeiter von Sakh Ulutsha gehen in die Schulen, wo sie Faktenwissen vermitteln. Foto: Christian Nusch
Geschlechtsverkehr schon mit elf Jahren
„Hilf mir, Gott, mein Leben zu verändern", singen die Jugendlichen. Sie nehmen an einem von Sakh'ulutsha organisierten Life Skill Camp teil. Das ist eine Art christliche Jugendfreizeit, bei der es um Aids-Aufklärung, aber auch um Wertevermittlung geht. An diesem Wochenende findet das Life Skill Camp in dem kleinen Ort Port St. Jones an der Wild Coast statt. Rund 30 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren sind aus den umliegenden Dörfern gekommen. Sie sitzen in einem großen Stuhlkreis und schauen einem improvisierten Theaterstück freiwilliger Helfer zu. Es geht um ein Mädchen, das mit vielen Männer schläft, die ihr teuere Geschenke machen. Zum Schluss will sie heiraten, aber das geht nicht, weil sie HIV-positiv ist. Mit anderen Worten: Es geht um eine ganz alltägliche Geschichte, wie sie ständig passiert. Und die Jugendlichen sind meistens noch Kinder, wenn sie anfangen, Sex zu haben, oft gerade mal elf Jahre alt oder noch jünger.
Im Kampf gegen Aids hat Sakh'ulutsha eine Doppelstrategie. Die Mitarbeiter gehen zum einen in die Schulen, wo sie Faktenwissen lehren. So wie in der Inyati-Schule in East London. Zum anderen werden die Schüler zu Life Skill Camps eingeladen. „Wir predigen nicht nur dauernd HIV, HIV, HIV, sondern in den Life Skill Camps versuchen wir, den Kindern und Jugendlichen wieder Werte an die Hand zu geben, vor allen denjenigen, die keine Eltern haben, die sie diese Dinge lehren könnten", erläutert Siki Dlanga das Konzept.
"Die Jugendlichen sind so gedankenlos, weil sie keine Hoffnung haben"
Wertevermittlung, das bedeutet nicht nur den Jugendlichen zu sagen, sie sollen mit sexuellen Beziehungen warten, bis sie einen festen Partner haben, mit dem sie zusammen bleiben, den sie heiraten wollen. Wertevermittlung bedeutet auch, den Jugendlichen klar zu machen, dass sie etwas besonderes sind, ein Mensch, der einmalig ist, und der sein Leben nicht einfach wegwerfen darf. „Einer der Gründe, warum die Jugendlichen so gedankenlos sind, ist, dass sie keine Hoffnung haben. Sie sagen sich ‚dann sterbe ich halt an Aids, so wie alle anderen auch'. Hier versuchen wir, anzusetzen."
Aids ist ein Teufelskreis. Die Kinder verlieren ihre Eltern früh, haben dann niemanden mehr, der sich richtig um sie kümmert, sie werden unfähig, feste Bindungen einzugehen, wechseln häufig ihre Partner und infizieren sich selber. Bis sie sterben, haben sie in der Regel selber zwei, drei Kinder bekommen - die nächste Generation von Aids-Waisen, die keine Bezugspersonen und Vorbilder hat, die ihnen zeigt, wie man ein verantwortliches Leben führt.

Yolanda, 14, hat beschlossen, dass ihr Leben anders verlaufen soll. Foto: Christian Nusch
Ein mutiges Mädchen
Doch manchmal gelingt es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. In der 7. Klasse der Inyati-Schule fällt ein Mädchen besonders auf. Yolanda sitzt ganz vorne und hat immer als erstes die Hand oben, wenn wieder eine Frage gestellt wird. Sie ist 14 Jahre alt, ein zartes Mädchen, das unter der dunklen Haut ein wenig blass wirkt. Sie hat eine eben so traurige wie typische Geschichte zu erzählen. „Meine Mutter starb letztes Jahr an Aids. Jetzt lebe ich bei meinem Onkel, aber der ist auch erkrankt und wird bald sterben. Dann bleibt mir nur noch meine Großmutter, und die ist schon sehr alt."
Auch Yolanda hat an einem Life Skill Camp teilgenommen - und dabei eine wichtige Erkenntnis gewonnen: „Ich glaube, dass jemand, der sich nicht um Aids kümmert, sich einfach selber nicht genug mag und es ihm deshalb egal ist, ob er stirbt." Doch Yolanda mag sich und sie hat für sich beschlossen, dass ihr Leben anders aussehen soll. „Ich werde nicht herumschlafen, sondern mit Sex warten, bis ich 18, 19 Jahre alt bin und heirate", sagt sie mit fester Stimme und meint es zweifellos ernst. Siki Dlanga hört das und lächelt. „Was für ein mutiges Mädchen", meint sie und fügt hinzu: „Kinder wie Yolanda geben Hoffnung und zeigen uns, dass wir mit unserer Arbeit auf dem richtigen Weg sind".
Katharina Nickoleit, freie Journalistin
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