Am Tag, als ihre Kindheit endete, war Alice elf Jahre alt. Sie lebte mit ihren Eltern und Schwestern in einem Dorf im Norden Ugandas. Seit Jahrzehnten herrschte Bürgerkrieg in diesem Gebiet. Alice kannte gar kein Leben ohne Krieg, ohne die Angst vor Überfällen, Gewalttaten oder Flucht. Eines Nachts kamen die Soldaten der Lord's Resistance Army. Sie überfielen das Dorf, wer nicht im Schutz der Dunkelheit floh, wurde massakriert. Die Rebellen töteten auch Alice Eltern, die Kinder mussten zusehen, wie die Männer Vater und Mutter ermordeten. Heute hat sie dank des Kindernothilfe-Partners Noah's Ark wieder zurück ins Leben gefunden.

Alice (l.) mit einem Nachbarskind. Foto: Frank Peterschroeder
In dieser Nacht begann für Alice eine Zeit der Qualen. Die Kämpfer der LRA ließen sie und ihre ältere Schwester Pamela zwar am Leben, doch in den nächsten zwei Jahren erlitten die Mädchen Schreckliches. Beide wurden verschleppt und mussten die Rebellen auf ihren Raubzügen durch den Norden Ugandas und in ihre Verstecke im Süden des Sudans begleiten.
25.000 Kinder in Norduganda entführt
Wie viele Kinder seit Beginn des Konfliktes Ende der 80er Jahre dieses Schicksal erlitten haben, weiß niemand genau. 25.000, schätzen die Vereinten Nationen. Die Rebellen zwingen die Kinder dazu, als Soldaten zu kämpfen. Viele mussten eigene Verwandte töten, wer den Befehlen nicht gehorcht, wird verstümmelt oder getötet. Die LRA und ihr Anführer Joseph Kony sehen sich als eine Art Gottesarmee. Obwohl Kony als einen Grund für seine Feldzüge stets den Schutz der Volksgruppe der Acholi vor Diskriminierungen angibt, steht zwanzig Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges vor allem eines fest: Die Menschen in Norduganda sind die Opfer. 1,8 Millionen Flüchtlinge leben in Camps unter zum Teil katastrophalen Bedingungen.

Zurück in der Schule: Alice (r.) mit ihren Schulkameradinnen. Foto: Frank Peterschroeder
Leben im Bürgerkrieg
Alice und Pamela mussten nach ihrer Entführung Kommandanten der LRA heiraten. Pamela reichten die Soldaten von einem zum anderen weiter. Mindestens sechs verschiedenen Männern war das Mädchen ausgeliefert. Die Schwestern begleiteten die Kampftruppen, mussten sich daran beteiligen, wenn die Rebellen Dörfer überfielen, mordeten und plünderten. Ob sie - wie so viele andere Jugendliche - selbst Waffen tragen und töten mussten, weiß heute niemand genau. Die Mädchen schweigen dazu.
Bei Noah's Ark finden Mädchen Hilfe
Beide Schwestern leben heute bei ihrem Großvater Amywar Paul in Kirombe, einem Dorf nahe Gulu. Ihre Rettung kam 2004, als Regierungstruppen sie gefangen nahmen und schließlich an den Kindernothilfe-Partner Noah's Ark vermittelten. Die Mitarbeiter kümmerten sich um die traumatisierten Mädchen, suchten nach Verwandten, die sie aufnehmen könnten. Heute leben Alice und Pamela bei ihrem Großvater. So lange die Dörfer rund um Gulu weiterhin von Rebellen überfallen wurden, kamen beide jede Nacht in das Schutzzentrum des Kindernothilfe-Partners Noah's Ark. Dort waren sie sicher.

Versunken tanzen Kinder vor dem Schutzzentrum von Noah's Ark in Gulu. Foto: Frank Peterschroeder
Alice lernt jetzt für ihre Abschlussprüfung
Seit Monaten herrscht relative Ruhe in Norduganda. Dank der Hilfe bei Noah's Ark hat Alice den Weg zurück ins Leben gefunden. Sie hat große Pläne für die Zukunft: „Ich will Journalistin oder Anwältin werden."
Die Arbeit der Kindernothilfe in Norduganda
Zusammen mit ihren Partnern vor Ort hat die Kindernothilfe bisher in Gulu, im Norden Ugandas, ein Zentrum unterstützt, in dem Kinder in Scharen nachts Schutz vor Zwangsrekrutierungen durch Rebellen fanden. Neben Mahlzeiten, psychologischer Betreuung und einem Schlafplatz fanden die Kinder hier vor allem Geborgenheit sowie Schutz vor gewalttätigen Übergriffen und einem Leben auf der Straße.
In Lira fördert die Kindernothilfe und ihr Partner CEASOP (Collaborative Efforts to Alleviate Social Problems) ein Berufsausbildungszentrum für Aids-Waisen und benachteiligte Kinder, in dem auch ehemalige Kindersoldaten einen Beruf erlernen. Die jungen Menschen können hier unter anderem verschiedene Handwerke wie Fahrradreparaturen, Metallverarbeitung, Tischlerei und Schneiderei erlernen.
Außerdem fördert die Kindernothilfe die Arbeit der Organisation "Feed the children Uganda". Sie bereitet Kinder und Familien in einem Flüchtlingslager auf die Rückkehr in ihre Dörfer vor.