
Seit 2006 ist der Bürgerkrieg in Uganda beendet, doch der Schrecken der vergangenen Jahre treibt immer noch hunderte Kinder auf die Straße. Der Verlust der Eltern, Aids, Gewalt und furchtbare Erlebnisse als Kindersoldaten rauben vielen Mädchen und Jungen ihre Zukunft, bevor sie erst richtig begonnen hat. In Lira fördert die Kindernothilfe deshalb ein Projekt, das Kinder stärkt und sie in ihre Familien zurück begleitet.
Bepackt mit einer Tüte voll leerer Plastikflaschen zieht John mit seinen Freunden Michael und Maurice durch die staubigen Straßen Liras. Tag für Tag streift der 12-Jährige schon früh morgens durch die 90.000 Einwohner Stadt im Norden Ugandas, den Blick fest auf den Boden geheftet, in der Hoffnung kleine Metallreste oder achtlos weggeworfene PE-Flaschen im Dreck aufzugabeln. Was er findet, stopft er in die Tüte und verkauft es später an einen Händler im Armenviertel Bargole. „Wenn es gut läuft", erzählt John, „verdiene ich an einem Tag 5.000 Schilling", umgerechnet fast 1,50 Euro. Wenn es schlecht läuft, lauern ihm die älteren Jungen auf, die ihm sein mühsam verdientes Geld gewaltsam abnehmen. Manchmal fällt er auch in die rauen Hände der Polizisten, die es auf Straßenkinder wie ihn abgesehen haben. An Johns Armen und Beinen sieht man Überbleibsel dieser schmerzhaften Begegnungen: schlecht verheilte Narben und eitrige Wunden von Tritten und Schlägen. Bei John lief es in den letzten Monaten häufig schlecht.
Rund 300 Mädchen und Jungen leben als Straßenkinder in Lira
Rund 300 Mädchen und Jungen leben wie John als Straßenkinder in Lira. Viele von ihnen stammen aus den Flüchtlingscamps, in denen mehr als zwei Millionen Menschen während des Bürgerkriegs in Norduganda leben mussten. Allein in der Umgebung Liras waren es hunderttausend Menschen von denen auch heute noch tausende Menschen in den ehemaligen Lagern übergeblieben sind. Auch wenn der Krieg seit 2006 beendet ist, leben dort immer noch Familien unter schwierigsten Verhältnissen auf engstem Raum zusammen. Viele Mädchen und Jungen fliehen aus dieser Enge auf die Straße, weil sie die Situation nicht mehr ertragen: Ihr Leben ist von extremer Armut, aber auch alltäglicher Gewalt geprägt. Etliche Erwachsene sind alkoholabhängig und Schläge sind häufig an der Tagesordnung. Die Kinder zieht es aus den Camps in die nahe gelegene Stadt, wo sie als Straßenkinder leben und neuer Gewalt ausgesetzt sind: 25 Prozent der Straßenkinder in Lira sind mit dem Aids-Virus infiziert - meist übertragen durch brutale Vergewaltiger, die ihnen nachts auf der Straße auflauern.
Er wirkt klein, viel kleiner als ein zwölfjähriger Junge sein sollte. Doch wenn John erzählt, wie er auf der Straße gelandet ist, wirkt er plötzlich groß, fast erwachsen. „Vor sechs Monaten bin ich von zu Hause weggelaufen. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten", sagt er und wenn man in sein ernstes Gesicht sieht, glaubt man es ihm sofort. Zuhause, das war die Hütte seiner Oma in dem Dorf Boroboro, drei Kilometer von Lira entfernt. John ist Waise. Sein Vater kam vor acht Jahren bei einem Unfall ums Leben. Ob er im Bürgerkrieg von den Rebellen der LRA ermordet wurde, wie viele tausende Männer, Frauen und Kinder, kann oder will John niemand sagen. Der damals Vierjährige kann sich nicht erinnern. Vor zwei Jahren starb dann auch noch plötzlich seine Mutter. Sie ließ ihn und seine beiden neunjährigen Brüder Tim und Patrick zurück. Während die Brüder zu einer Tante kamen, blieb John bei der Oma. Allein. „Sie hat mich fast täglich verprügelt. Ich durfte nicht mehr in die Schule gehen, musste für sie Wasser schleppen und hart arbeiten. Nichts konnte ich ihr recht machen", sagt John leise. Da beschloss er abzuhauen.
Mildred ist der Junge gleich aufgefallen
Mildren Okello ist der drahtige Junge mit dem verschmitzen Lächeln gleich aufgefallen. Sie ist Sozialarbeiterin bei der Organisation Child Restoration Outreach in Lira (CRO) und kümmert sich um Kinder, die nachts auf der Straße herumstreifen, betteln, Waren oder gar ihre Körper verkaufen. „Ich habe John erzählt, dass er im CRO-Zentrum kostenlos Essen bekommen und zur Schule gehen kann. Auch seine Wunden können wir dort versorgen. Erst war er skeptisch, doch sein bester Freund Michael kennt uns schon länger. Er hat John überzeugt mitzukommen", sagt Okello. Viele Kinder haben das Vertrauen in die Erwachsenen verloren. „Kein Wunder", weiß Beatrice Akello, Pädagogin und Trauma-Therapeutin bei CRO „fast alle Straßenkinder haben Furchtbares erlebt. Und es sind meistens Erwachsene, die es ihnen angetan haben. Wir müssen uns das Vertrauen der Kinder sehr behutsam zurückholen. Das braucht Zeit!"
Seit Mitte Juli kommt John nun jeden Tag ins Zentrum und besucht die Übergangsschule. „Wenn ich groß bin, möchte ich Präsident von Uganda werden", verrät John seinen heimlichsten Wunsch. Auf dem Weg dahin ist er schon: „Er ist einer unser besten Schüler", freut sich Beatrice Akello und fügt lächelnd hinzu: „Ich bin stolz wie eine Mutter auf ihn". 152 Mädchen und Jungen werden hier stark gemacht für das Leben: mit Essen, Kleidung, einem offenen Ohr für die Sorgen, Ängste und Nöte aber auch mit einem sicheren Platz zum Ausruhen, einer Krankenstation und einer Waschecke: John bearbeitet seine verschlissene türkisfarbene Hose und das durchlöcherte olivgrüne Poloshirt mit Seife und Bürste. Er schäumt alles ein und schrubbt mit ganzer Kraft, als wolle er viel mehr entfernen als nur den Dreck der Straße. Anschließend hängt er alles auf die Wäscheleine. Bis zum Abend, wenn er wieder zurück auf die Straße geht, sind die Sachen getrocknet. „Das Zentrum ist deshalb nur der erste Schritt für die Kinder", sagt Beatrice Akello. „Unser eigentliches Ziel ist es, sie möglichst schnell von der Straße zu holen und zurück in ihre Familien zu begleiten. Möglichst weit weg von Drogen und Gewalt." Die Idee ist sehr erfolgreich: Mehr als dreißig Prozent der Kinder konnten die Mitarbeiter von CRO seit 2007 bereits in ihre Familien reintegrieren.
Ziel ist, sie zurück in ihre Familien zu begleiten - doch dieser Schritt ist schwierig
Doch gerade dieser zweite Schritt ist für die meisten Mädchen und Jungen häufig noch schwerer und muss von den Projektmitarbeitern gut vorbereitet und begleitet werden. „In intensiven Gesprächen mit den Angehörigen prüfen wir, ob die Kinder auch wirklich gut versorgt und liebevoll aufgenommen werden. Schließlich sind die traumatischen Erlebnisse, die viele der Kinder mit ihrem ehemaligen Zuhause verbinden noch frisch und die Wunden nicht verheilt", so Akello. Die Kosten für den Schulbesuch einer staatlichen Schule übernimmt das Projekt, „damit die Familie nicht zu stark belastet wird und direkt Stress über die angespannte Finanzlage entsteht", betont Akello.
Unsicher lächelt John seine Tante Santa Awor an, als er sie zum ersten Mal besucht. Gemeinsam mit Beatrice Akello ist er von Lira in das Dorf Teso Bar gekommen, um herauszufinden, ob er es wagen kann. Santa Awor ist Anfang dreißig und die Schwester seiner Mutter. Sie ist ein sonniger, warmherziger Mensch und freut sich über den Besuch. Zusammen mit ihrer zehnjährigen Tochter lebt sie in einer wohl aufgeräumten Hütte, die auf einem Stück fruchtbaren Land steht. Platz wäre hier genug für ihn, für alle drei. Sie reden und lachen ein bisschen und als sich John und Beatrice Akello verabschieden und auf den Weg zurück nach Lira machen, blickt er tatsächlich ein bisschen zuversichtlicher in die Nacht.
Angelika Böhling, Pressesprecherin Kindernothilfe