Florence und ihre Brüder – Hoffnung für Aids-Waisen in Uganda?

Florence und ihre Brüder – Hoffnung für Aids-Waisen in Uganda?

1995  besuchte Filmemacher und Grimme-Preisträger Martin Buchholz eine Aidswaisen-Familie im Südwesten Ugandas. Er filmte den Alltag von Florence und ihren Brüdern. 2006 machte er sich erneut auf den Weg nach Uganda mit der Frage: Was ist aus Florence geworden?

Unser Landrover rumpelt auf der rötlichen Lehmpiste von Schlagloch zu Schlagloch. Bananenstauden säumen den Wegesrand. Ich bin unterwegs im Masaka/Rakai-Distrikt. Irgendwo hier draußen, hat man mir gesagt, soll sie heute immer noch leben: Florence Nasamula. Das schüchterne Mädchen mit den traurigen Augen. So habe ich sie in Erinnerung. Ihr schweres Schicksal ist mir unvergesslich geblieben...

Florence Nasamula, ehemals von der Kindernothilfe gefördertes MädchenzoomFlorence mit 14 Jahren nach dem Tod ihrer Eltern. Foto: Martin Buchholz Rückblick: 1995 ist Florence 14 Jahre alt und muss allein für sich und ihre zwei kleineren Brüder sorgen. Die drei Geschwister leben in einer baufälligen Lehmhütte, umgeben von einem winzigen, verwilderten Garten mit einigen Matokestauden, Kochbananen. Das ist alles, was ihnen die Eltern hinterließen. Mutter und Vater starben an Aids. Mit den letzten Ersparnissen hatten sie noch einen traditionellen Heiler bezahlt, bei dem sie vergeblich Hilfe suchten.
Florence, der elfjährige Ronald und der fünfjährige Godfrey blieben allein zurück. Ohne Verwandte, die sich um sie kümmern könnten, ohne Hoffnung auf ein staatliches soziales Netz, das es in Uganda nicht gibt.
Florence Nasamula,  von der Kindernothilfe gefördert, 1995zoomFlorence musste schon als Jugendliche ihre Brüder versorgen. Foto: Martin Buchholz Florence schuftet hart, um ihre Geschwister irgendwie durchzubringen. Wasser holen, Holz hacken, Feuer machen, Kochbananen schälen und garen, wenn sie Kochbananen haben!
Die Last der Verantwortung, der Schmerz über den Verlust der Eltern stehen Florence ins Gesicht geschrieben. Ihr Blick geht ins Leere. Ihre Augen haben zu viel Leid gesehen. Welche Träume hat eine 14-Jährige, die den Brüdern die Mutter ersetzen muss? Was würde Florence wählen, wenn sie drei Wünsche frei hätte? Sie sitzt am Eingang der Lehmhütte, schaut mich fragend an und zögert mit der Antwort. Dann sagt sie leise: „Ein neues Haus, weil das alte bald einstürzt." Und nach einer langen Pause: „Eine eigene Nähmaschine!" Und der dritte Wunsch? Florence schweigt. Sie ist es nicht gewohnt zu träumen.

Florence, AidswaisezoomFlorence 2006. Foto: Pascal Amos Rest

Elf Jahre später: „Wir sind gleich da!", sagt mein Begleiter im Landrover. Plötzlich geben die Bananenstauden den Blick frei auf ein kleines, robust gemauertes Haus. An der Tür steht eine attraktive Frau in einem wunderschönen grünen Kleid, die dunklen Haare kunstvoll geflochten, und lächelt. Ich gehe auf sie zu und möchte gerade fragen, wo ich hier Florence Nasamula finde, als mir klar wird: Das ist sie! Mit einer charmanten Geste bittet Florence mich herein. Im Wohnzimmer springen drei kleine Kinder herum. Und immer noch traue ich meinen Augen kaum: Das traurige traumatisierte Mädchen von damals ist heute eine selbstbewusste, stolze Mutter von zwei Jungen und einem Mädchen, fünf, drei und ein Jahr alt. Ihr Mann sei Lkw-Fahrer, erzählt Florence. Gemeinsam haben sie ihr eigenes Haus gebaut und erwirtschaften genug, um die Familie zu ernähren.

Uganda, Afrika 2006

Florence zeigt ihren Brüdern die Fotos von damals. Foto: Pascal Amos Rest

Ich habe Fotos mitgebracht, Bilder von Florence und ihren Brüdern, elf Jahre zuvor. Florence sieht sich selber und schüttelt nachdenklich den Kopf: „Nein, ich denke nicht gern an diese schwere Zeit zurück! Nach dem Tod meiner Eltern konnten meine Brüder und ich uns anfangs nicht mal an Sonntagen eine Soße zu den Kochbananen leisten. Ich war so verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen soll. Die Frauen aus unserem Dorf haben uns damals gerettet. Sie hatten eine Selbsthilfegruppe gegründet. Die Nachbarinnen haben angefangen, für uns zu kochen, sie haben uns regelmäßig besucht. Und sie vermittelten uns an das Hilfswerk Kitovu Mobile."

Noch einmal der Blick zurück: Elf Jahre zuvor war ich dabei, als sich das Leben von Florence und ihren Brüdern zu verändern begann. Die Frauengruppe des Dorfes half den Kindern, ihre marode Hütte zu reparieren und eine kleine, neue Küche aus rotgrauem Lehm zu bauen. Mit vereinten Kräften brachten sie auch den verwilderten Garten der Kinder in Ordnung und legten anderswo eine Obstplantage an. Der Erlös aus dem Verkauf der Früchte kam den zahlreichen Aidswaisen des Dorfes zugute. Als Fachberater half ihnen dabei ein Landwirtschaftsexperte von Kitovu Mobile. Das mobile Hilfsprogramm für Aidsopfer und ihre Familien wurde schon damals von der Kindernothilfe unterstützt. Seine Sozialarbeiter kümmerten sich um Florence und ihre Brüder. Das Hilfswerk bezahlte die Schuluniformen, Hefte und Stifte für Ronald und Godfrey und ermöglichte Florence, eine Schneiderlehre zu absolvieren.

Uganda, Afrika 2006zoomStolz präsentiert sie ihren kleinen Laden und die Nähmaschine. Foto: Pascal Amos Rest

Elf Jahre später: Florence führt mich in einen kleinen Raum neben ihrem Wohnzimmer. Mittendrin steht eine alte, schwarze Fuß-betriebene Nähmaschine. „Die habe ich damals zum Abschluss meiner Schneiderlehre von Kitovu Mobile geschenkt bekommen", erzählt Florence. Die Nähmaschine sieht aus wie eine gepflegte Antiquität aus dem Museum. Doch sie funktioniert auch ohne Strom. Und hat Florence' Leben verändert. „Durch die Schneiderarbeiten konnte ich über all die Jahre meine Brüder unterstützen. Heute kaufe ich vom Erlös der Kleidungsstücke neue Produkte für meinen Laden!" Obst, Gemüse, Cola-Flaschen, Salz... alles steht sorgsam aufgereiht im selbst gezimmerten Regal hinter Florence' kleiner Kiosk-Theke.

Mit dem Gewinn hilft Florence ihrem heute 16-jährigen kleinen Bruder Godfrey, die Gebühren für den Besuch der höheren Schule aufzubringen. Ihr zweiter Bruder Ronald lebt einige Kilometer entfernt im Elternhaus der Geschwister. Ich treffe den mittlerweile 22-jährigen jungen Mann bei der Arbeit in der Plantage. Ronald hat eine Lehre in ökologischem Ackerbau absolviert. Für insgesamt 400 Jugendliche wie ihn finanziert die Kindernothilfe derzeit eine solche Ausbildung.
Noch mehr Einkommen schaffende Maßnahmen sind dringend notwendig. Denn es gibt zwei Millionen Aidswaisen in Uganda. Sie brauchen Unterstützung, damit sie nach dem Verlust der Eltern trotzdem die Chance bekommen, ihren Lebensunterhalt einmal selber verdienen zu können.
Ronald ist noch unverheiratet, ein cooler Typ, der bei den Frauen gut ankommt. Doch er weiß auch, dass er vorsichtig sein muss. Die Aids-Aufklärung in Uganda gilt schon lange als vorbildlich. Und hat durchaus Erfolge bei der nachwachsenden Generation. Die Neu-Infektionsrate für HIV ist hier in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. „Wir haben gelernt, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen", sagt Florence lächelnd. „Und wir konnten es lernen, weil es Menschen gab, denen unser Schicksal nicht egal war!"

Florence Nasamula, Aids-Waise (Buchholz-Video)zoomFlorence liebt ihre Tochter über alles. Foto: Pascal Amos Rest Während wir reden, hält Florence ihre einjährige Tochter auf dem Arm und schmust mit ihr. Später spielen die beiden im Wohnzimmer „Hoppehoppe-Reiter". Danach wird die Kleine erst einmal gründlich gebadet. Dies ist bereits meine zweite Reise nach Uganda, aber noch nie habe ich hier eine Mutter getroffen, die ihr Baby so hemmungslos liebevoll verwöhnt, wie Florence es gerade tut. Ihre Tochter soll all die Fürsorge bekommen, die Florence selbst viel zu früh entbehren musste. „Der Tod meiner Eltern macht mich immer noch traurig", erzählt sie. „Wir Kinder haben sehr gelitten, weil wir ohne Vater und Mutter auskommen mussten. Nun bin ich selber Mutter, ich schaue meine Kinder an und weiß: Ich will für sie da sein, bis sie eines Tages auf eigenen Füßen stehen."

Martin Buchholz, Filmemacher für ARD, ZDF und arte

Film-Tipp:
Über das Wiedersehen mit Florence und anderen Aidswaisen in Uganda produzierte Martin Buchholz die TV-Dokumentation „Zukunft für Nalongos Kinder?" Der Film kann bei der Kindernothilfe kostenlos ausgeliehen werden.

Florence Nasamula (Uganda), Mahalakschmi Caven (Indien), Dr. Angela MerkelzoomFlorence Nasamula (links) trifft Angela Merkel. Foto: Frank Peterschröder Florence Nasamula in Deutschland:
Im März 2009 kam Florence Nasamula zum 50-jährigen Jubiläum der Kindernothilfe nach Duisburg. Beim Festakt traf sie Bundeskanzlern Angela Merkel.

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