Vor elf Jahren besuchte Filmemacher und Grimme-Preisträger Martin Buchholz eine Aidswaisen-Familie im Südwesten Ugandas. Hier hatte dieEpidemie 1982 ihren tödlichen Lauf um den Globus gestartet. Er filmte den Alltag von Florence, Ronald und Godfrey und wie ihnen der Kindernothilfe-Partner Kitovu Mobile mit Rat und Ausbildung unter die Arme griff. 2006 machte sich Martin Buchholz erneut auf den Weg zu ihnen. Sein neuer Film zeigt: Die Hilfe kam an.

Florence' Eltern starben an Aids. Mit Unterstützung der Kindernothilfe hat sie es geschafft und kann heute für ihre Familie sorgen. Foto: Pascal Rest
Uganda ist das Land, in dem alles begann: Hier wurde 1982 der weltweit erste Aids-Fall diagnostiziert. Zunächst nannte man die Krankheit „Slim Desease" (Schlanke Krankheit) - ihr auffälligste Merkmal war, dass die Patienten abmagerten. Mitte der 80er Jahre gehörte Uganda zu den am schlimmsten von Aids betroffenen Ländern der Welt. 1986 erklärte Präsident Museveni Aids zum nationalen Problem. Im Juni 2003 schätzte das ugandische Gesundheitsministerium, dass mehr als eine Million Menschen des 23-Millionen Einwohner-Staates HIV-infiziert waren. Fast eine Million Menschen waren seit der Entdeckung der Krankheit an den Folgen gestorben. Regierung, staatliche wie nichtstaatliche Hilfswerke und Kirchen packten das Problem gemeinsam an: Dank ihrer guten Aufklärungsarbeit gehen die Infektionsraten zurück. Uganda wurde zum Modell für erfolgreiche Aids-Prävention.

Der Kindernothilfe-Partner MAHCOP unterstützt 6200 Kinder und Jugendliche in Uganda. Foto: Pascal Rest
Hilfe für 6200 Kinder
Der Kindernothilfe-Partner Kitovu Mobile war eine der ersten Organisationen in Uganda, die einen mobilen Beratungsdienst für von Aids betroffene Familien anbot. Heute werden 6 200 Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien in zwei Distrikten des Landes intensiv beraten und begleitet. Die MitarbeiterInnen erkannten bald, dass die Aidswaisen dringend geschult werden mussten, um ohne Eltern zu überleben. „Oft waren die Eltern gestorben, bevor sie ihnen beibringen konnten, wie man Gemüse und Früchte anbaut, nahrhaftes Essen kocht, einen Haushalt führt", erklärt Frank Mischo, Aidsexperte der Kindernothilfe. „Niemand hatte sie auf das Leben als Kinderfamilie vorbereitet. Hier trat Kitovu Mobile auf den Plan."

Jugendlicher in einer Farmschule. Foto: Pascal Rest
Aids-Waisen lernen zu überleben
Rund 700 allein lebende Kinder und Jugendliche werden heute in speziellen Farmschulen auf ein eigenständiges Leben mit ihren jüngeren Geschwistern vorbereitet. „Mit großem Erfolg", so Frank Mischo. „Sie lernen, wie man welche Pflanzen anbaut, Nutztiere hält und Brunnen anlegt. Saatgut und Pflanzen bekommen sie als Starthilfe von Kitovu Mobile , das auch die landwirtschaftlichen Geräte stellt." Das Hilfswerk zeigt den Jugendlichen auch Möglichkeiten, Geld für ihre Familien zu verdienen - zum Beispiel durch eine Schneiderlehre oder den Aufbau eines kleinen Kioskes.
Florence' tragisches Schicksal
1995 kam der Filmemacher Martin Buchholz nach Uganda. Er wollte einen Film über eine typische Kinderfamilie drehen. Als er Florence Nassamula zum ersten Mal traf, berührte ihn ihr tragisches Schicksal sehr. Ihre Eltern waren an Aids gestorben. Die 14-Jährige musste plötzlich allein für sich und ihre zwei Brüder, fünf und neun Jahre alt, sorgen. Jeder Tag war ein Kampf ums Überleben. Kitovu Mobile sorgte dafür, dass Florence eine Ausbildung zur Schneiderin machen konnte. Mit dem Erlös ihrer Näharbeiten finanzierte sie den Schulbesuch ihrer Brüder. Sozialarbeiter Kibi Francis besuchte die verwaisten Kinder über Jahre hinweg, klärte sie auf über die Infektionswege von Aids und hatte stets ein offenes Ohr für ihre Sorgen.

Martin Buchholz mit Florence und ihrem Baby. Foto: Pascal Rest
Happy End zehn Jahre später
Im April 2006, elf Jahre später, machen sich Martin Buchholz und sein Team erneut auf den Weg nach Uganda - neugierig, was aus Florence und ihren Brüdern geworden war. „Ich konnte kaum glauben, was ich sah", erzählt er. „Florence lebt heute in einem robusten neuen Haus. Die schöne junge Frau, die uns empfängt, erkenne ich erst auf den zweiten Blick. Das traumatisierte und traurige Mädchen auf unseren Bildern von damals ist heute eine selbstbewusste und stolze Mutter von drei gesunden Kindern: zwei Jungen und ein Mädchen. Ihr Mann ist LKW-Fahrer. Gemeinsam haben sie sich ihr eigenes Haus gebaut und erwirtschaften genug, um die Familie zu ernähren."
Die Nähmaschine, die Florence am Ende ihrer Ausbildung von Kitovu Mobile erhalten hatte, leistet ihr immer noch gute Dienste. Was sie mit Näharbeiten verdient, steckt sie in neue Produkte für ihren Laden, den sie sich aufgebaut hat. Dadurch kann sie ihren jüngsten Bruder Godfrey auch weiterhin unterstützen.

Florence mit ihren Brüdern Godfrey und Ronald. Foto: Pascal Rest
"Tatkräftige Nächstenliebe ist nicht vergeblich"
„Vor 11 Jahren war der kleine Godfrey ein verschüchterter Erstklässler", erinnert sich Martin Buchholz. „Heute treffen wir einen 16-jährigen Oberschüler. Seine Schwester hilft ihm, die teuren Schulgebühren aufzubringen." Florences Bruder Ronald war damals neun Jahre alt. Inzwischen ist er ein kräftiger junger Mann. Kitovu Mobile hat ihm an einer Farmschule eine Lehre in ökologischem Ackerbau ermöglicht. Heute verdient er seinen Lebensunterhalt selbst. Auch Kibi Francis ist immer noch jeden Tag auf Achse und kümmert sich um die Aidswaisen in der Region. Den Kontakt zu Florence und ihrer Familie hat er aufrecht erhalten.
„Wir haben bei dieser Reise nach Uganda neu gelernt, dass tatkräftige Nächstenliebe nicht vergeblich ist", so das Resümee des Filmteams.
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Gunhild Aiyub