Kindernothilfe e. V.

Mahalakschmi - von der Steineklopferin zur erfolgreichen Schneiderin

Mahalakschmi – von der Steineklopferin zur erfolgreichen Schneiderin

Fernsehjournalist Martin Buchholz hat vor mehr als zehn Jahren einige von der Kindernothilfe geförderte Mädchen und Jungen mit der Kamera besucht. Jetzt hat er sie wieder getroffen. Was ist aus ihnen geworden? Haben sie eine eigene Familie und ist ihnen der Weg aus der Armut heraus geglückt?Hier erzählt er die Geschichte von Mahalakschmi aus Indien, die er beim ersten Mal in einem Steinbruch traf.

Mahalakschmi - aufgehellte Version des Originalszoom1998 schuftete Mahalakschmi noch im Steinbruch - mit bloßen Füßen. Foto: Stephen Milne Südindien, Sommer 2008: Ankunft in Kailasapuram. Der scharfe Wind macht die brütende Hitze nicht erträglicher. Über 40 Grad. Im Schatten. Doch die Frauen arbeiten in der sengenden Sonne. Von allen Seiten hört man nur ein monotones Klacken. Ich kenne dieses Geräusch. Zehn Jahre zuvor bin ich schon einmal hier gewesen. Und immer noch tun hier alle das Gleiche: Steine kloppen. Die Lastwagen bringen Felsbrocken aus dem Steinbruch, die die Frauen mit dem Hammer zerkleinern. Für einen Hungerlohn. Viele der jungen Frauen sind noch keine 17 Jahre alt, haben den Schulbesuch frühzeitig abgebrochen. Sie wurden in den Dörfern neben dem Steinbruch geboren. Hier werden sie auch eines Tages sterben. Das ist der Lauf der Dinge, sagen die Leute achselzuckend, was soll man da machen. Aber die Leute müssen nicht immer Recht behalten. So hoffe ich aus Erfahrung.

MahalakschmizoomZu Hause half sie ihrer Mutter im Haushalt. Foto: Stephen Milne Rückblick - Kailasapuram, Herbst 1998: Damals habe ich Mahalakschmi kennengelernt. Die 12-Jährige muss ihrer Mutter beim Steineschlagen helfen. Mahalakschmis Name bedeutet „großer Reichtum", doch ihre Familie ist arm. Fünf Geschwister sind sie. Sie leben in einem einzigen Raum auf zehn Quadratmetern, direkt am Rande des Steinbruchs. Dort arbeitet Vater Kaveri als Sprengmeister. Sein ältester Sohn ist schon mit 15 Invalide. Bei der Arbeit an einer Maschine, die Steine zerkleinert, geriet sein linker Arm in die wirbelnde Turbine. Der Muskel wurde zerfetzt. Nun ruhen die Hoffnungen der Familie auf der ältesten Tochter Mahalakschmi. Eine Besonderheit in einer Gesellschaft, in der Mädchen lange traditionell benachteiligt wurden. 1998, als ich sie kennenlerne, arbeitet Mahalakschmi nur noch in den Schulferien im Steinbruch. Und das kleine, schüchterne Mädchen hat erstaunlich große Pläne: „Ich wünsche mir, gute Noten zu schreiben, alle meine Prüfungen zu bestehen und später Lehrerin zu werden." Ihr Traum hat Gründe: Schon als Zweijährige fand Mahalakschmi Aufnahme in einer Kindertagesstätte, nur einen Kilometer vom Steinbruch entfernt. Die Einrichtung der südindischen Kirche wird von der Kindernothilfe gefördert. Liebevoll betreuen die Mitarbeiterinnen hier 80 Jungen und Mädchen aus den ärmsten Familien der Region. Ihre Mütter arbeiten derweil im Steinbruch, wissen aber ihre Kinder in guten Händen.

„Mahalakschmi war stark unterernährt, als sie zu uns kam", erzählt Sozialarbeiterin Elsa Premkumar. „Sie ist bei uns ein starkes, gesundes Mädchen geworden." Gesundheitsfürsorge und angemessene Ernährung, Raum zum Spielen und Nachhilfeunterricht für die Schulkinder - in diesem Umfeld lernte Mahalakschmi fürs Leben. 1998 besucht sie bereits die siebte Klasse der höheren Schule, ebenfalls unterstützt durch eine Patenschaft der Kindernothilfe. „Nur wenige aus ihrem Dorf sind den Steinbrüchen entkommen", sagt Sozialarbeiterin Elsa damals. „Mahalakschmi wird hart arbeiten müssen, um ihre Chance zu nutzen."

Mahalakschmi Mahalakshmi und Familie.zoomHeute ist Mahalakschmi Schneiderin in einer Textilfabrik. Foto: Pascal Amos Rest Zehn Jahre später: Ich treffe Mahalakschmi wieder. Sie arbeitet heute als Schneiderin in der Fabrik „Sabare International", drei Stunden Autofahrt entfernt von ihrem Heimatdorf. Aus dem schüchternen kleinen Mädchen ist eine selbstbewusste junge Frau geworden. Stolz führt sie mich herum: „Ich arbeite momentan vorwiegend in der Qualitätskontrolle", erzählt sie. „Wir produzieren hochwertige Textilien für den Export." Die Fabrik erweist sich als geradezu vorbildlich. Pieksauber, mit modernsten Maschinen ausgestattet, dazu geregelte Arbeitszeiten, anständige Gehaltszahlungen und Versicherungsschutz für alle Mitarbeiterinnen. Mahalakschmi hat die höhere Schule abgeschlossen. Wollte sie nicht Lehrerin werden? Sie lächelt, als sie sagt: „Wenn du studierst, musst du immer noch zusehen, dass du überhaupt einen Job findest. Da habe ich lieber Schneiderin gelernt, denn so hätte ich selbst ohne feste Anstellung mit einer Nähmaschine zu Hause arbeiten können."

Mahalakschmi Mahalakshmi und Familie.zoomMahalakschmi versorgt heute mit ihrem Gehalt ihre Familie. Foto: Pascal Amos Rest Den festen Job aber hat sie gefunden. „Ich bin sehr froh darüber!", sagt sie. „Heute helfe ich meiner Familie mit einem großen Teil meines Einkommens." Mahalakschmis Familie konnte inzwischen in eine geräumige Mehrzimmerwohnung umziehen, mit Stromanschluss, Fernseher und Motorrad vor dem Haus. Mahalakschmi erzählt mir mit ernstem Blick: „Mein älterer Bruder hat damals nach seinem Unfall gesagt: ‚Nehmt keine Rücksicht auf mich! Ich will, dass meine Schwester eine gute Ausbildung bekommt!' Weil er auf sein Recht als ältester Sohn verzichtet hat, konnte ich werden, was ich bin. Doch genauso viel verdanke ich meinen Pateneltern bei der Kindernothilfe. Ohne ihre Unterstützung würde ich heute noch im Steinbruch arbeiten."

Martin Buchholz, Filmemacher für ARD, ZDF und arte

Filmtipp:
Mahalakschmis Geschichte können Sie sich auch auf DVD: "Ich verändere die Welt" - Sechs Geschichten aus der Einen Welt von Martin Buchholz. Die DVD können Sie kostenlos bei der Kindernothilfe ausleihen.

Angela Merkel, Florence , Mahalakschmi , Guillermo Francicso Ramos Flores und Dr. ThiesbonenkampzoomFoto: Frank Peterschröder

Mahalakschmi in Deutschland:
Im März 2009 kam Mahalakschmi zum 
50-jährigen Jubiläum der Kindernothilfe nach Duisburg. Beim Festakt traf sie Bundeskanzlern Angela Merkel.

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