Das Frauenhaus im pakistanischen Sangla Hill bietet nicht nur Schutz vor Gewalt - mit Unterstützung der Kindernothilfe lernen Mädchen und Frauen hier auch, ein emanzipiertes Leben aufzubauen.
Katharina Nickoleit, freie Journalistin

Bei SHE können Alishba (2.v.l.) endlich unbeschwerte Teenager sein. Foto: Christian Nusch
„Nein Vater, tu mir das nicht an, ich will noch nicht heiraten und von zu Hause fortgehen müssen!" Während das junge pakistanische Mädchen auf der Bühne verzweifelt die Hände ringt, schauen die Schülerinnen der Mädchenschule gebannt zu. Die Protagonistin des kleinen Theaterstücks hat Glück: Sie findet Zuflucht in einem Frauenhaus und entgeht so im letzten Moment der Heirat mit einem älteren Mann. Fast alle Zuschauerinnen haben von solchen Zwangsheiraten schon gehört. Und manche sind ihr sogar selbst entgangen.
Alishba ist eine von ihnen: „Mein Vater hat Schulden bei seinem Chef. Und der hat gesagt, wenn er mich heiraten darf, dann erlässt er meinem Vater die Schulden. Aber ich will noch nicht heiraten!" Die Geschichte der 13-Jährigen ist typisch für die verarmte Bevölkerung in der Region rund um Lahore: Ihr Vater schuftet für sehr wenig Geld in einer Ziegelei. Und wenn ein Familienmitglied krank wird, bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als zu Wucherzinsen von den Ziegeleibesitzern Geld zu leihen, das sie niemals zurückzahlen können. So geraten sie und ihre Kinder in Schuldknechtschaft: Während die Jungen schon als Kinder in der Ziegelei arbeiten müssen, werden die Mädchen, kaum dass sie in die Pubertät kommen, als dritte oder vierte Ehefrau an einen Mann vermittelt. So war es auch bei Alishba. Normalerweise hätte sie keine andere Wahl gehabt, als sich ihrem Schicksal zu fügen. Doch wie die Heldin des Theaterstücks hatte auch sie Glück: In der Nähe ihres Dorfes Sangla Hill gibt es eines der wenigen Frauenhäuser Pakistans: das sogenannte SHE-Projekt des Kindernothilfe-Partners Presbyterian Education Board of Pakistan.
Die jüngste „Frau" war sieben Jahre alt
„SHE" steht für „Struggle - Hope - Empowerment", also „Kampf - Hoffnung - Stärkung". Die Einrichtung liegt gut geschützt hinter hohen Mauern auf dem Gelände der Mädchenschule. Der Garten rund um das Frauenhaus ist friedvoll und schön: Blumen blühen, Vögel zwitschern, und auf dem Spielplatz toben fröhlich die Kinder der erwachsenen Frauen, die sich in das Frauenhaus geflüchtet haben. Das Projekt bietet Platz für 15 Frauen und deren Kinder. Die jüngste „Frau", die hierhin geflohen ist, war gerade mal sieben Jahre alt. Seitdem das Projekt 2006 seine Arbeit aufnahm, haben 400 Frauen hier Schutz gefunden. Jede von ihnen hat Schlimmes erlebt: Missbrauch, Gewalt, unerträglichen psychischen Druck.
Man braucht viel Mut, den Schritt zu wagen, die eigene Familie zu verlassen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Den hatte auch Fauzia Qommer. Sie ist 26 Jahre alt, und als Mutter von vier Söhnen müsste ihr in der muslimischen Gesellschaft von ihrem Mann eigentlich viel Respekt entgegengebracht werden. Doch die Armut hat ihren Mann in die Opiumsucht getrieben - und seitdem hat er sie und die Kinder so oft und so heftig geschlagen, dass sie schließlich im Frauenhaus Schutz suchte. „Hier habe ich endlich Ruhe, Frieden und zu mir selbst gefunden", sagt sie, „ich danke Gott tausendfach dafür, dass es diesen Ort gibt."

Mädchen und Frauen lernen, Tücher zu batiken. Foto: Christian Nusch
Schutz für ein halbes Jahr
Alishba und Fauzia leben zusammen mit den anderen Mädchen und Frauen und einer großen Schar Kinder in dem Frauenhaus von Sangla Hill. Es besteht aus drei Schlafräumen mit einfachen Betten, unter denen in ein paar Plastiktüten die Habseligkeiten der Bewohnerinnen verstaut sind. Es mag spartanisch sein, aber für diejenigen, die hier her kommen, ist die Einrichtung ein wahrer Segen. „Alle sind freundlich, keiner schreit herum oder schlägt. Hier kann ich in Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll", meint Fauzia. Doch ebenso wie die anderen Frauen wird sie nicht ewig im Frauenhaus bleiben können. Und auch für die minderjährigen Mädchen wie Alishba ist das Projekt nur eine Zwischenlösung. Sie alle können maximal ein halbes Jahr hier Schutz suchen und die Weichen für ihre Zukunft neu stellen.
„Das Wichtigste ist, dass die Frauen lernen, wie sie selbst Geld verdienen können", weiß Veeda Javaid. Sie leitet das Presbyterian Education Board of Pakistan und ist unter anderem für das SHE-Projekt verantwortlich. „Denn wenn eine Frau etwas zum Familieneinkommen beitragen kann, dann hilft das nicht nur gegen die Armut, sondern verschafft ihr als ‚nützlichem Familienmitglied' auch mehr Respekt. So wird sie selbstbewusster und wehrt sich eher, wenn sie oder ihre Kinder misshandelt werden."

Wer das Frauenhaus verlässt und selbst Geld verdienen kann, kann zu Hause zum Familieneinkommen beitragen. Foto: Christian Nusch
Der Aufenthalt bei SHE kann ein Leben verändern
Deshalb bietet das SHE-Projekt den Mädchen und Frauen nicht nur Schutz, sondern auch Workshops an. Dort lernen sie, bunte Muster in Seidenschals zu batiken und Kleider zu schneidern. Junge Mädchen, die wie Alishba nie zur Schule gegangen sind, können außerdem in der Mädchenschule Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen erwerben. Zudem lernen sie, Traumata zu verarbeiten, selbstsicher aufzutreten und sich für ihre Rechte einzusetzen. Die Workshops stehen auch jungen Mädchen offen, die (noch) nicht in einer Notsituation sind und Zuflucht suchen müssen. Denn so weit soll es erst gar nicht kommen.
Es sind zwar nur ein paar Monate, in denen die Mädchen und Frauen diese Grundkenntnisse erwerben können. Doch Veeda Javaids Erfahrung zeigt, dass die kurze Zeit reicht, um ein Leben zu verändern. So wie bei Fauzia und Alishba. „Ich werde nicht zu meinem opiumsüchtigen Mann zurückkehren", so Fauzia, „sondern zunächst bei Verwandten Unterschlupf suchen und anfangen, Kleider für die Frauen in der Nachbarschaft zu schneidern. So werde ich genug Geld verdienen, um ein Häuschen für mich und meine Kinder mieten zu können." Und Alishba hat keine Angst mehr davor, verheiratet zu werden, wenn sie wieder nach Hause zurückkehrt. „Mein Vater hat versprochen, dass ich nicht heiraten muss. Und mit dem, was ich hier gelernt habe, kann ich ja auch zu Hause arbeiten und zum Familieneinkommen beitragen. Jetzt werde ich ein wichtiges Familienmitglied sein."