Kindernothilfe e. V.

Was damals passierte? Ein Rückblick

Nach der großen Flut - ein Tagebuch

Am 26. Dezember überschlagen sich in den Medien die Schreckensmeldungen von der Flutkatastrophe in Südostasien. Die Kindernothilfe reagiert sofort und ruft zu Spenden für die Krisenregion auf. In den folgenden Tagen wird gemeinsam mit den Partnern vor Ort ein Soforthilfe-Programm erarbeitet. Gleichzeitig melden sich in der Duisburger Geschäftsstelle immer mehr Menschen, die helfen möchten. Unsere Chronik fasst die ereignisreichen Tage nach der Flut zusammen - und ist zugleich ein beeindruckendes Dokument der Solidarität.

Chennai: Junge steht in TrümmernzoomDer Tsunami hat das Dorf dieses Jungen völlig zerstört. Foto: Jens Großmann 26. Dezember 2004
Auf dem Weg zum Weihnachtsfamilientreffen erfahre ich in den Radionachrichten von einem Seebeben in Südasien, bei dem Tausende von Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Mir ist sofort klar, dass auch Projekte der Kindernothilfe betroffen sein müssen. Noch am selben Tag nimmt der Vorstand Kontakt zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf. Wir einigen uns darauf, dass die Kindernothilfe sofort zu Spenden für das Katastrophengebiet aufruft. In der Duisburger Geschäftsstelle wird ein Krisenstab gebildet.

Seebeben: Zerstörtes KindernothilfeprojektzoomZerstörte Kindertagesstätte in Sri Lanka. Foto: Jens Großmann 27. Dezember 2004
Die Zahl der Toten wird in den Medien laufend nach oben korrigiert. Die Kindernothilfe sagt als erste Soforthilfe 150 000 Euro für die Opfer der Flutkatastrophe in Sri Lanka und Indien zu. Das Asien-Referat ist ständig bemüht, telefonischen Kontakt zu den Projektpartnern in diesen Ländern herzustellen. Das gelingt nur teilweise, weil das Telefonnetz zusammengebrochen ist. Schon jetzt wissen wir, dass ca. 20 unserer Projekte in Sri Lanka vom Seebeben betroffen und auch einige Kinder aus den Projekten gestorben sind. Die Lage ist insgesamt sehr unübersichtlich. Unsere Partner berichten von ersten Hilfsmaßnahmen vor Ort, zum Beispiel von der Verteilung von Lebensmitteln. Bei der Kindernothilfe-Österreich geht um 9.08 Uhr die erste Onlinespende ein. Die österreichischen Kolleginnen beginnen mit den Vorbereitungen eines Spendenaufrufes.

Pattinamcherry: Frauen füllen Behälter mit TrinkwasserzoomNach einer Naturkatastrophe fehlt oft sauberes Trinkwasser. Hier organisieren Kindernothilfe-Partner Wasser für Familien in Pattinamcherry/Indien. Foto: Jens Großmann 28. Dezember 2004
Satish Samuel, der indische Kindernothilfe-Koordinator, berichtet, dass in der Region um Nagapattinam 130 Fischerdörfer ins Meer gespült wurden. In Cuttalore hat die Flutwelle sechs Dörfer mit allem Hab und Gut ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zerstört.
Von unserer srilankischen Koordinatorin Annie Kurian hören wir, dass die Region südlich von Batticaloa besonders stark zerstört ist. Die Uferstraßen sind verschwunden, die Gegend ist kaum zu erreichen. Annie Kurian will von der Stadt Kandy aus einen Hilfsgütertransport per LKW durch die Berge organisieren, um die Menschen dort zu versorgen. Für diese Hilfsmaßnahme werden wir ihr 40 000 Euro überweisen.
Benefizkonzert im Duisburger Pulp am 14.1.05zoomBenefizkonzert im Event-Schloss Pulp zugunsten der Kindernothilfe-Arbeit im Tsunami-Gebiet. Foto: Ralf Krämer Wir teilen dem Auswärtigen Amt mit, dass die Kindernothilfe sowohl in Sri Lanka als auch in Südindien Soforthilfe leistet.
Wir erhalten erste Anrufe besorgter Patinnen und Paten, die wissen möchten, ob ihre Patenkinder noch leben. Wir stellen eine Liste betroffener Projekte auf unsere Homepage, die ständig aktualisiert wird. So können sich die Patinnen und Paten schneller informieren.
Die Spendenbereitschaft ist enorm groß, besonders die Online-Spenden steigen drastisch an. Alle ein bis zwei Minuten geht eine Spende ein. Wir erhalten viele Anfragen, wie konkret geholfen werden kann. Das Duisburger Event-Schloss Pulp will ein Benefizkonzert veranstalten, um die Arbeit der Kindernothilfe in Südasien zu unterstützen. Radio Regenbogen in Mannheim ruft zu Spenden für die Kindernothilfe auf. Wir beschließen, ein Mailing an 500 000 Menschen zu schicken, um über die dramatische Lage in den Ländern Südasiens zu berichten und für Soforthilfe und Wiederaufbau zu Spenden aufzurufen. Das österreichische Mailing hat innerhalb weniger Tage ein Mehrfaches an Spenden anderer Aufrufe gebracht.

Jaffna, FlüchtlingslagerzoomDer Kindernothilfe-Partner verteilt Nahrungsmittel im Jaffna-Flüchtlingslager. Foto: Jens Großmann 29. Dezember 2004
Die Zahl der Opfer steigt immer noch. Das Asien-Referat steht in regelmäßigem Kontakt zu den verschiedenen Partnerorganisationen vor Ort. Aus Sri Lanka wird uns der Tod von Kindern aus unseren Projekten bestätigt. Wir sind sehr betroffen. Eine Reihe von Projektgebäuden sind schwer beschädigt. Die Mädchen und Jungen dieser Einrichtungen sind in Flüchtlingslagern untergebracht worden.
Annie Kurian berichtet, dass sie auf den Märkten von Kandy mit dem Einkauf von Hilfsgütern begonnen hat. Morgen wird sie mit zwei LKW an die Küste fahren. Unsere srilankische Partnerorganisation LEADS plant die Verteilung von Lebensmittelpaketen, Küchenutensilien, Zeltplanen und speziellen Paketen für Kinder (Buntstifte, Malpapier, Süßigkeiten, Spielzeug). „Ein Herz für Kinder/Bild hilft" stellt der Kindernothilfe 100 000 Euro für Soforthilfemaßnahmen zur Verfügung.
Das Telefon im Info-Service steht nicht still, da viele Menschen wissen wollen, inwieweit Projekte und Patenkinder betroffen sind und wie sie helfen können.

Tumbo Baro KindergartenzoomAuf der Insel Nias plant die Kindernothilfe den Bau eines neuen Kindergartens. Foto: Christian Jung 30. Dezember 2004
Annie Kurian ist mit zwei Lastwagen in Kalmunai angekommen und organisiert dort die Verteilung der Hilfsgüter. Der Weitertransport in entlegenere, schwer zugängliche Gegenden findet mit Traktoren und kleinen Schiffen statt, teilweise müssen die Hilfsgüter auch zu Fuß transportiert werden.
Aus Indien erhalten wir detaillierte Informationen über die betroffenen Kindernothilfe-Projekte. Wir sind erleichtert, dass es bisher keine Meldungen von toten Kindern gibt. Einige werden allerdings noch vermisst. Die Familien vieler Kinder haben alles verloren.
Erst allmählich wird das Ausmaß der Katastrophe in Indonesien deutlich. Die Kindernothilfe sagt 20 000 Euro für Soforthilfemaßnahmen auf der Insel Nias zu.
Die Anfragen von Spenderinnen und Spendern lassen nicht nach. Wir beschließen, dass die Geschäftsstelle auch über Silvester, Neujahr und dem darauf folgenden Sonntag erreichbar sein muss. Ein Team von Freiwilligen wird an diesen drei Tagen arbeiten.
Die Spendenbereitschaft ist überwältigend. Die Kindernothilfe erhöht die Soforthilfe für Sri Lanka und Südindien auf 500 000 Euro.

31. Dezember 2004
Silvester. Wir sind beeindruckt, dass die Spendenbereitschaft weiterhin so groß ist. Der Finanzdienstleister AWD aus Hannover spendet 100 000 Euro, eine Privatperson aus dem Raum Mannheim überweist uns eine Million Euro für Soforthilfe und Wiederaufbau. Aber die vielen kleinen Spenden sind ebenso wichtig. Viele Schülerinnen und Schüler spenden ihr Taschengeld. Aktueller Spendenstand: Zwei Millionen Euro.

Seebeben: FlüchtlingslagerzoomZelte bieten einen ersten Schutz für die obdachlos gewordenen Menschen. Foto: Jens Großmann 1. Januar 2005
Den Beginn des neuen Jahres hatten wir uns alle anders vorgestellt. Trotzdem wächst das Gefühl, das gerade die große Solidarität der Bevölkerung, aber auch der Zusammenhalt innerhalb des Hauses und das große Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser schweren Situation sehr wichtig ist und uns in unserer Arbeit trägt.
Nach Angaben der Behörden sind in Sri Lanka mehr als eine Million Menschen obdachlos, darunter auch viele Familien der von uns geförderten Kinder. Mit ihren Soforthilfeprogrammen erreichen unsere Partnerorganisationen in den kommenden Wochen rund 70 000 Menschen an der Ostküste Sri Lankas. Wir sind froh, dass die große Spendenbereitschaft der Menschen in Deutschland dies möglich macht.
Die Duisburger Philharmoniker und die Gäste ihres Neujahreskonzertes spenden mehr als 12 000 Euro. In vielen Neujahrsgottesdiensten wird ebenfalls zugunsten der Kindernothilfe gesammelt.

Sauerland, Oberbürgermeister, Duisburg hilftzoomDuisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (l.) und Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzender Dr. Jürgen Thiesbonenkamp besiegeln die Zusammenarbeit im Bündnis "Duisburg hilft". Foto: Ralf Krämer 2. Januar 2005
Auch am Sonntag werden im Info-Service Anfragen bearbeitet und Anrufe entgegengenommen. Der Essener Energie- und Chemiekonzert RAG Aktiengesellschaft übernimmt für zehn Jahre 100 Patenschaften für Kinder aus dem Katastrophengebiet.

3. Januar 2005
Die Stadt Duisburg folgt dem Aufruf von Bundeskanzler Schröder, Partnerschaften mit betroffenen Regionen oder Städten zu gründen. Unter dem Motto „Duisburg hilft" wird die Stadt Spenden zugunsten der Kindernothilfe sammeln, um den Wiederaufbau in der Region Kalmunai zu unterstützen.

4. Januar 2005
Dietmar Roller, im Vorstand der Kindernothilfe verantwortlich für die Auslandsarbeit, fliegt nach Sri Lanka, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und mit den Partnerorganisationen über Wiederaufbaumaßnahmen zu beraten. Auch die Rheinische Post möchte die Kindernothilfe beim Wiederaufbau in Südasien unterstützen. Sie wird im Verlauf des Jahres regelmäßig über den Stand vor Ort berichten.

5. Januar 2005
Wir erhalten immer mehr Anfragen von Gruppen, Arbeitskreisen, Kommunen, die die Idee der Partnerschaft aufgreifen und ein konkretes Projekt unterstützen möchten. Vermehrt gehen auch Anfragen nach Patenschaften in den betroffenen Ländern ein.
Der niedersächsische Städte- und Gemeindebund wird die Arbeit der Kindernothilfe in Südasien mit einem Patenschaftsfonds unterstützen, aus dem Waisenkinder und weitere von der Flutkatastrophe betroffene Kinder langfristig gefördert werden sollen.

Flüchtlingslager Kaluwankeny, Dietmar Roller und Kinder der KindertagesstättezoomAuslandsvorstand Dietmar Roller in einem Flüchtlingslager in Sri Lanka. Foto: Kindernothilfe-Partner 6. Januar 2005
Dietmar Roller ist in Sri Lanka eingetroffen. Er berichtet davon, dass immer noch sehr großes Chaos herrscht. Nach Gesprächen mit der Tsunami-Koordinationsstelle der deutschen Botschaft in Colombo wird die Kindernothilfe in das Netzwerk der Hilfsorganisationen aufgenommen. Die Wiederaufbaumaßnahmen müssen in Ruhe mit den Betroffenen gemeinsam geplant werden, was noch einige Zeit dauern wird und von den Spendern in Deutschland Geduld erfordert. Viele Menschen stehen unter Schock. Sie haben große Angst vor dem Wasser. Diese Menschen brauchen Begleitung und Beratung. Die Kindernothilfe wird ein Fortbildungsprogramm in Sri Lanka finanzieren, in dem zunächst 600 Freiwillige durch Fachleute in Trauma-Arbeit ausgebildet werden.
Meldungen, nach denen Kinder aus Flüchtlingslagern verschwinden, werden von unseren Partnerorganisationen bestätigt. Die Kindernothilfe bietet zunächst 100 unbegleiteten Mädchen und Jungen einen Platz in ihren Wohnheimen, um sie vor Gefahren wie Entführung oder Missbrauch zu schützen.
Wir erhalten weiterhin Anfragen von Firmen, einzelnen Medien, Gruppen und Privatpersonen, die sich in größerem Umfang längerfristig für den Wiederaufbau engagierten möchten.

Pondicherry, Parangipettai: Fischer machen erste Probefahrten auf neuen BootenzoomZum ersten Mal unterstützt die Kindernothilfe auch Familien auf den Andamanen. Foto: Kindernothilfe-Partner 7. Januar 2005
Unser indischer Partner HCDI wird auf den Andamanen Aufbauhilfe leisten. In Südindien sollen in einem längerfristigen Programm 15 Dörfer wiederaufgebaut werden, die durch die Flutwelle völlig zerstört wurden. 500 Fischer, die Boote und Netze und damit ihre Lebensgrundlage verloren haben, sollen ebenso unterstützt werden wie Bauern, deren Land durch das Salzwasser unfruchtbar geworden ist.

Hildegard Peters
damals Leiterin des Referats Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Hildegard.Peters@knh.de


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