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5 Jahre nach dem Tsunami: Ein Überblick

Fünf Jahre nach dem Tsunami: Ein Überblick

Am 26. Dezember 2004 löst ein schweres Seebeben vor der Westküste Sumatras mehrere gigantische Flutwellen aus, die die Küsten unter anderem von Indien, Sri Lanka und Indonesien überrollen. Nach offziellen Schätzungen sterben etwa 230 000 Menschen, mehr als 110 000 werden verletzt, über 1,7 Millionen obdachlos. Dank der großen Unterstützung der Spender helfen die Kindernothilfe und ihre Partner tausenden Menschen zurück ins Leben.

Insel Pulau Nasi: StrandzoomFoto: Christian Jung Als das Unvorstellbare geschieht, reagieren die Kindernothilfe-Partner in Indien, Sri Lanka und Indonesien sofort. Erste Hilfslieferungen erreichen die Überlebenden bereits wenige Stunden nach dem Unglück. Für die Kindernothilfe beginnt ein Prozess, der in der Schwerpunktsetzung ihrer Auslandsarbeit etwas verändert. „Vorher haben wir nur dort Humanitäre Hilfe geleistet, wo wir bereits Projekte förderten", erklärt Auslandsvorstand Dietmar Roller. „Der Wendepunkt war der Tsunami in Südostasien. Das Ausmaß der Katastrophe war einfach zu groß, um die Augen davor verschließen zu können. Wir haben damals eine eigene Stelle für diesen Bereich geschaffen und uns fachlich etabliert. Heute gehören wir zu den großen Organisationen, deren Name auch für Humanitäre Hilfe steht, allerdings mit dem Blick für die Bedürfnisse der Kinder."

Sind die Menschen mit dem Nötigsten versorgt und ist eine Katastrophe längst aus den Medien verschwunden, zieht sich die Kindernothilfe nicht zurück. „Oft ist der Einstieg in die Katastrophenhilfe auch der Ursprung eines neuen und langfristigen Projekts", so Dietmar Roller. „Wir wollen den Betroffenen nicht nur für ein paar Monate helfen, sondern mit ihnen langfristig neue Lebensperspektiven schaffen." Nach dem Tsunami planen die Kindernothilfe und ihre Partner vor Ort die nächsten Schritte gemeinsam mit der Bevölkerung: den Aufbau ihrer Häuser, der Schulen und Kindergärten. Die Bilanz fällt beeindruckend aus. „Mit Hilfe unserer Partner und der Bevölkerung haben wir mehr als 2 100 Wohnhäuser, 45 Kinder-
tagesstätten und fünf Schüler-Wohnheime wiederaufgebaut", berichtet Dietmar Roller.
Menschen, die alles Hab und Gut verloren haben, brauchen so schnell wie möglich Verdienstmöglichkeiten, um sich wieder eine neue Existenz aufbauen zu können. Die Kindernothilfe-Partner organisieren Cash-for-Work-Programme - die Erwachsenen werden dafür bezahlt, Trümmer und Schlamm wegzuräumen; sie legen Bewässerungsgräben an, damit das Wasser abfließen konnte, sie entsalzen die Felder, um wieder Gemüse
anbauen zu können. Fischer bekommen Material, um neue Boote zu bauen. Erwachsene wie Kinder, die unter schweren Traumata leiden, erhalten fachkundige Hilfe, um wieder ins Leben zurückzufinden. Die Kindernothilfe-Partner bilden medizinische Helfer aus, weil die überlebenden Ärzte und Krankenschwestern die Aufgabe nicht allein bewältigen konnten.

Damit Kinder die Traumata überwinden können, ist es wichtig, dass sie wieder in eine normale Alltagsroutine eingebunden werden. Dazu gehört auch der Schulunterricht. Viele Lehrer sind beim Tsunami umgekommen, deshalb schulen die Partner Freiwillige, die sehr bald mit dem Unterricht beginnen.

Banda Aceh: \zoomTraumacare: Foto: Christian Jung In Südindien treffen wir Abinaya. Die 14-Jährige lebt an der Ostküste in Akkaraipettai im Nagapattinam-Distrikt. Akkaraipettai ist eines der vielen Dörfer, die vom Tsunami völlig zerstört wurden. Über 6 000 Menschen starben. Abinaya war neun Jahre alt, als der Tsunami übers das Land raste. Sie spielte gerade mit ihren Geschwistern vor dem Haus, der Vater war drinnen beschäftigt, die Mutter unterwegs. „Plötzlich sah ich dicke, schwarze Wellen
vom Meer kommen. Sie schluckten selbst die größten Bäume am Strand. Ich schrie nach meinem Vater. Er konnte wegen seiner Kinderlähmung nicht so schnell laufen. Er versuchte uns festzuhalten und mit uns wegzurennen."
Das Mädchen schluckt und ringt um Fassung. „Als die Wellen uns einholten, konnte er nur noch mich und meinen Bruder festhalten. Meine zwei Schwestern wurden von den Wellen davongetragen." Die Mutter wurde später am Strand gefunden - tot. Das Haus der Familie war nur noch ein Haufen Schutt. Die Kindernothilfe-Partner im Nagapattinam-Distrikt halfen den Menschen in der ganzen Region mit Lebensmitteln, Kleidung,
Zelten, Hausrat. Sie bauten Wohnhäuser, Kindertagesstätten und Gemeindezentren in 45 Dörfern des Distrikts wieder auf. Abinaya und ihre kleine Familie zogen 2006 in ihr neues Haus. Der Kindernothilfe-Partner St. Joseph‘s Development Trust (SJDT) holte Psychologen in die Dörfer, damit sie sich um die traumatisierten Überlebenden kümmerten. Auch Abinaya und ihr Bruder machten eine Therapie. Der Partner motivierte die
Dorfbewohner, sich zu Selbsthilfegruppen zusammenzuschließen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden. SJDT initiierte als erste Organisation nach dem Tsunami in Akkaraipettai Selbsthilfegruppen für Menschen mit Behinderungen. „Mein Vater hat früher wegen seiner Behinderung nicht gearbeitet, aber jetzt hat er sich sehr verändert", erzählt Abinaya stolz. „Zuerst war er überhaupt nicht an solch einer Gruppe interessiert, aber dann ging er doch zu einem Treffen. Heute ist er der Leiter der Gruppe! Das machte ihn richtig selbstbewusst. Er ging sogar zu den Behörden und besorgte sich einen Ausweis,
mit dem er staatliche Unterstützung beantragen konnte. Das hätte er früher nie gemacht. Er bekam einen Kredit für den Kauf von zwei Kühen. Heute verkauft er jeden Tag Milch und verdient dadurch Geld für unseren Unterhalt."

Auch Lathifa, die im Ampara-Distrikt in Sri Lanka lebt, hat ihr Leben nach dem Tsunami wieder in den Griff bekommen. Ihr Mann und ihre vier Töchter überlebten die Katastrophe, aber viele Verwandte und Freunde starben. Der Kindernothilfe-Partner MWRAF sorgte dafür, dass sie wieder eine Arbeit fand, mit der sie ihre Familie ernähren kann. Der Amapara-Distrikt ist bekannt wegen seiner Webereien. Der Tsunami zerstörte alle Häuser, alle Webstühle und machte die Dorfbewohner obdach- und arbeitslos. Während andere Organisationen den Wiederaufbau der Häuser organisierten, kümmerte sich der Kindernothilfe-Partner MWRAF um schnelle Verdienstmöglichkeiten für die Menschen. Da die meisten Frauen Weben gelernt hatten, schaffte MWRAF neue Webstühle an.
Außerdem kaufte der Partner ein Stück Land und baute darauf ein Schulungszentrum zum Weben und Garnspinnen. Dort zeigte ein Designer den Frauen, wie sie die Qualität der Stoffe verbessern konnten, um die Verkaufszahlen zu steigern. Das Gelernte setzten sie zu Hause an ihren neuen Webstühlen in die Tat um. Neben Sarongs - so wie früher - nähten die Frauen jetzt auch Stofftaschen, für die es einen guten Absatzmarkt gab. „Als ich hörte, dass MWRAF Webstühle verteilt, war ich sofort zur Stelle", erzählt Lathifa. „Ich musste dringend Geld verdienen. Zusammen mit meinen ältesten Töchtern bin ich auch
zur Trauma-Beratung gegangen, die MWRAF in unserem Dorf angeboten hat. Allein hätten wir hätten das Erlebte niemals verarbeiten können."

Lathifas Mann fährt inzwischen wieder aufs Meer hinaus zum Fischen. Aber immer wenn das Wetter stürmisch und die See rau ist, kommt die Angst wieder hoch und er bleibt an Land.In Lathifas Dorf baute der Kindernothilfe-Partner auch einen neuen Kindergarten. Alle Kinder aus dem Dorf, unabhängig von Religion und Volkszugehörigkeit, spielen und lernen hier gemeinsam, während ihre Eltern arbeiten. Der Tsunami hat die Menschen zusammengeschweißt.

Pulau Nasi (Indonsien) nach dem TsunamizoomPulau Nasi nach dem Tsunami. Foto: Kindernothilfe Der 28-jährige Syafrudin hat die Flutwelle auf der indonesischen Insel Pulau Nasi erlebt. Indonesien war von der Katastrophe am stärksten betroffen. Pulau Nasi liegt vor der Küste von Banda Aceh. Vor dem Seebeben lebten hier 1 554 Familien in drei Dörfern. Die Küstenbewohner hatten keine Chance, als die erste Welle kam. Die Bevölkerung im hügeligen Hinterland hatte Glück - ihre Häuser wurden nicht komplett zerstört. Aber ihre
Felder in der Ebene wurden durch das Salzwasser unfruchtbar. Die Inselbewohner trugen tonnenweise Schlick und Schlamm ab, gruben auf ihren Äckern Kanäle, um den Abfluss des Salzwassers zu beschleunigen und bauten das Bewässerungssystem wieder auf; als Gegenleistung bekamen sie vom Kindernothilfe-Partner AMURT Lebensmittelpakete. AMURT verteilte auch landwirtschaftliche Geräte und Saatgut für Reis, dicke Bohnen, Bananen, Chilis, Erdnüsse und Wassermelonen. Der Partner schickte Fachleute aus dem Landwirtschaftsministerium zu den Bauern, damit sie ihnen moderne Anbaumethoden
und den Einsatz von organischem Dünger zeigen. Syafrudin verdient mit seinem Acker heute genug Geld, um seine vierköpfige Familie zu versorgen.

Der Tsunami hatte auch Pulau Nasis einzigen Kindergarten zerstört. Aus Beton und Zement errichteten ortsansässige Handwerker ein erdbebensicheres Gebäude. Dort spielen und lernen
heute rund 40 Vorschulkinder. Für AMURT war die Arbeit auf der Insel 2007 beendet. Die Bauern hatten sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und waren nicht mehr auf Hilfe angewiesen. Der Kindergarten wurde in die Hände der Einheimischen übergeben.

Während der Abfassung dieses Artikels kommt es in Indonesien mehrere Male zu schweren Erdbeben. Die Bewohner von Pulau Nasi erinnert jedes Beben an die Katastrophe von damals. Sie wissen aus eigener Erfahrung, was ihre betroffenen Landsleute jetzt fühlen. Und sie beten, dass sie selbst verschont bleiben. Die Kindernothilfe-Partner sind auch bei den neuerlichen Katastrophen vor Ort und helfen mit Rat und Tat. Sie sind ein
eingespieltes Team, das dank seiner langjährigen Erfahrung und seiner großen Netzwerke sofort weiß, wo welche Hilfe angebracht ist. Ohne sie wäre eine erfolgreiche Auslandsarbeit nicht möglich.


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