
Sasikala (12) hat wieder gelernt zu lachen. Foto: Kindernothilfe
Vor einem Jahr bebte vor den Küsten Südostasiens die See. Mehr als 220 000 Menschen starben, über 1,8 Millionen wurden obdachlos. Die Kindernothilfe und ihre Partner leisteten Soforthilfe, unterstützen den Wiederaufbau und kümmern sich um traumatisierte Menschen. Rund 17 Millionen Euro sammelte die Kindernothilfe an Spenden. Die Ein-Jahres-Bilanz der geleisteten Hilfe illustriert: Das Geld ist gut angelegt. Der Blick zurück ist nur eine Zwischenstation. Die Arbeit geht weiter, bis die Menschen für sich selbst sorgen können.
Sasikalas Geschichte
Die Welle bricht herein. Als die Wassermassen zurückfluten, geben sie den Blick frei auf leblose Körper. Sasikala (12) kniet über einem anderen Kind, schlägt immer wieder verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht. Wenig später ruft die 12-Jährige fröhlich: „Get up, children – Steht auf, Kinder!“ Um sie herum erheben sich ihre Spielkameraden. Denn heute ist die Katastrophe nur ein Spiel. In der Tagesstätte des Kindernothilfe-Partners SHADOW führen die Kinder das Tsunami-Drama auf. Das Theaterstück soll ihnen helfen, ihre schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten.
Ein Jahr ist vergangen, seit die Flutwellen Sasikalas Heimatdorf an der Ostküste Sri Lankas mit brachialer Gewalt zerstörten. Die Wassermassen erfassten das Mädchen. Soldaten zogen die 12-Jährige schließlich aus den Fluten. Um sie herum trieben Leichen im Wasser. Sasikalas Schwester starb, ihre Eltern traf sie erst Tage nach der Katastrophe in einem Flüchtlingslager wieder. Dort entdeckten sie die Sozialarbeiter von Shadow. Sasikala sprach kaum, lachte nie. Wer das heute hört, glaubt es kaum. Sasikala spielt im Tsunami-Drama eine Hauptrolle, erzählt viel, animiert andere zum Mitmachen. Dank der Betreuung bei Shadow schaffen es Kinder wie Sasikala, ihr Trauma zu überwinden. Sie malen Bilder der Katastrophe, spielen und reden mit psychologisch geschulten Mitarbeitern. Auch Erwachsene sind während der Gesprächstherapie aus den Tiefen der Trauer wieder aufgetaucht, in die sie nach der Katastrophe versanken.
Das Heimatdorf dieser Kinder wurde nach dem Tsunami wieder aufgebaut. Foto: Uta Rademacher
Soforthilfe, Trauma-Behandlung, Wiederaufbau, Schaffung neuer Lebensgrundlagen
Die Arbeit mit traumatisierten Menschen ist einer der Bereiche, in denen die Kindernothilfe mit ihren Partnern die Opfer der Katastrophe unterstützt. Soforthilfe, Trauma-Behandlung, Wiederaufbau, Schaffung neuer Lebensgrundlagen: Das sind die Bausteine der Tsunami-Hilfe, die die Kindernothilfe mit den Spendengeldern finanziert. 78 Projekte in Südindien, Sri Lanka, Indonesien und auf den Andamanen sind im Jahr 2005 mit Geldern der Kindernothilfe finanziert worden, weitere 14 Hilfsmaßnahmen sind bereits fest geplant. Mehr als sieben Millionen Euro hat die Kindernothilfe schon an Partner vor Ort überwiesen, der Rest folgt in den kommenden zwei Jahren.
Indien, Sri Lanka und Indonesien
In Indien konzentriert sich die Hilfe auf die Ostküste von Tamil Nadu, auf Andhra Pradesch und auf die Inselgruppe der Andamanen. Neun Partner führen die Projekte vor Ort durch. In Sri Lanka sind acht Partner der Kindernothilfe an der Ostküste von Trincomalee bis Komari und im Großraum Colombo aktiv. Regionaler Schwerpunkt in Indonesien sind die Provinz Aceh und die Insel Nias. Sechs Partner arbeiten in dem Inselstaat.
Soforthilfe
Die erste Phase der Hilfe lief unmittelbar nach dem Seebeben an. Bei 24 Soforthilfe-Maßnahmen wurden Zelte, Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleidung und Schulutensilien verteilt. Zu den ersten Hilfsmaßnahmen gehörten die medizinische Versorgung und Impfungen, um die Seuchengefahr einzudämmen. Die Helfer sorgten dafür, dass die Menschen rasch Zugang zu sauberem Wasser hatten, und bauten Sanitäranlagen. Über 222 000 Opfer der Katastrophe erreichten die kindernothilfe und ihre Partner mit diesen Soforthilfe-Maßnahmen.
Seite aus dem Trauma-Buch. Foto: Kindernothilfe
Trauma-Hilfe
Unglücke wie das Seebeben hinterlassen die Menschen mit tiefen seelischen Wunden: Sasikala, das Mädchen aus Sri Lanka, verlor seine Schwester, es selbst schwamm zwischen Leichen, bevor Soldaten es retteten. Es sind solche Schreckensbilder, die sich in die Köpfe brennen. Deshalb setzte die Trauma-Arbeit durch geschultes Personal direkt nach dem Tsunami ein. In acht Projekten der Kindernothilfe steht die Bewältigung von psychischen Folgen der Katastrophe im Vordergrund. Schon im Januar 2005 begann die Schulung der Helfer. Insgesamt profitierten mehr als 15 000 Menschen von der Traumaarbeit der Kindernothilfe-Partner.
Neues Haus im Fischerdorf Ralodai. Foto: Uta Rademacher
Wiederaufbau
Die seelische Aufbauarbeit für die Betroffenen ist ebenso wichtig wie der Wiederaufbau zerstörter Dörfer. In 21 Projekten unterstützt die Kindernothilfe aktuell Menschen dabei, Häuser und öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Kindertagesstätten und Gemeindesäle wieder aufzubauen. Weitere elf solcher Projekte beginnen in den nächsten Monaten. Insgesamt erreichen die Wiederaufbau-Hilfe rund 29 000 Menschen.
Nähmaschinen als Existenzgrundlage. Foto: Uta Rademacher
Schaffung neuer Lebensgrundlagen
Die Flut hat die meisten Menschen nicht nur obdachlos, sondern auch ohne Einkommen zurückgelassen. Fischerboote und Netze, Werkzeuge und Werkstätten, Geschäfte und Anbauflächen – all das zerstörte das Meer. Und so fördert die Kindernothilfe derzeit 14 Projekte, in denen neue Existenzgrundlagen für die Betroffenen entstehen. Im Vishakapatnam-Distrikt konnten zum Beispiel 400 Familien ihre Häuser wieder aufbauen, ihre Boote und Netze reparieren und so schnell wieder für den eigenen Lebensunterhalt sorgen. Die schonende Nutzung von Feldern, Weiden und Nutzgärten vermitteln Mitarbeiter der Partnerorganisationen anderen Projekten. Besonders viel Wert legen die Kindernothilfe und ihre Partner darauf, dass die Menschen möglichst viel zum Wiederaufbau beitragen und mitbestimmen, wie die Hilfe am Besten angelegt wird.
Beispiel Südindien
Hilfe nach der Katastrophe bedeutet auch: Hilfe für ein gesichertes Leben in Zukunft. Ein gutes Beispiel für diesen langfristigen Ansatz sind Projekte, die die Partner CCCYC (The Churches Council for Child and Youth Care) und St. Joseph Development Trust in Südindien organisieren. Mit gezielter Unterstützung sollen Dorfgemeinschaften so gestärkt werden, dass sie nicht mehr in Armut leben müssen.
Frauen aus Nagapattinam, die eine Selbsthilfe-Gruppe gegründet haben. Foto: Eva Sonnenschein
Selbsthilfe-Gruppen
In der südindischer Region Nagapattinam zerstörte die Flutkatastrophe 73 Dörfer. 22.300 Menschen verloren dort ihre Lebensgrundlage. Zunächst lief die Soforthilfe an. Zwei Wochen nach der Katastrophe begann die nächste Phase der Arbeit. Mitarbeiter der Partnerorganisationen besuchten die Dörfer und halfen den Frauen dort bei der Gründung von Selbsthilfegruppen. Frauen, die bereits vor dem Seebeben lange in solchen Gruppen Erfahrungen gesammelt hatten, betreuten die neuen Mitglieder. Insgesamt gibt es in der Region 76 Selbsthilfegruppen mit 1.200 Teilnehmerinnen. Ziel ist es, gemeinsam Lösungen für die Probleme der Dörfer zu finden. Die Frauen sparen zusammen Geld, um sich später gegenseitig Kleinkredite zu geben. So können sie kleine Geschäfte oder Betriebe gründen, um dauerhaft Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Mitarbeiter der Partnerorganisationen begleiten die Selbsthilfegruppen. Außerdem unterstützte die Kindernothilfe in der Region den Bau von 15 Kindertagesstätten. Dort spielen, basteln und singen heute Drei- bis Fünfjährige gemeinsam. Das Angebot der Einrichtungen komplettieren psychologische Betreuung, Mahlzeiten und Beratungsangebote für die Mütter. In fünf Nachhilfezentren werden die Schulkinder am Nachmittag betreut.
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