Die Flut hat viele Kinder in Pakistan zu einem Leben auf der Straße getrieben. Allein in Peschawar sind es mittlerweile fast 10.000, etliche tummeln sich um den zentralen Busbahnhof. Damit er nicht zur Endstation im Leben der Kinder wird, fördert die Kindernothilfe eine besondere Anlaufstelle.

Kam mit dem Bus und 20 Rupees nach Peschawar: Jawad. Foto: Jens Großmann
Nur 20 Rupiem hatte Jawad mitgenommen, 16 Cent. Für den Bus. Am liebsten wäre er bis nach Karachi gefahren oder Lahore, aber dafür hätte das Geld nicht gereicht. Also Peschawar. Nachts ist der 14-Jährige am Lahore Bus Stand, dem größten Busbahnhof der Stadt, angekommen. Allein. „Ich bin von zu Hause abgehauen", sagt er knapp. „Weil sie mich geschlagen haben - mein Onkel Mutter und meine Mutter." Er schiebt den Ärmel hoch und zeigt zwei tiefe Narben am Unterarm: Schlag- und Brandwunden. Am Bein noch eine, an der Hüfte auch. „Mein Onkel ist Schmied. Bei ihm habe ich gearbeitet. Er hat mich mit Werkzeug geschlagen."
Gewalt gehört für viele Kinder in Pakistan zum Alltag. Drei Viertel aller Eltern in Pakistan halten Schläge für ein probates Erziehungsmittel. Das geht aus einem Bericht des Kindernothilfe-Partners Sparc (Society for the Protection of the Rights of the Child) hervor. Bislang, so Sparc, werde von Seiten der Politik zu wenig getan, um die Rechte der Kinder zu schützen. So existiere etwa noch immer keine nationale Datenbank, in der Fälle von Gewalt gegen Kinder dokumentiert werden.
Jawad wurde in der Nacht von Anwal Khan auf dem Busbahnhof aufgegriffen. Khan ist Präsident des Lahore Bus Stands. Er kümmert sich darum, dass der Verkehr durch seinen Bahnhof fließt, dass die Wartehalle sauber ist - er kümmert sich aber auch um die zahlreichen Kinder, die dort betteln, arbeiten oder, wie Jawad, alleine ankommen. Khan: „Ich habe ihn gesehen und gefragt, wo er herkommt, was er hier macht, und dann habe ich ihn ins Drop-In-Zentrum von Sparc gebracht."
Hifsa (12): Ihr Arbeitsplatz ist der Lahore Bus Stand

Hifsa verkauft schon seit drei Jahren Gebetsketten am Busbahnhof. Foto: Jens Großmann
Die Anlaufstelle für Straßenkinder liegt nur wenige Minuten vom Busbahnhof entfernt. Dort kommen jeden Tag rund 50 Kinder zusammen. Alle sind Straßenkinder. Die wenigsten von ihnen schlafen auf der Straße, aber sie verbringen einen großen Teil des Tages dort. Zubair Ahmed Abbasi ist der Leiter der Einrichtung. „Wir wollen den Kindern eine reelle Chance auf ein besseres Leben geben", sagt er. In der Praxis heißt das: Die Kinder bekommen Unterrichtsangebote, sie treiben Sport, sie spielen „und bei Bedarf werden die Kinder sozialpsychologisch betreut." Die Kinder stammen allesamt aus sehr armen Familien. „Die wenigsten besuchen eine Schule, viele von ihnen leiden unter Stress-Symptomen, einige werden geschlagen, manche sind drogenabhängig und fast alle müssen arbeiten."
Etwa Hifsa: Die Zwölfjährige verkauft Tasbeehs, Gebetsketten aus Perlen. Ihr Arbeitsplatz ist der Lahore Bus Stand. „Ich haben vor drei Jahren damit angefangen", erzählt sie. Ihr Vater sei schwer krank und könne nicht mehr arbeiten, einer ihrer Brüder sei heroinabhängig, der andere arbeite ebenfalls am Busbahnhof. Ihre Gebetsketten kauft sie auf einem Markt und verkauft sie dann an die Buspassagiere. „An manchen Tagen, wenn es gut läuft und ich viel Zeit auf dem Busbahnhof verbringe, bekomme ich ungefähr 200 Rupien", umgerechnet 1,60 Euro.
Hifsa hat das Glück, auf eine Schule gehen zu können. Der Unterricht dort ist nicht zwar nicht gut, aber er kostet auch nichts. Jetzt sind Ferien und Hifsa arbeitet von morgens um neun bis zum Nachmittag auf dem Busbahnhof. Ins Kinderzentrum kommt sie vor allem, um sich auszuruhen. Für die meisten anderen Kinder ist das Drop-In-Centre die einzige Möglichkeit, Unterricht zu bekommen - und so eines Tages weg von der Straße zu kommen.

In der Anlaufstelle können die Kinder auch endlich Kind sein. Foto: Jens Großmann
Über 1.200 Kinder sind im Zentrum registriert, „alleine in diesem Jahr schon fast 370 neue". Nach der Flut ist die Zahl der Straßenkinder in Peschawar angestiegen. Vor der Flut gab es hier rund 8.000. Sparc schätzt, dass ihre Zahl nach der Flut um rund 20 Prozent gestiegen ist. Deshalb hat die Kindernothilfe im Zuge der Katastrophe ihre Arbeit für Straßenkinder ausgeweitet. In Multan etwa, einer Stadt im Herzen Pakistans wird mit den Flutspenden ein neues Drop-In-Centre eingerichtet.
Gunnar Rechenburg, freier Autor