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Hoffen und Bangen nach der Flut

Ein Jahr nach der großen Flut in Pakistan sind viele Familien immer noch auf der Flucht - allerdings nicht mehr vor Wassermassen, sondern vor der Armut. Denn die hat sich durch die Katastrophe auf lange Sicht verschärft. Doch es gibt Hoffnung.

Flut in PakistanzoomGemeinsam stark: Shubana und ihre Großmutter Azmat. Foto: Asher Naveed  „Dort bin ich nicht gerne zur Schule gegangen", sagt Shubana. Dort, damit meint die Achtjährige ihr Heimatdorf bei Shikarpur: ein Fleckchen Erde im nördlichen Sindh, das einem reichen Großgrundbesitzer gehört. Zu dessen Besitz gehören auch die allermeisten Bewohner - so wie Shubanas Eltern: Sie mussten dort für einen Hungerlohn auf den Feldern schuften - um das luxuriöse Leben des Großgrundbesitzers zu finanzieren (mehr zum Thema Schuldknechtschaft). Dort gab es eine Schule, die immer nur stattfand, wenn der Lehrer aus der Stadt auch tatsächlich erschien. Und wenn er da war, war er unfreundlich, schlug die Kinder häufig, so dass viele Mädchen und Jungen lieber ihren Eltern bei der Tagelöhner-Arbeit auf den Feldern halfen.

Dort gab es keinen Fluss - bis der Indus sich im August 2010 mit einer gewaltigen Flut ein neues Bett suchte, dabei zehntausende Menschen vor sich hertrieb und auch das 50 Kilometer entfernte Dorf Shubanas überspülte. Shubanas Familie musste fliehen und verlor dabei alles: ihre Heimat, ihr Vieh, ihre Arbeit.

„Ich hatte so große Angst, als das Wasser kam", sagt Shubana, und ihre sonst so strahlenden Augen werden dunkel. Auch sie kann, wie die meisten anderen Landbewohner, nicht schwimmen. Das gesamte Vieh ihrer Familie ist verendet, auf der Flucht sahen sie viele Tote in den Bäumen - ertrunken, mitgerissen von den Fluten. Über 100 Kilometer ist Shubana mit ihrer Familie geflohen, hin und her, zu Fuß, zum Teil auf Lastwagen, die die Flüchtlinge mitnahmen. Als sie nach der Flut zurück nach Shikarpur wollten, hatte der Großgrundbesitzer bereits andere Familien auf seinem Land wohnen, Flüchtlinge von anderswo, die in ihrer Not für noch weniger Lohn arbeiteten. So zog die gesamte Großfamilie, die 16 Einzelfamilien vereint, in den Slum der Stadt Sukkur, die direkt am Indus liegt. Bei allem Unglück hatten Shubana und ihre Verwandten auch Glück: Niemand kam auf der langen Odyssee ums Leben.

Hier gibt es keine Prügel

In Sukkur lernte Shubana die Kindernothilfe kennen: als die lokale Mitarbieterin Sarah Saher ihre Familie besuchte, um zu sehen, was vor allem die Kinder und Frauen benötigen. Auch vor der Katastrophe hat Kindernothilfe hier in den Armutsvierteln gearbeitet. Als das Wasser kam, flohen alle Slumbewohner, konnten jedoch sofort versorgt werden, unter anderem durch Nothilfemaßnahmen der Kindernothilfe. Die Wassermassen gingen, die Menschen kehrten zurück und bauten ihre Slumhütten am Ufer des Indus wieder auf. Einen anderen Platz hat die Stadt für die Ärmsten nicht. Und es ist enger geworden, denn es sind mehr Menschen hinzugekommen, so wie Shubanas Familie.

Pakistan Reise Flut 2010zoomMädchen und Jungen im Kinderzentrum von Sukkur. Foto: Jens Großmann Als Sarah Saher zum ersten Mal Shubanas Familie besuchte, begann für die Kinder eine gute Zeit. Sarah brachte Lebensmittel und besonders energiereiche Zusatznahrung für die Kinder. Sie informierte über die Kinderzentren der Kindernothilfe, von da an ging Shubana mit all ihren Geschwistern und Cousins in die Schule. „Ich gehe gerne hier in Sukkur zur Schule, denn die Lehrer lieben Kinder." Zum ersten Mal erlebt Shubana eine Schule, in der Kinder aktiv am Unterricht teilnehmen und den Unterricht mitgestalten können. Hier gibt es Lehrer, die lächeln, wenn sie mit den Kindern sprechen. Hier gibt es keine Prügel.

„Und ich sorge dafür, dass alle unsere Kinder regelmäßig zum Unterricht gehen", sagt Shubanas Großmutter Azmat mit Stolz. Über 80 muss sie sein, ihr genaues Alter kennt sie nicht, jedoch war sie bei der Teilung von Pakistan und Indien 1947 bereits verheiratet und Mutter eines Sohnes. Azmat hatte die typische Rolle einer Großmutter, solange sie in ihrem Heimatdorf wohnten. „Dort musste ich immer auf die Babys aufpassen, da ich zu alt bin, um auf dem Feld zu arbeiten." Jetzt ist das nicht mehr notwendig, da nicht alle Erwachsenen in Sukkur Arbeit gefunden haben. Die, die Arbeit haben, verpacken Datteln in Sukkurs Bazar für weniger als einen Euro pro Tag. Die Stadt ist berühmt für seine Datteln, welche auch in Europa günstig zu kaufen sind. Günstig, weil die Menschen, die sie verpacken, kaum von ihrer Arbeit leben können.

"Bestimmt wollten sie Bettler aus uns machen" 

Jetzt passt Azmat nicht mehr auf die Babys auf, sondern begleitet alle Enkel, die zur Schule gehen, und wartet dort bis der Unterricht vorbei ist. „Dann weiß ich auch, dass die Jungen dort bleiben, da sie sonst gerne einmal die Schule schwänzen", sagt Azmat mit einem Blick, der deutlich macht, dass sie ihre Enkel im Griff hat. Dass Azmat zu bitten, die Kinder zur Schule begleitet, hat aber auch einen traurigen Hintergrund. „Es geschah oben an der Indusbrücke vor einigen Monaten," erzählt Shubana mit ernstem Blick. Sie kam mit einer Freundin von der Schule, und ein Auto hielt neben ihnen. Zwei Männer sprangen heraus und versuchten die Mädchen ins Auto zu ziehen. Eine Polizeistreife in der Nähe hörte die Schreie der Mädchen und konnte die Männer in die Flucht schlagen. „Bestimmt wollten sie Bettler aus uns machen", sagt Shubana und guckt ihre Großmutter ernst an. „Seitdem begleite ich die Kinder täglich zur Schule", sagt Azmat, „und wenn solche Männer wieder etwas meinen Enkeln antun wollen ,werde ich so laut schreien, bis die ganze Nachbarschaft zusammenkommt", verkündet die Großmutter nicht ohne Stolz.

Shubana und ihre Geschwister haben ein besseres Leben gefunden. Zumindest solange sie hier zur Schule gehen können. Die Erwachsenen würden lieber wieder in ihre alte Heimat, da sie auf den Feldern des Großgrundbesitzers ein wenig mehr verdient haben. Sie kennen kein anderes Leben als das von der Hand in den Mund, und das ist in der Stadt noch schwieriger geworden. Und mittlerweile wird auch hier in den Slums ihre Existenz bedroht. Denn die Stadt Sukkur möchte aus Angst vor noch größeren Fluten eine Schutzmauer bauen, die genau durch die Slums gehen soll. Die Bulldozer könnten jeden Tag kommen berichten die Männer der Familie.

"Wohin sollen wir denn gehen?"

Pakistan ein Jahr nach der FlutzoomDie Kindernothilfe unterstützt die Menschen dabei, wirtschaftlich aktiv zu werden. Foto: Jens Großmann „Wohin sollen wir dann gehen?", fragen sie. Wir versichern ihnen, dass die Kindernothilfe die Slumbewohner auch bei einer Umsiedlung weiter unterstützen wird - bis sie ihr Leben in eigener Verantwortung und Würde führen können. Dieses erreicht die Kindernothilfe vor allem durch Selbsthilfeprojekte für die ärmsten Frauen, damit sie und ihre Familien wirtschaftlich aktiv werden und sich bald selbst um ihre sozialen und politischen Belange kümmern können. Genau das ist auch der Kern unserer langfristigen Hilfe nach der Flut: Würden wir in Dörfern wie Shikarpur einfach Häuser und Schulen wieder aufbauen, würde sich an den langfristigen Problemen nichts ändern. Im Gegenteil: Früher oder später würde der Großgrundbesitzer wahrscheinlich die Gebäude für sich beanspruchen. Und die Bewohner würden weiter ausgebeutet.

Dass der einfache Weg zurück nach Shikarpur ein Weg zurück in die Ausbeutung des Großgrundbesitzers wäre, wissen auch Shubana und ihre Verwandten. Eine Fabel, die sie von Generation zu Generation weitergeben, zeigt aber auch, wie sehr sie sich Veränderung wünschen: "Ein Huhn teilt mit einer gierigen Zecke seine Körner bis diese aufgebraucht sind. Die Zecke - so wie ein Großgrundbesitzer - will aber mehr und saugt das Blut des Huhns auf, bis es stirbt. Dann will die Zecke noch hoch hinaus, klettert auf einen Baum...und zerplatzt an einem Dorn." Alle lachen, wenn sie sich das Märchen erzählen - und es wird klar, wie sehr es die soziale Realität der Armen in Pakistan widerspiegelt - und wie groß die Hoffung auf Gerechtigkeit ist. Dafür brauchen sie Alternativen. Um diese zu schaffen und Kindern ein kindgerechtes Leben in Freiheit zu ermöglichen, wird sich die Kindernothilfe auch weiterhin langfristig für die Menschen in Pakistan engagieren.

Jörg Denker, Referatsleiter Asien und Osteuropa


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