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„Viele träumen immer wieder von der Nacht,
als das Wasser kam"

Pakistan: Viele Kinder leiden noch heute unter den traumatischen Erlebnissen des vergangenen Sommers. In Kinderzentren wird ihnen geholfen, die Flut-Katastrophe zu verarbeiten. Zudem bekommen sie dort Unterricht. Denn 10.000 Schulen hat die Flut zerstört, ein umfassender Wiederaufbau wird noch lange dauern. Aber auch damit hat die Kindernothilfe begonnen.

Pakistan ein Jahr nach der FlutzoomEinige Kinder haben es schon geschafft: Sie haben keine Angst mehr vor Wasser. Foto: Großmann Nordwest Pakistan: Um nach Pir Sabaq zu kommen, muss man von Nowshera über den Kabul-River. Eine Brücke gibt es dort nicht, stattdessen eine Seilbahn, die hinüberführt zum anderen Ufer. Im vergangenen Sommer wollten sie an der Stelle die neue Brück einweihen, doch dann kam am 28. Juli die Flut. Was geblieben ist, sind die Fundamente der Brückenpfeiler.

„Bis zum Dach unseres Hauses hat das Wasser gestanden", sagt Aisha. Sie ist elf Jahre alt. Anders als die meisten anderen Kinder will sie erzählen, von der Nacht als die Flut kam, von den Tagen und Monaten danach. „Es war ungefähr neun Uhr abends, als das Wasser kam. Alles ist ganz schnell gegangen. Meine Eltern haben mich und meine Geschwister genommen und uns aus dem Haus gebracht. Wir mussten laufen. Überall war schon Wasser und es war dunkel", erzählt sie. Sie weint nicht, ihre Stimme zittert nicht. Rasend schnell kommen die Worte - so wie die Flut vor einem Jahr.

Und dann, fährt sie fort, habe sie ihre Eltern verloren. „Sie waren plötzlich weg und ich wusste nicht wohin. Im nächsten Dorf haben mich Leute angesprochen. Mit denen bin ich dann weitergelaufen". Zwei Tage habe sie nichts essen können vor Angst und Trauer. Geschlafen hat sie, wie viele andere Flüchtlinge auch, in einer am Berg gelegenen Moschee. „Dort habe ich einen meiner Cousins getroffen". Mit ihm zusammen sind sie auf Verwandte gestoßen, „zwei Wochen später habe ich meine Eltern dann wiedergefunden".

In Pir Sabaq wurden alle Häuser zerstört

Ein Jahr ist seit der Flut vergangen. Noch immer sind die Schäden, die die Wassermassen im Juli 2010 hinterlassen haben, deutlich sichtbar. Überschwemmungen seien in der Region normal, sagen die Bewohner. Aber nicht so. Drei Tage hat das Wasser in den Orten entlang des Kabul gestanden, bis es langsam abfloss oder versickerte. Zurück blieben Schlamm, Müll und Ruinen. Die Quote der beschädigten oder zerstörten Häuser ist in der Region extrem hoch. In Pir Sabaq liegt sie bei 100 Prozent.
Dennoch kehre am Ufer des Kabul Rivers langsam Normalität zurück. Das sagen zumindest die Erwachsenen.

Pakistan ein Jahr nach der FlutzoomAisha (r.): Die Elfjährige kann mittlerweile über ihre Erlebnisse sprechen - viele andere Kinder noch nicht. Foto: Großmann Gemeinsam mit der Kindernothilfe hat die pakistanische Kinderrechtsorganisation Sparc, Society for the Protection of the Rights of the Child, in der Region östlich von Peshawar, dort wo die Flut besonders große Schäden hinterlassen hat, zehn Kinderzentren eingerichtet, so genannte CFS, Child Friedly Spaces, kinderfreundliche Räume.

Bunt ist der Eindruck - und voller Leben

Asif Reza ist Koordinator des CFS-Projektes in der Region. „Im November 2010, drei Monate nach der Flut, haben wir hier das erste Zentrum eröffnet", sagt er. Es sind zumeist angemietete Privathäuser, alle mit großem Innenhof. „Wir haben die Räume und die Innenhöfe nach der Flut aufgeräumt und gestrichen." Gestaltet haben sie aber die Kinder: Die Wände sind voll mit Bildern, Plakaten, Bastelarbeiten. Bunt ist der erste Eindruck. Und voller Leben. Im Hof wird gespielt, geschrien, gelacht - ein Eindruck, der nicht zu Pakistan und nicht zu einer Region passen mag, die noch immer dabei ist, eine Katastrophe zu verarbeiten.

„Wir verfolgen mit den Zentren mehrere Ziele", sagt Asif Reza. „Zum Einen geht es um Bildung. Wir bieten hier formellen und informellen Unterricht an". Lesen, schreiben, rechnen aber auch Unterricht in Hygiene und Sozialverhalten.
Zum Anderen werde der Umgang miteinander intensiv geschult, so Asif Reza, aber spielerisch. „Wenn wir den Kindern Spiele beibringen, lernen sie, dass man Regeln einzuhalten hat, wenn das Spiel funktionieren soll". Die Kinder sollen vor allem spielen, Spaß haben und die Katastrophe vergessen. „In den Zentren können sich die Kinder ausleben und austoben - all das, was sie zuhause oft nicht können."

Unbeschwert ist der Umgang zwischen Jungen und Mädchen

Pakistan ein Jahr nach der FlutzoomUmbareen unterstützt die Kinder bei der Traumabewältigung. Foto: Großmann
Auffallend ist der unbeschwerte Umgang zwischen Jungen und Mädchen, wie man ihn ansonsten selten sieht in Pakistan. Dafür sorgen auch Menschen wie Umbareen. Sie sitzt in einem der Räume des Kinderzentrums und lernt mit einer Gruppe das Alphabet. Die junge Frau trägt Kopftuch, nicht den Schleier der traditionellen Muslimen, lacht viel und wirkt, wie die Kinder um sie herum, unbeschwert. Umbareens Vater ist der Mullah von Pir Sabaq. Religiös streng erzogen in einem traditionellen Haushalt, in dem die Frauen zuhause bleiben.

„Die Leute von Sparc haben in unserem Ort mehrere Komitees gegründet, die sich mit den Rechten von Kindern beschäftigen und auch die Kinderzentren unterstützen. Mein Vater wurde ebenfalls in eines dieser Komitees berufen. Und irgendwann kamen die Leute von Sparc mit der Bitte, dass sie dringend eine Frau als Mitarbeiterin für eines ihrer Kinderzentren suchen. Mein Vater hat mir die Chance gegeben".

Bis zur fünften Klasse ging Umbareen zur Schule, dann hat sie weiter gelernt. Zuhause, allein. Derzeit macht sie ihren Master in Soziologie, ebenfalls zuhause. Nur für die Semesterarbeiten fährt sie ins nahgelgene Nowshera ans College.

Seit acht Monaten existiert das Kinderzentrum, seit sechs Monaten ist Umbareen im Team. Sie weiß, was die Kinder in den Tagen der Flut durchgemacht haben: „Ich musste auch fliehen. Wir sind auf den nahegelegenen Berg. Dort haben wir zwei Wochen gewartet." Heute hat sie es sich auch zu ihrem Job gemacht, durchs Dorf zu gehen und mit den Eltern zu sprechen, deren Kinder ganz besonders unter den Erlebnissen vom Juli vergangenen Jahres leiden.

Für die Kinder ist die Flut noch lange nicht vorbei

Für die Kinder ist die Flut noch lange nicht vorbei. „Viele träumen immer wieder von der Nacht, als das Wasser kam. Viele sind noch immer apathisch, traurig, abwesend. Und vor allem: Viele Kinder haben panische Angst vor Wasser". Reema Fayaz ist Psychologin. Die 23-Jährige hat im vergangenen Jahr ihren Master in Psychologie abgelegt und sich seither auf das Thema Traumaarbeit spezialisiert. Seit Januar 2011 arbeitet auch sie für Sparc. Als Psychologin ist sie für alle zehn CFS zuständig. „Ich habe die Kinder in den einzelnen Zentren zunächst beobachtet. Mit denen, die besonders leiden und Symptome eines Traumas zeigen, habe ich in Gruppensessions gesprochen. Die besonders schweren Fälle betreue ich individuell", erzählt sie. Dazu braucht sie das Einverständnis der Eltern. „Viele haben sich am Anfang geweigert, zu akzeptieren, dass ihr Kind unter einem psychologischen Trauma leidet."

Pakistan ein Jahr nach der FlutzoomZehn Schulen in der Region konnte Sparc bereits renovieren. Foto: Großmann Die Organisation Sparc schätzt, dass durch die Flut rund 10.400 Schulen zerstört oder beschädigt wurden. „Für die Kinder ist das oft Teil des Traumas." In der Schule haben sie sich immer sicher gefühlt, und dann steht dort plötzlich das Wasser bis in die erste Etage, die Bank, auf der sie jeden Tag gesessen haben, gibt es nicht mehr.

„Wir haben sofort mit den Renovierungsarbeiten begonnen"

Sparc hat im Westen des Landes zehn Schulen renoviert: fünf in der Region Nowshera, drei in Charsadda und zwei im weiter südlich gelegenen Dera Ghazi Khan. In den meisten Schulen stand das Wasser weit über zwei Meter hoch.
Derzeit sind Ferien. Die werden genutzt, um die Klassenräume zu streichen und mit neuen Möbeln auszustatten.
„Wir haben sofort mit den Renovierungsarbeiten begonnen, nachdem sich das Wasser zurückgezogen hatte", sagt Javed Khan, Schulleiter in Samandar Ghari Nowshera. Zehn Tage hat es gedauert, dann habe er bereits wieder mit dem Unterricht beginnen können.
Vor der Flut, sagt er, habe er 350 Schüler gehabt, jetzt sind es nur noch 255. Das liegt vor allem daran, dass viele Familien nicht mehr das Geld aufbringen können, um ihre Kinder zur Schule zu schicken. Die staatlichen Schulen sind zwar für die Eltern kostenfrei, die Bücher und Schulmaterialen aber nicht.

Für diese Eltern sind die Child Friendly Spaces dann oft die einzige Alternative, wo die Kinder lernen und spielen können. Deshalb wird die Kindernothilfe viele der Zentren auch noch weiter fördern, bis normaler Unterricht wieder möglich ist.

Gunnar Rechenburg, freier Journalist


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