Schuldknechtschaft ist eine der schlimmsten Formen wirtschaftlicher Ausbeutung. Obwohl auch Pakistan diese moderne Art der Sklaverei gesetzlich verbietet, ist sie dort bis heute weit verbreitet - und betrifft auch viele Kinder. Wir sprachen darüber mit Jörg Denker, Leiter des Kindernothilfe-Referats für Asien und Osteuropa.

Jörg Denker: Leiter des Referats für Asien und Osteuropa. Foto: Krämer
Herr Denker, wie funktioniert Schuldknechtschaft in Pakistan?
Wenn dort Menschen, die ohnehin schon am Existenzminimum leben, in Not geraten, haben sie oft keine andere Möglichkeit, als bei mächtigen Großgrundbesitzern Schulden aufzunehmen. Und genau da beginnt das sklavenähnliche Verhältnis: Die Schulden sind so hoch verzinst, dass der Schuldner das Geld auf normalem Wege kaum zurückzahlen kann. Stattdessen versucht er, sich durch Arbeit auf dem Feld freizukaufen - und der Großgrundbesitzer kann die Schuld endlos verlängern, indem er den Lohn bestimmt. Der Grund, warum dieses System so schwer aufzubrechen ist: Der Landbesitz in Pakistan ist auf wenige Familien aufgeteilt - die große Mehrheit besitzt überhaupt nichts.
Was heißt das für die Kinder von verschuldeten Familien?
Je größer die Schuld, desto mehr Familienmitglieder sind gezwungen, beim „Abarbeiten" mitzuhelfen. Leider gehört es in Pakistan zur Normalität, auch die Arbeitskraft der Kinder zu verpfänden. Im schlimmsten Fall hat der Schuldner das schon vor der Geburt getan, so dass Kinder sogar als Schuldknechte zur Welt kommen.
Hat sich die Situation seit der Flut verschlimmert?
Leider sehr. Zum einen hat die Not noch mehr Menschen in die Schuldknechtschaft getrieben - vor allem auch Kinder. Zum anderen kann ein Großgrundbesitzer seine „Leibeigenen" mit noch härteren Konditionen knechten - denn wenn immer mehr Menschen von ihm abhängig sind, kann er etwa den Lohn immer weiter drücken.
Was tut die Kindernothilfe dagegen?
Schon vor der Flut haben wir landlosen Menschen geholfen, sich aus der Schuldknechtschaft zu befreien. Das funktioniert zum Beispiel mit Selbsthilfegruppen: Frauen legen Teile ihrer minimalen Barschaft zusammen, lernen gemeinsam zu sparen, um mit den Erträgen wirtschaftlich aktiv werden zu können. Dieser erste Schritt ist oft schon nach einem halben Jahr geschafft - und nach und nach erwirtschaften die Frauen genügend Geld, um sich und ihre Familien aus der Schuldknechtschaft frei zu kaufen. Unsere Fluthilfe sieht vor, solche Entwicklungsprogramme in Pakistan auszubauen. Zudem unterstützen wir lokale Organisationen, die auf rechtlicher Ebene dafür Kämpfen, dass Leibeigenschaft endlich de facto abgeschafft wird - denn gesetzlich ist sie schon lange verboten.