Brasilien: Unterstützung für Kinder und Eltern

Die jungen Journalisten aus den Favelas von Sete Lagoas

Der Weg junger Leute aus den Favelas von Sete Lagoas im Südosten Brasiliens ist in der Regel vorgezeichnet: Ohne Schulausbildung werden sie, wie schon ihre Eltern, mehr schlecht als recht von Gelegenheitsjobs leben, in armseligen Hütten wohnen, von anderen ausgebeutet und herumgeschubst werden. Doch nicht alle wollen dieses Schicksal hinnehmen: João, Adriely und ihre Freunde sind zur Schule gegangen, um aus der Armut herauszukommen. Und sie haben eine von Kindern und Jugendlichen gemachte Zeitung gegründet, um den Menschen in ihrem Viertel eine Stimme zu geben. Das Kindernothilfe-Projekt SERPAF unterstützt sie dabei.

SERPAF, Junge Leute als Journalisten, Besuch in der Kindernothilfe-GeschäftsstellezoomDie Jugendlichen mit ihrer Zeitung.
Fotos: Ralf Krämer
Weil sie mit ihrer Landwirtschaft nicht mehr genug verdienen können, ziehen viele Kleinbauern in städtische Ballungszentren. Die Hoffnung auf ein besseres Leben wird allerdings schnell zerstört, da es hier für Menschen ohne Berufsausbildung keine Arbeit gibt. Sie landen in den Favelas, den Armenvierteln, und können auch ihren Kindern kein gutes Leben bieten. Hier kommt SERPAF ins Spiel: Das von der Kindernothilfe geförderte Projekt in Sete Lagoas, 70 Kilometer von Belo Horizonte entfernt, hilft Mädchen und Jungen aus bedürftigen Familien, zur Schule zu gehen, einen Beruf zu lernen, aus der Armut herauszukommen, ihre Rechte einzufordern, Missstände anzuprangern und an Veränderungen selbst mitzuwirken. Die Kindernothilfe unterstützt das Projekt seit 1975. João Carlos z.B. hat dank SERPAF einen Job in einer nahegelegenen Milchfabrik bekommen. Der 18-Jährige verdient jetzt sein eigenes Geld und ist finanziell unabhängig. Nachdem seine Eltern gestorben waren, konnte er durch SERPAF neue Hoffnung schöpfen und sein Leben wieder in die Hand nehmen.

Junge Zeitungsredakteure
Einige junge Leute aus dem Projekt haben eine Zeitung ins Leben gerufen, in der sie über Probleme, Vorhaben und aktuelle Projekte in Sete Lagoas berichten. Von besonderer Relevanz sind die Umwelt, eine gesunde Ernährung und das Zusammenleben in den einzelnen Stadtteilen. „Die Straßen hier sind meist unasphaltiert", meint João . Aber auch politische Inhalte, wie z.B. die Mitbestimmungsrechte der Anwohner, gehören zur festen Agenda. Hierzu zählt auch die Arbeit eines Gremiums, das sich zur einen Hälfte aus der Stadtverwaltung und zur anderen aus Bürger zusammensetzt.

DosenkamerazoomFotografieren mit Dosenkameras.
Foto: Kindernothilfe-Partner
Die Jugendlichen schreiben die Artikel, gestalten das Layout in Eigenarbeit und fotografieren, teils mit ganz normalen Kleinbildkameras - teils mit selbstgebauten Dosenkameras. Diese spektakulären Geräte bestehen aus einfachen, handelsüblichen Blechdosen mit einem winzigen Loch an der Vorderseite. Im Inneren wird anschließend das unbelichtete Fotopapier eingelegt und festgeklebt. Die Schwarzweißfotografien sollen das Interesse an den gesellschaftlich relevanten Themen vertiefen und somit zum Lesen der Artikel anregen. Nur die Produktion der 2000 Zeitungsexemplare übernehmen professionelle Druckereien. Nach Fertigstellung verteilen die Jugendlichen die Zeitungen in der Bevölkerung.

Abhängig von der jeweiligen Erfahrung teilen sich die jungen Zeitungsredakteure in drei unterschiedliche Gruppen auf. Die Jugendlichen, die schon die meiste Erfahrung haben, sind für das abschließende Layout der Zeitung verantwortlich. „Am meisten fortgeschritten sind natürlich die Profis", erklärt die 20-jährige Adriely. Bevor die Zeitungen aber abschließend gedruckt werden, können die Jugendlichen aller Gruppen Verbesserungsvorschläge äußern, um die gesamte Ausgabe zu überarbeiten.
Wesentlicher Bestandteil der Arbeit sind Befragungen der Nachbarn aus Sete Lagoas. So werden die Bewohner zur Umsetzung vergangener Projekte oder auch zu ihrer Lebenszufriedenheit interviewt. Die Ergebnisse werden dann anschließend in der Zeitung abgedruckt und veröffentlicht.

Ein Buch über das Leben
„Nossu Mundo" heißt ins Deutsche übersetzt: „Unsere Welt". So haben die Jugendlichen ihr 60-seitiges Buch betitelt, in dem die Schwarzweißfotografien und Gedichte publiziert werden. Viele der Bilder sind dunkel und unscharf, aber in ihrer Wirkung auf dem Betrachter sind sie umso deutlicher. „Die Fotos haben wir entweder mit analogen Kameras oder mit der Dosenkamera gemacht", erklärt João. Die Gedichte, die über ihr Leben in Sete Lagoas erzählen, verfassen die Kindern in Eigenarbeit. Dabei ist es ihnen besonders wichtig, dass ein Zusammenhang zwischen den Fotos und den Gedichten hergestellt wird. Das Ergebnis wird durch dieses Zusammenspiel unterstrichen. Somit ergeben sich auch viele neue Inspirationsquellen für ihre weitere journalistische Arbeit.

Die journalistische Tätigkeit und das Berichten über die Umwelt sensibilisiert die Jugendlichen für viele Probleme und Ereignisse, die sie sonst nicht wahrgenommen hätten. Insofern bekommen sie auch eine andere Weltsicht, die durch ihre tägliche Arbeit kontinuierlich erweitert wird. Dies hat auch noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Durch die Aktionen steigt auch ihr Interesse und Engagement in der Schule. In einem Gedicht der 14-jährigen Marlon heißt es:
„For the obstacles of life/ There is an exit every time.../ We are always walking/ With the hope to find it in a happy end."

Moritz Häs

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