Brasilien: Unterstützung für Kinder und Eltern

Die Welt in der Dose

Dass im brasilianischen Sete Lagoas 25 Kinder mit einer Dose vor den Augen durch die Stadt ziehen, finden die Leute längst nicht mehr ungewöhnlich. Sie wissen: Die Mädchen und Jungen sind wieder auf der Suche nach einem Fotomotiv. Mit ihren Dosenkameras spüren sie die Probleme ihrer Stadt auf, bilden sie ab, mischen sich ein. Das Projekt SERPAF macht's möglich.

Bildergalerie: Fotografieren mit Dosenkameras

Dosenkameras, Junge Journalisten bei SerpafzoomJunger Fotograf mit Dosenkamera. Foto: Kindernothilfe

Innendrin müssen sie schwarz sein, pechschwarz - die Dosenkameras, ganz sorgfältig ausgemalt, damit sich das Licht nicht reflektiert. Aber die Farbe im Kamerainneren ist auch schon fast die einzige Gemeinsamkeit mit den teuren Apparaten aus dem Fotogeschäft. „Das hier ist die Linse", erklärt die zwölfjährige Tátila das Geheimnis des merkwürdigen Gerätes. Man muss schon ganz genau hinsehen, um das winzige Loch zu entdecken, das das Mädchen sorgfältig mit Hilfe einer Nähnadel und wohldosierten Hammerschlägen durch das Dosenblech gebohrt hat, gerade mal einen halben Millimeter groß: „Wenn du das Loch zu klein machst, kann man später nichts erkennen, weil zu wenig Licht eindringt, wird es zu groß, funktioniert die Kamera nicht." Tátila ist Expertin: „Ist doch klar, dann hast du das Bild überbelichtet."

Anlaufstelle für 600 Kinder
Mehrere hundert Dosenkameras haben die Kinder aus dem Projekt SERPAF (Serviço de Promoção ao Menor e à Familia) am Rande von Sete Lagoas, einer ziemlich trostlosen, ehemaligen Industriestadt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, in den vergangenen Jahren gebaut. Außer den sieben Seen - oder besser Teichen und Tümpeln -, die den Ort umgeben und einer Reihe von verfallenden Fabrikruinen mit vor sich hin rostenden Maschinen, halten sich die Attraktionen von Sete Lagoas in Grenzen: Vor allem für die Menschen aus den ausgedehnten Armenvierteln, aus denen die 600 Mädchen und Jungen von SERPAF kommen. 25 von ihnen - alle zwischen elf und vierzehn Jahren alt - sind Fotografen, wie Tátila.

Journalistin engagiert sich
Den Anstoß für ihr Projekt lieferte Rosina Duarte, eine für die Kindernothilfe arbeitende, engagierte brasilianische Journalistin aus Porto Alegre, die die Einrichtung vor einigen Jahren besuchte. Sie erzählte von den Dosenkameras, weckte Neugier und erreichte, dass 21 Mädchen und vier Jungen zusammen mit einem Erzieher zu experimentieren begannen.

Dosenkameras, Junge Journalisten bei SerpafzoomBemalte Dose. Foto: Kindernothilfe Kameras aus Dosen
Zuerst sammelten sie leere Blechdosen. Zwei-Kilo-Milchpulver-Konserven, unverbeult und mit einem perfekt schließenden Deckel. „Erst waschen wir sie ganz sorgfältig aus und lösen das Etikett ab", doziert João (13), der keinen Hehl daraus macht, dass er am Anfang den fotografierenden Dosen eher skeptisch gegenüberstand. „Dann werden die Konserven in der Sonne getrocknet." Der nächste Schritt ist der perfekte schwarze Innenanstrich. Anschließend wird das Kameragehäuse außen phantasievoll beklebt und bemalt. Schließlich sollen die Apparate richtig toll aussehen. Ganz zum Schluss wird das winzige Loch mit der Nähnadel gebohrt - genau in die Dosenmitte. Verschlossen wird die „Linse" mit einem Streifen Heftpflaster.

Dunkelkammer im Abstellraum
Projektleiterin Adriane Branco half den 25 Kindern und ihrem Werklehrer, einen Abstellraum der Einrichtung zu einer kleinen Dunkelkammer umzubauen. Dort werden die unbelichteten Schwarzweiß-Fotopapierbögen in die Dose eingelegt, genau der „Linse" gegenüber - und an den Ecken vorsichtig mit Tesastreifen fixiert. Alles im Dunkeln - versteht sich. „Das machen wir inzwischen im Schlaf", erklärt Tátila. Dann kommt nur doch der Deckel auf die Dose, fertig ist die Kamera.

DosenkamerazoomAufnahme mit der Dosenkamera aus den Favelas.
Foto: Guilhermo Santo Ferreira, 10 Jahre
"Die guten Dinge sehen"
In Sete Lagoas sind die Kinder mit ihren Apparaten mittlerweile stadtbekannt. Das hat vor allem mit dem Aufwand zu tun, der notwendig ist, um ein Bild aufzunehmen. Tátila, João und ihren Freunden ist der Stolz von der Nasenspitze abzulesen: „Einfach knipsen, das können Kinder überall auf der Welt", meint Tátila, „unsere Fotos sind ganz anders." In der Tat. Pro Fotoshooting ist immer nur ein Bild möglich. Zum Teil suchen die Kinder tagelang ihre Motive aus. Ihr letztes Projekt nannten sie mutig: „Die guten Dinge sehen". Abgebildet wurden der SERPAF-Kindergarten, der Gesundheitsposten, die knorrigen alten Bäume am Stadtrand.

Drei Minuten Belichtungszeit
Zum Fotografieren brauchen sie einen Stuhl und helles Sonnenlicht. „Aber wir müssen darauf achten, dass die Sonne immer hinter uns steht", erklärt João, „Gegenlichtaufnahmen werden nicht so toll." Der Stuhl darf nicht wackeln. Dann wird die Kamera ausgerichtet. Neugierige Nachbarskinder verscheuchen die SERPAF-Fotografen energisch. Jetzt kommt der große Moment: Konzentrierte Stille; vorsichtig wird das Pflaster von der Linse gezogen. Drei Minuten Belichtungszeit, das ist das Mindeste. Mit der Stoppuhr arbeitet aber keines der Kinder. „Wir haben das im Gefühl", flüstert Tátila. Behutsam kleben sie endlich das Pflaster wieder auf das Loch. Fertig ist das Foto.

Fotos selbst entwicklen
In der Dunkelkammer muss jetzt nur noch das Blatt Fotopapier mit der Schichtseite nach oben vom Negativ zum Positiv gemacht werden. Dafür wird ein zweites Fotopapier gleichen Formates auf das belichtete Papier gelegt - diesmal mit der Schicht nach unten - und das Ganze kurz dem Licht einer Lampe ausgesetzt. In der Entwicklerflüssigkeit wird aus dem oberen Papier das fertige Bild - schwarzweiß und klar und deutlich.

Dosenkameras, Junge Journalisten bei SerpafzoomWarten auf die Aufnahme. Foto: Kindernothilfe Genauer hinsehen durch die Kamera
„Wir wollten hier im Projekt nicht mehr nur Hausaufgaben machen, spielen und rumkicken", fasst Tátila, die nie um eine Antwort verlegen ist, die Motivation ihrer Freunde zusammen. „Die Dosen haben uns geholfen, genauer hinzusehen, über Sete Lagoas und seine Menschen nachzudenken." Den Lehrern in der Schule ist auch schon aufgefallen, dass Tátila, João und ihre Freunde im Unterricht mehr Interesse und Engagement entwickeln. Sie haben die Dosenfotografen eingeladen, eine Ausstellung ihrer Fotos zu zeigen.

"Die verwunschene Straße"
Dabei kommen Leute auf den Bildern so gut wie nie vor. Auch Autos nicht, außer, wenn sie irgendwo geparkt wurden. Vom Einfach-mal-durchs-Bild-Fahren bleibt nicht mal ein Schatten, ähnlich ergeht es Fahrradfahrern, Fußgängern und den von einer Straßenseite zur anderen wechselnden Hunden. „Die verwunschene Straße" haben die Kinder deshalb eines der Fotos genannt; nur noch die kleinen Häuser und Hütten, der umgestürzte Eselskarren und der Müll an der Kreuzung sind zu erkennen.

DosenkamerazoomEin Mädchen zeigt ihr Dosenkamara-Bild. Foto: Jürgen Schübelin  Kinder geben Zeitung heraus
Doch Tátila, João und ihre Freunde sind bei SERPAF nicht die einzigen Kinder, die sich über ihre Stadt, über die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern, über die Armut in den Armenvierteln und die Gewalt in den Familien Gedanken machen: Zwei weitere Gruppen haben ein Journalismusprojekt ins Leben gerufen und geben eine beidseitig bedruckte Zeitung für Kinder und Jugendliche heraus, die noch ganz altmodisch von einer Wachsmatrize abgezogen wird. Das tut der Begeisterung aber keinen Abbruch. Adriane Branco, die Projektleiterin, der es sichtlich darum geht, dass die Kinder ihre Arbeit selbst erklären und ihre Ideen und Initiativen mit eigenen Worten vorstellen, erklärt ganz nüchtern: „Wir können mit dieser Kindertagesstätte und dem SERPAF-Zentrum die wirtschaftlichen Probleme der Familien hier am Rand von Sete Lagoas nicht lösen, aber es gelingt uns, dass die Kinder Selbstbewusstsein entwickeln, Dinge tun, auf die sie stolz sind, lernen, sich besser auszudrücken - und vor allem, sich zu beteiligen, einzumischen".

"So wollen wir nicht enden!"
Wie das geht, machen die Dosenfotografen immer wieder plastisch vor: Für eine ihrer Serien überzeugten sie die Männer an den Tischen vor einer der berüchtigtsten Kneipen im Viertel, für sie Modell zu sitzen - mit all den leeren Zuckerrohrschnaps- und Bierflaschen vor sich, die im Laufe eines durstigen Nachmittags zusammenkommen. Geschlagene drei Minuten lang, ohne sich zu rühren, ohne das Gesicht zu verziehen. Herausgekommen ist ein eindrucksvolles Schwarzweißbild, das eines der Dramen der Stadt auf den Punkt bringt. „Aber sie gehören doch auch dazu", sagt Tátila, „nur, so wollen wir nicht enden!"

Vorstellung des Projekts

Die jungen Journalisten aus den Favelas von Sete Lagoas

Kontakt:
Jürgen Schübelin, Leiter des Referats Lateinamerika & Karibik
E-Mail: Juergen.Schuebelin@knh.de

Sollten mehr Spenden eingehen als kurzfristig für die vorgestellte Projektarbeit benötigt werden, setzen wir diese für weitere Projekte zugunsten Not leidender Kinder ein.

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