Guatemala

Als Daniela einfach fortlief

Weihnachtsspenden-Kooperation mit der WAZ 2011 WAZ - KNH Weihnachtsaktion in GuatemalazoomFotos: Jakob Studnar San Pedro Sacatepéquez. An einem regnerischen Tag Ende November war es für Danielas kleine Schwester zu viel: Sie rannte aus dem Haus, den Hang hinunter und durch das halbe Land zu den Großeltern. Sie, die nie aufbegehrt hatte, die den Stock aushielt auf ihrem Kopf und das Stromkabel auf ihrer Haut, bis der Zorn der Mutter verrauchte. „Sie fiel dann einfach um und blieb liegen", sagt Daniela. „Sie kann sich nicht wehren."

Daniela kann. Und mit welch ungeheurem Mut: Da war dieser Tag, als die Mutter wieder mal durchdrehte, als sie die Schwester verprügelte, den kleinen Bruder in die Ecke schleuderte - „in dem Moment bin ich losgelaufen". Hinaus auf die unbefestigte Straße, wo schon die Nachbarn standen, angelockt von dem Geschrei und hämisch lachend, wie immer: Danielas Familie hat spanische Wurzeln, sie wollen sie nicht in diesem Indígena-Dorf. Und sie begreifen nicht, was schlimm daran sein soll, wenn Eltern ihre Kinder züchtigen. Eine 15-Jährige, die kürzlich Anzeige erstattete, musste sich später öffentlich entschuldigen - sie hatte gegen die Regeln verstoßen.

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Daniela aber ignorierte das alles, sie rannte zur Polizei, sie weinte, wie sie auch jetzt wieder weint: „Das Schlimmste ist", flüstert sie unter dem Tränenschleier, „wie sie meinen Bruder misshandelt." Die 17-Jährige hat nicht um ihrer selbst willen Hilfe gesucht; sie will der wehrlosen Schwester helfen und dem kleinen Cristian, der schlecht läuft mit seinen zwei Jahren, weil sein Rücken so schmerzt von den Schlägen. Der Richter schickte Daniela in eine Therapie. „Damit sie wieder normal wird und aufhört zu lügen."

"Sie ist ihre Mutter, aber sie hat sich nicht wie eine Mutter benommen"

Es war ihr Glück, dass sie zu Conacmi kam, der Kommission für misshandelte Kinder in Guatemala-Stadt, die Ihre Zeitung mit ihrer diesjährigen Weihnachts-Spendenaktion unterstützt. Denn die Psychologin dort erkannte, dass Daniela die Wahrheit sagte. Sie sah die Narben an ihrem Körper und sie lernte die Tante kennen, die alles bestätigte. Tante Johana, die Daniela zu sich nahm, als sie acht Monate alt war; ihre Schwester heiratete damals einen neuen Mann. Einen, der selbst prügelt, sich mit der Axt Zugang zum Haus verschaffte. Sie leben auf demselben abschüssigen Stückchen Land, umzäunt von rostigem Wellblech, bedroht von jedem Regen, der am Lehmboden unter Danielas Bett frisst. Die Löcher stopfen sie mit Mülltüten, den winzigen Raum teilen sie mit der Oma, und das einzige Klo ist in der Hütte der Mutter.

Ausgerechnet. „Sie ist mir böse, weil ich dazwischen gehe", sagt Tante Johana. „Sie sagt, es seien ihre Kinder, sie entscheide, wie sie erzogen werden. Sie sagt, sie ist ihre Mutter, aber sie hat sich nicht wie eine Mutter benommen. Und ich kann dabei doch nicht zusehen!" Die allein stehende Frau versucht zu helfen, aber sie hat das Sorgerecht nicht und auch kein Geld. Daniela kann sie deshalb nicht mehr in die Schule schicken, in die sie so gern geht. Am liebsten würde Johana fortziehen, „aber ich kann ihr die Kinder nicht wegnehmen". Und sie auch nicht bei ihr lassen. Was soll sie jetzt dem Richter sagen? „Ich will nicht, dass meine Schwester ins Gefängnis muss." Schon, weil die Kinder dann ins Heim kommen. „Wir versuchen, Frieden zu halten."

Die Mutter war nicht einen einzigen Moment lieb zu ihr

Daniela hört schweigend zu, sie blickt mit großen schwarzen Augen auf ihre kleine, unglückliche Welt, aber die sehen nicht viel. Die 17-Jährige hat eine Krankheit, links ist sie blind, rechts würde eine Brille helfen, aber die ist kaputt. Auch Daniela hat Angst vor dem Heim, alle Kinder in Guatemala haben diese Angst, „lieber halten sie Misshandlung und Missbrauch aus", sagt Conacmi-Psychologin Gloria Solares. Deshalb hat auch Daniela so lange ausgehalten: dass „mamá" sie an einen Pfosten band, dass sie die Schwester zum Betteln schickte, dass sie immer wieder prügelt, ohne jeden Anlass.

Ob es nie einen Moment gegeben hat, in dem die Mama lieb zu ihr war? Daniela überlegt nicht, „nie", sagt sie sofort. „Sie ändert sich nicht. Sie fürchtet auch den Richter nicht." Sie wollte mit zu Conacmi gehen, was jetzt die Tante tut, sie verspricht es immer wieder, aber sie kommt nie. Und die Therapie, die Daniela dort bekommt, hilft den Geschwistern nicht. Zwar hat Gloria Solares geschafft, dass Daniela ihren Mut nicht bereut. Aber Träume für ein besseres Leben? „Das ist vorbei."

Eher hat Daniela Angst, dass noch Schlimmeres passiert. Sie ist nicht unbegründet. In Guatemala sterben laut einer Studie zwei Mädchen am Tag durch Gewalt.

Autorin: Annika Fischer, WAZ-Reporterin

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